DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Manche mögen's feucht - chinesische Teezeremonie

(Kategorie Beijing 2007 | 10.9.2007, 15:41)

In einem früheren Beitrag schrieb ich, man könne aus chinesischen Teekannen scheinbar nicht ausschenken, ohne etwas zu verschütten. Daran halte ich weiterhin fest, aber mittlerweile verwundert es mich nicht mehr. Ich habe gestern nämlich in einem Teeladen (in einem Einkaufszentrum, dessen komplettes Obergeschoss verschiedensten Teeläden gewidmet war) eine Teezeremonie erlebt, die ich hier beschreibe - in der Hoffnung, damit einigermaßen repräsentativ das Beijinger Teekonsumverhalten nachzuzeichnen.

Die Ingredenzien sind auf obigem Foto abgebildet - ein lackierter, aus einem Stück sehr kunstvoll geschnitzter Teetisch mit mehreren Ebenen, sanft abgerundeten Kanten und einem über allem thronenden Buddha bildet die Bühne für das folgende Spektakel: Mit dem oben rechts abgebildeten Füllhorn werden aus großen Beuteln getrocknete Teeblätter entnommen und - mit einer elektronischen Wage zehntelgrammgenau bemessen - in eine Schale gegeben. In diese Schale kommt - wie oben abgebildet - das kochende Wasser, das aus dem Wasserspender entnommen und in einer Blechkanne auf einer kleinen Kochplatte erhitzt wurde. Deckel drauf, etwa fünf Sekunden ziehen lassen, dann wird der Deckel etwas gelüpft und der Tee durch die Ritze in die kleine Glaskanne gegossen, in die zuvor das auf dem Bild links daneben liegende Sieb eingelegt wurde.

Parallel dazu wird mit der Pinzette (im Bild ganz links) aus einem großen Behälter eins von mehreren Trinknäpfchen (die sehr viel kleiner sind als die ohnehin schon kleinen in den Restaurants erhältlichen Näpfchen) herausgeangelt und mit dem kochendem Wasser aus der Blechkanne ausgespült. Das Spülwasser wird mit Schwung auf den Teetisch geschüttet, wo es teilweise durch kleine Rinnen am Rand abläuft und in einen darunter stehenden Eimer tropft, und teilweise eine Pfütze bildet, die verdunsten würde, wenn sie nicht alle paar Minuten neu genährt würde ;)

Der Tee aus der Glaskanne wird schließlich auf die vorhandenen Näpfchen verteilt, wo er sehr schnell abkühlt und zügig getrunken wird. Unterdessen wird weiterer Tee aus den selben Blättern wie beschrieben zubereitet und in die Glaskanne gesiebt, von wo er seinen Weg in die Näpfchen findet. Beim Ausschenken findet die Zielgenauigkeit kaum Beachtung - was daneben geht, nimmt seinen Weg wie beschrieben durch Ablaufrinne oder Verdunstung (letzteres auf dem Foto um das Trinknäpfchen herum abgebildet). Wenn die Kanne dabei doch einmal zu feucht wird, wird sie kurz auf dem weinroten Tuch (im Foto rechts oben) abgetupft, und die Planscherei geht weiter ;)

In unserem Fall war der Teezeremonienmeister übrigens ein neunjähriger Junge, dem das Ganze sichtlich Spaß machte. Was nicht heißen soll, dass seine Eltern, denen der Teeladen gehörte, weniger zimperlich mit dem heißen Nass umgegangen wären... Im Laufe einiger Stunden, während derer man stetig Tee trinkt und dabei plaudert, passiert es natürlich auch einmal, dass ein Näpfchen oder eine Kanne unbeachtet stehenbleibt und kalt (also bitter) wird. Und wieder findet jener Tee genau denselben Weg ins Nirvana: Schwungwoll auf den Teetisch gekippt, die Kanne und das Sieb über dem Tischchen mit heißem Wasser ausgespült und neuer Tee aufgesetzt.

Übrigens: Angeblich reichen drei verschiedene Sorten Tee für eine Wirkung, die der von Kaffee entspricht. Da ich keinen Kaffe trinke, kann ich das nicht beurteilen. Aber sechs verschiedene Sorten Tee verursachen Kopfschmerzen - soviel kann ich aus eigener Erfahrung behaupten ;)