DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Die Weiqi-Szene

(Kategorie Beijing 2007 | 6.9.2007, 20:49)

Ich bin soeben von einem Trip in die Beijinger Weiqi-Szene zurückgekehrt, die mehr als interessant ist.

Einige der Leser dieser Zeilen dürften wissen, worum es sich handelt; für die anderen nur soviel: Weiqi (oder japanisch "Go") ist das wohl älteste Brettspiel der Welt, das sich von den verschiedenen Varianten des Schachs - denn schlicht von "Schach" sprechen möchte ich nicht mehr, seit ich hier das äußerst interessante chinesische Schach (Xiangqi) kennengelernt und etwas über das japanische (Shogi) gelesen habe - vor allem darin unterscheidet, dass das Brett etwa viermal so groß ist, alle Steine gleich sind, auf die Linien gesetzt statt auf den Feldern gezogen wird und das ganze Spiel viel stärker von Intuition und Spielgefühl abhängt als von rationaler Berechnung. Die Regeln lassen sich in fünf Minuten lernen.

Dieses Spiel also, zugunsten dessen ich vor etwa fünf Jahren das europäische Schach zurückgestellt habe, wollte ich hier, in seiner Heimat, einmal in gewissermaßen originärer Kulturumgebung erfahren. Ich fragte also in der Jugendherberge nach einem Ort, an dem viele Leute Weiqi spielen, und wurde auf das Weiqi Fangdian verwiesen. Fangdian, also Restaurant. Hervorragend! Meine Vorstellungen von bärtigen alten Männern, die auf ihren Fersen sitzend an einem flachen Teetischchen gemächlich die Steine setzen und nachdenklich aus ihren tönernen Teetassen nippen, waren bestärkt, und so machte ich mich eines Sonnabends auf, jene alten Meister in ihrem Weiqi-Lokal zu besuchen und ihnen zu zeigen, dass auch der Laowai (Ausländer) ihr Spiel zu schätzen weiß.

Daraus wurde zunächst mal nichts. Das quaderförmige Fangdian fand ich zwar, doch von einem Baugerüst umgeben. Keine Fensterscheiben mehr, kein Leben im Haus. Nur ein Wachtposten davor (wie vor so vielen Gebäuden), der mir dann auch die neue Adresse geben konnte. Er wies mich noch darauf hin, dass samstags aber ohnehin nicht gespielt wird. Nun gut, auch alte Weiqi-Meister brauchen ihr Wochenende. Ich ging also heute zu der neuen Adresse, war in Ermangelung einer Zeitangabe eine halbe Stunde zu früh dran und schlenderte noch ein wenig durch die Nachbarschaft. Als ich punkt halb sieben dann an der Adresse aufkreuzte, wies mir der dortige Wachtposten dann den Weg zu einem weißen Gebäude im Hinterhaus. Dort brannte kein Licht, aber im Halbdunkel saßen zwei Gestalten, die mich denn auch barsch fragten, was ich hier wolle. Ich fragte artig, ob ich denn hier im Weiqi Fanguan sei. Ja, das sei hier. Gut, dann wolle ich gern spielen. Da lachte die Frau, wies auf ein Kind, das gerade hinter mir durch den Eingang geschlüpft war, und machte mir verständlich, dass das hier nur für kleine Kinder ("xiaohairrrrr!") sei. Noch immer lachend nahm sie mich mit in den ersten Stock, öffnete eine Tür und gab den Blick frei auf ein Zimmer voll tobender Kinder vor ihren Brettern. Einer hatte sich zwei Steine ins Gesicht geklebt, andere lachten den komischen Laowai an. Der Unterricht hatte noch nicht begonnen. Vom überhaupt nicht greisen Lehrmeister, der schon im Raum war, lies ich mir dann die Adresse eines Ortes geben, an dem Erwachsene Weiqi spielen. Ich bedankte mich bei der Frau, verließ das Haus und schlug die Richtung ein, die mir gewiesen worden war.

Ich fand das bezeichnete Gebäude recht schnell - ein Verlagsgebäude auf meiner Beijinger Lieblingsstraße, der Zhushikou, die zwischen dem Zentrum und dem südlich davon liegenden Himmelstempel verläuft. Der Wachtposten, der hier seinen Dienst saß, wies mich in den ersten Stock, und durch die abgedunkelten Gänge verlassener Büroräume (es war bereits nach 19 Uhr) kam ich zu einem kleinen Lokal. Die Einrichtung war dezent geschmackvoll: lange niedrige Bücherregale, über denen große Fensterscheiben den Blick auf das Nachtleben der Zhushikou eröffneten; davor Tische und Stühle aus Bambus, auf deren sanftgrünen Tischdecken die dicken Weiqi-Bretter ruhten. Die Empfangsdame hatte mich bereits gesehen, so trat ich näher und erkundigte mich, ob hier Eintritt zu zahlen sei. Sie wies auf das Messingschild am Empfangsschalter, das auf 4 Euro lautete. Ich schluckte kurz. Selbst der Eintritt am Himmelstempel war billiger - und da galten Touristenpreise! Doch bevor ich reagieren konnte, fragte sie mich bereits, ob ich Tee oder Cola wolle. Ich besann mich nicht weiter, bestellte Tee, griff zwei Geldscheine heraus und trat ein.

Nun konnte ich auch die Besucher des Etablissements näher betrachten. Erstaunlich jung waren viele dieser Burschen und - für Beijinger Verhältnisse ungewöhnlich - fast sämtlich Brillenträger. Dem Vernehmen nach wird Weiqi von vielen Chinesen als das Spiel der zahnlosen Tattergreise gesehen; die Spieler hier aber waren im Schnitt kaum älter als 30 Jahre. Also wieder keine Spur von greisen Meistern... Dafür fand sich glücklicherweise gleich ein Spieler bereit, mir die Taufe zu verpassen - ich verlor die Partie und saß danach für eine Weile unbeschäftigt, da alle anderen Paare noch spielten. Beim Umsehen bemerkte ich im hinteren Teil des Raums eine Reihe jener Weiqi-Räume, die ich erwartet hätte: Niedrige quadratische Teetischchen, Schiebetüren aus Reispapier, kunstvolle Kalligraphie-Rollen an den Wänden.

Als eine andere Paarung das Spiel beendete und einer der beiden Spieler sich verabschiedete, wurde ich eingeladen, gegen den anderen zu spielen. Die Vorgabe an Steinen, also jener Vorsprung zum Ausgleich von Spielstärkeunterschieden, wurde von vormals 4 auf nun 6 Steine erhöht. Am Verlust änderte das nichts. Nach der Partie kam ich mit meinem Gegenüber ins Gespräch. Und hier nun wurde es interessant: Auf die Frage, ob Beijing denn noch andere Weiqi-Lokale hätte (Hintergedanke: man muss ja nicht jeden Abend 4 Euro bezahlen, in einer Stadt, in der chinesisches Schach auf der Straße gespielt wird!) antwortete er, es gebe nicht viele. Das erstaunte mich - immerhin war ich in des Spiels Heimat - und er erläuterte, dass sich nur wenige Chinesen den Eintritt hier leisten könnten (das wiederum erstaunte mich nicht) weshalb die meisten Spieler im Internet spielten. Auch Turniere seien daher rar, wenn man von den Profispielern absehe. Ich erkundigte mich näher über das Lokal, in dem ich mich gerade befand, und er erzählte mir wie nebenbei, das hier sei Beijings... er überlegte kurz... nein, eigentlich Chinas bestes Weiqi-Lokal. Die Büroräume, die ich zuvor durchquert hatte, gehörten einem großen Beijinger Verlag, der die beste Weiqi-Zeitschrift Chinas herausgebe. Schon zuvor hatte ich erfahren, dass mein Gegner einen Weiqi-Meistergrad bekleidete, und ich fragte ihn, wie stark die anderen denn so seien. Er schien verdutzt und teilte mir mit, dass hier natürlich jeder einen Meistergrad innehabe. (Und mit diesem Wissen wäre statt 4 oder 6 mindestens die Maximalzahl von 9 Vorgaben gerechtfertigt gewesen ;)

Nachdem ich mir von ihm noch ein paar Eröffnungen hatte zeigen lassen und im Smalltalk erfuhr, dass die ach-so-klassischen Weiqi-Räume mit den Reispapier-Schiebetüren quasi nie benutzt wurden (nein, nie - nicht einmal von Profis!), lösten sich die verbliebenen Runden auf und konzentrierten sich um das letzte laufende Spiel sowie einen Laptop, an dem vergangene Partien in einer Geschwindigkeit durchgeklickt und diskutiert wurden, die mich nicht einmal erkennen ließ, wo denn gerade ein Stein gesetzt worden war. Die verbleibenden fünf Spieler scherzten miteinander, genossen den Abend und schienen mich, der ich noch teetrinkend dabeisaß, völlig vergessen zu haben. Nachdem mein vormaliger Spielgegner das Lokal ohne Abschiedsformel verlassen hatte, ging auch ich meiner Wege, grüßte im Vorbeigehen den Wachmann, der gerade auf dem Gehweg seine müden Glieder streckte, und tauchte - vorbei an den Neonlichtern der Zhushikou - in die Hutongs ab. Dort waren zahnlose Greise noch bis spät in die Nacht dabei, lautstark diskutierend ihre Xiangqi-Steine aus grob gedrechseltem Holz auf abgenutzte Pappbretter zu dreschen...