DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Alltägliches

(Kategorie Beijing 2007 | 4.9.2007, 18:18)

So manches, was in Beijing alltäglich ist, erscheint dem Westeuropäer bemerkenswert, merkwürdig oder zumindest interessant. Hier eine Auswahl kleiner Auffälligkeiten, die wohl keinem Beijinger auffallen würden:

Verkehr

Fahnenschwenker und Straßenbarrieren
Auf dem Bild links sind gleich drei beijingtypische Dinge zu sehen: Im Vordergrund eine der weißen Straßenbarrieren, die die Fußgänger vor dem mörderischen Überqueren der x-spurigen Straße bewahren soll, kurz dahinter die kleine Variante davon, die Fahrradfahrer vor dem Autoverkehr schützt (oder andersherum? ;)
Der weißbehandschuhte Fahnenschwenker zwischen den Barrieren ist einer jener typischen Verkehrshelfer, die den ganzen Tag Fahrradfahrer darauf hinweisen, dass das Überfahren der roten Ampel unklug wäre. Sie nehmen es aber fast nie übel, ignoriert zu werden...
Auf der rechten Seite des Bildes noch halb zu sehen ist ein Beijinger Taxi. Früher gab es deren drei unterschiedlich moderne Autotypen mit gestaffelten Preisen, heute sind die Taxis zwar immer noch unterschiedlich modern, aber alle gleich bepreist: 1 Euro für die ersten paar (10?) Kilometer, 20 Cent für jeden weiteren.

Dreirad
Das typischste aller Beijinger Transportgefährte - in genau dieser Ausführung wohl auch das häufigste Beijinger Tretrad. Hinten kommen Waren, Menschen oder 2 Meter hohe Stereoanlagen rein, vorn sitzt der Fahrer und klingelt alles weg, was ihm in den Weg kommt. Gebremst wird mit dem Hebel hinter der Lenkergabel. Der Transportkasten ist übrigens gefedert; wie effektiv, habe ich aber noch nicht ausprobiert...

Rikscha
Die häufigste Form der Rikscha ist die motorisierte - gelegentlich in der Ausführung als Motorrad mit Stützrädern hinten und Kasten rundherum. Die klassische fußkraftbetriebene Version mit rot ausgeschlagenem Touristenchassis (rechts) gibt's aber auch noch zuhauf. Von der Grundbauart nichts viel anderes als eines der eben beschriebenen Transportfahrräder, mit derselben Hebelbremse ;)

Bushaltestelle
Wer weder Taxi noch Rikscha noch Transportfahrrad fahren will, kann auf den Bus zurückgreifen; die uniformen Haltestellenschilder weisen ihm den Weg. Links oben die Busnummer, rechts oben Anfang und Ende der Strecke, rot darunter die aktuelle Haltestelle. Ungewohnt: Statt der detaillierten Zeiten vermerkt dieses Schild nur den Zeitraum, während dessen die Haltestelle bedient wird (links unter der Busnummer) - irgendwann kommt schon ein Bus ;)
Das große Grün listet von links nach rechts (das wiederum sagt der rote Pfeil ganz unten) die einzelnen Haltestellen, jeweils von oben nach unten geschrieben (deshalb sind einige Spalten voller als andere). Unmittelbar über dem Pfeil ist manchmal eine Preisstaffelung für längere Strecken angezeigt, manchmal aber auch nur der Hinweis, dass jede Fahrt 10 Cent kostet.

Radkappenschutz
Schließlich noch ein Wort zu den Autos. Oft sieht man vor allem in Nebenstraßen (Hutongs) die links abgebildete Szene. Ich habe lange gerätselt: Schutz vor Sonneinstrahlung? Marder? Chinesischer Dämonenglauben? Gut - gebe zu, den letzten Gedanken nicht gehabt zu haben. Aufs einfachste bin ich aber trotzdem nicht ohne Hilfe eines Einwohners gekommen: Hunde. Die gibt's in den Hutongs zuhauf. Und als hätte mein neuer Glaube an den Hundedämon einer Bestätigung bedurft, wurde das ungeschützte Auto genau hinter dem links abgebildeten von einem dieser Dämonen heimgesucht, just als ich auf den Auslöser drückte...

Straßenschilder
Eine kuriose Erfindung sind Straßenschilder nach der Art des links abgebildeten, die man an allen größeren Straßen (so etwa ab 4 Spuren) findet. In der Mitte steht der Straßenname in Schriftzeichen und Umschrift. Links und rechts davon weißen grüne Beschriftungen auf weißen Pfeilen die Himmelsrichtung. Da Beijing schachbrettartig angelegt ist, ist die Auszeichnung auch immer ziemlich genau. Und enorm hilfreich, wenn man sich nach den hundertfach verzweigten Hutong-Nebenstraßen auf einer großen Straße wiederfindet und keine anderen Anhaltspunkte zur Orientierung hat...
Nachts sind die Schilder übrigens von innen beleuchtet und auch von der gegenüberliegenden Straßenseite gut zu lesen.

Der gelbe Streifen
Anfangs hielt ich ihn für Deko, diesen gelben (hier schmutzig-grauen) Streifen entlang der Fußwege. Bis mir auffiel, dass wirklich keiner der größeren Fußwege (sprich Fußwege entlang derjenigen Straßen, an denen man Schilder wie das oben abgebildete findet; Hutongs haben ihre eigenen Regeln ;) ohne diesen Streifen auskommt. Des Rätsels Lösung, nach Bekunden eines Wahl-Beijingers: Im Winter dient das Profil des Streifens als rutschfester Gehweg...

Lebenshaltung

Heißwasserflaschen
Vor dem Verzehr gut abgekocht sollte es sein, das Beijinger Leitungswasser. Zwar scheinen die Beijinger selbst die Bakterienbrühe (und ja, das klingt schlimmer als es ist - Beijinger Leitungswasser riecht nicht anders, schmeckt nicht anders und sieht schon gar nicht anders aus als deutsches) gut zu vertragen, aber die Kanister, die präzise 3.2 Liter fassen, sind dennoch allgegenwärtig - nicht nur in den Touristenrestaurants. Man hört, das Wasser bleibe darin 24 Stunden lang kochend heiß; meist werden die Teekannen schlicht mit jenem Heißwasser befüllt.

Teekannen
A propos Teekannen: Die Teekanne an sich ist ja nichts besonderes. Was ich aber bemerkenswert finde, ist, dass Teekannen von jenem Design (und auch jene blechernen in billigeren Restaurants) offenbar so gebaut sind, dass es unmöglich ist, daraus auszuschenken, ohne etwas zu verschütten. Habe noch keine Kellnerin erlebt, der das gelungen wäre - so auch in diesem Falle; die feuchte Pfütze links ist noch zu sehen...
Bemerkenswert übrigens auch, dass die Teenäpfchen keine Henkel haben; aber das ist ja allgemein bekannt... Oh, und in China werden natürlich nur echte Teeblätter aufgegossen. Die Kanne hat am Nasenansatz ein Sieb, das zumindest die gröberen Teile zurückhält. Der Rest ist links im Teenäpfchen schwimmend zu sehen...

Gebläsekühlschrank und Türlamellen
Der Beijinger Sommer ist heiß. Und trotz des "natürlichen" UV-Filters, der Beijing umhüllt (ja, ich rede von Smog ;) wird man sogar braun. Aber ich schweife ab. Also, der Beijinger Sommer ist heiß. Deshalb sieht man allenorten Klimaanlagen. Eine vor allem in Restaurants und großen Geschäften eingesetzte Variante ist die abgebildete. Die andere, Ventilatoren, kann sich auch der Westeuropäer hoffentlich ohne Bild vorstellen ;)
Links neben dem Kühlschrankgebläse sieht man die typischen dicken Plastiklamellen, die nahezu jeden Geschäftseingang vor Hitze und neugierigen Blicken schützen. In Deutschland nur aus Kühlhäusern bekannt, findet man die Plastikdinger hier in jeder Farbnuancierung zwischen strahlend weiß, stark vergilbt und dreckgeschwärzt - oft ein Indikator für das, was dahinterliegt...

Wäsche
Wäsche? Ja, auch in Beijing gibt's Wäsche. Was daran besonders ist? Dass sie, vor allem in den Nebenstraßen (Hutongs) zum Trocknen einfach auf die Straße gehängt wird. Manchmal mit Bügel, manchmal ohne, manchmal nahe beim Eingang, manchmal auf der Straßenseite gegenüber, weil da grad die Sonne hinscheint oder ein Stromkabel tiefhängt... Scherz'le g'macht; tiefhängenden bzw. einseitig auf dem Boden liegenden Stromkabeln bin ich aber in der Tat schon begegnet - sehr unangenehm als Fahrradfahrer, plötzlich zwei Meter vor sich den Strick auf Halshöhe hängen zu sehen ;)

Telefonzelle, Modell Kosmonautenhelm
Nur eines von mehreren Modellen - aber definitiv das ulkigste. Zum Telefonieren "setzt" man sich den überdimensionierten Astronautenhelm auf, steckt seine Telefonkarte, die man in einer der Hutongs oder anderen Geschäften für - so glaube ich mich zu erinnern - 1 Euro gekauft hat, hinein, und telefoniert munter los. Wie lange die Karte hält, weiß ich allerdings nicht, da ich mir noch nicht die Freude gemacht hab, einmal aus dem Halbrund in die Welt zu sprechen...

 

Öffentliche Toiletten
Öffentliche Toiletten sind in Beijing sind zwar kostenlos, zugleich auch immer offene Toiletten. Die Tür steht offen, die einzelnen Toiletten haben meist keine Trennwände, und auf westliche Toiletten sollte man lieber nicht hoffen.
Was Beijinger Toiletten von westlichen unterscheidet? Nun, sie sehen aus, als sei bei einer westlichen Toilette die Schüssel geklaut worden. Wollte das lieber nicht fotografieren, aber ganz neugierige Nasen können sich im Internet detailliert informieren ;)
A propos Nasen: Dass eine dieserart offene Toilettenkultur nur auf dem Bild im Internet geruchsneutral ist, versteht sich, oder?

Zuletzt noch ein PS: Um die Fäkalthemen an dieser Stelle auch gleich abschließen zu können, noch ein Hinweis auf die geschlitzten Hosen der Beijinger Kinder, die es ihnen ermöglichen, jederzeit und überall ihre Notdurft hinzusetzen. Waren wohl früher üblicher, und ich habe bislang auch nur ein Kind in einer Hutong eine solche Hose tragen sehen. Durchaus gebräuchlich ist es aber scheinbar, kleine Kinder (bis etwa 3 Jahren) ganz ohne Hose auf die Straße zu lassen...