DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Andere Länder, andere Sitten

(Kategorie Beijing 2007 | 7.9.2007, 12:14)

Die Etikette (für die Juristen unter den Lesern: der Maßstab des sozialadäquaten Verhaltens ;) in China und Europa könnte kaum unterschiedlicher sein - das weiß quasi jeder. Wer also nicht ganz kulturell ignorant ist, informiert sich vorher und achtet peinlich genau vor allem auf die automatisierten Handlungen. Man sollte eben kein benutztes Taschentuch vor chinesischen Augen zurück in die Hose stecken, genauso wenig wie man die Stäbchen in den Reis steckt. Womit wir schon beim umfangreichen Kapitel Tischsitten wären. Trotz aller Vorsicht habe ich deren kürzlich zwei verletzt - zum Glück ohne gravierende Folgen...

Aus reiner Neugier bestellte ich neulich in einem Beijinger Restaurant, das ein ungewöhnlich sauberes und gepflegtes Ambiente selbst nach westlichen Maßstäben bot, ein Gericht, bei dem ich außer den Schriftzeichen für "fünf" und "Fisch" nichts verstand - vermute, es handelte sich um etwas wie "Fünf Sorten Fisch in würziger Soße"... es hätte aber auch "Fünfmal gedünsteter Himmelsfisch" heißen und in Wahrheit Rindfleisch sein können ;) Dass es letztlich Fisch war, fand ich schnell heraus, denn in Beijing ist Fischfilet leider kaum üblich. Der Fisch wird zerhackt, in Öl gebraten, und das Entfernen der zerstückelten Gräten und Flossen dem Gast überlassen. So saß ich denn da, zog nach jedem Bissen Dutzende kleiner scharfer Grätenstückchen mit den Fingern aus dem Mund und legte sie auf den Tellerrand. Ich kam mir recht albern dabei vor, mir in einem guten Restaurant mit den Fingern im Mund zu pulen und hatte durchaus das Gefühl, irgendeine Benimmregel gerade schwer zu verletzen. Als fünf Minuten später einer der Kellner sein Essen am Nebentisch zu sich nahm (dass das Bedienpersonal im Gästeraum speist, kennt man aus Deutschland nicht, ist hier aber genauso üblich wie dass Bedienungen mit dem Kopf auf einem Tisch im Gästeraum schlafen ;) fiel mir dann auch endlich ein, welche Regel ich verletzt hatte. Nicht mit den Fingern im Mund zu pulen - das machte mein Tischnachbar - mangels Alternativen - genauso. Nur legte er seine Knochen eben nicht auf den Teller, wie ich unzivilisierter Europäer, sondern auf den Tisch neben den Teller. Für Gräten gilt natürlich die selbe Regel wie für Knochen: Essenreste gehören doch nicht auf den Teller, von dem man isst!

Der zweite Faux-pas unterlief mir, als ich kürzlich mit einer Chinesin zum Essen war und eingeladen wurde. Natürlich weiß man, dass es in China eine grobe Unsitte ist, den Teller ganz leer zu essen. Das suggeriert, dass der Gastgeber nicht genug bestellt hat und zwingt ihn förmlich dazu, nachzubestellen. Ist der Teller erst einmal leer, hilft auch höfliches Ablehnen - wie ehrlich es auch gemeint sein mag - nicht mehr, denn die Höflichkeit des Gastgebers gebietet es ihm nun einmal, die Höflichkeit des Gastes zu dessen eigenem Wohl zu übergehen. Ich war also mehr als vorsichtig, meine Nudelschüssel nicht ganz auszuessen. Zum Glück gab es auch Suppe; die Gastgeberin füllte mein Schälchen auch tatsächlich jedesmal aus der Schüssel nach, wenn ich etwas daraus gegessen und den Löffel weggelegt hatte - auch das ist in Deutschland, wo man den Gast erst aufessen lässt, bevor man nachschenkt, unbekannt. Die Suppe war recht würzig, so dass ich schnell mein Wasserglas ausgetrunken und den Kellner gebeten hatte, nachzuschenken. Das Essen neigte sich dem Ende zu, ich ließ vorbildlich einen Rest Nudeln in meiner Schüssel, ließ auch meine Suppenschale unberührt, als die Suppenschüssel bedrohlich leer geworden war, trank mein Wasserglas aus, und schlug vor, zu gehen. Leider reagierte die Gastgeberin anders als erwartet. Statt begeistert zuzustimmen, blickte sie mich erschrocken an und fragte, ob ich noch etwas trinken wolle. Da ging mir auf, dass ich die Regel doch noch verletzt hatte - was für Essen gilt, gilt selbstverständlich auch für's Wasserglas... und meines war leer! Ich bestätigte ihre Frage artig, bekam das Glas noch einmal vollgeschenkt, wir redeten noch eine Weile (ich immer darauf bedacht, einen Schluck im Glas zu lassen), doch als es just zum letzten Schluck kam, war es glücklicherweise die Gastgeberin, die nun ihrerseits vorschlug, zu gehen - ich grinste nur innerlich und stellte mir das Gesicht des verwirrten deutschen Gastes vor, dem man den Aufbruch vorschlagen würde, ohne ihm Gelegenheit gegeben zu haben, sein Glas zu leeren...