DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Die Xiangqi-Szene

(Kategorie Beijing 2007 | 10.9.2007, 16:34)

Nachdem ich mehrmals Gruppen älterer Chinesen das chinesische Schach (Xiangqi) hatte spielen sehen, reizte es mich, das Gesehene auch verstehen zu können. So las ich mir im Internet die Regeln an... und bekam schon am nächsten Abend Gelegenheit, das Gelernte auszuprobieren. Als ich nämlich an einem Xiangqi-Tisch zusah, wie ein Restaurantbesitzer seiner Freundin das Spiel erklärte, wurde die Freundin, die nebenbei die Gäste des Lokals bedienen musste, weggerufen - und der junge Mann lud mich ein.

Nach drei zäh durchkämpften, aber eben doch verlorenen Partien überließ ich das Brett einem anderen Spieler und setzte den Weg zu meinem eigentlichen Ziel, meinem Abendessen, fort. Später am selben Abend spielte ich noch ein wenig im Internet und es gelang mir, unter den ersten fünf Partien sogar eine zu gewinnen. Richtig lustig wurde es aber erst heute.

Heute morgen habe ich die Jugendherberge gewechselt, um von hier aus den Norden Beijings erkunden zu können. Beim ersten Erkundungsrundgang im Viertel Haidian kam ich nach nicht allzu langer Zeit wieder an ein Xiangqi-Brett und sah ein Weilchen zu. Man sollte vielleicht erwähnen, dass ein Xiangqi-Tisch, wie ich ihn am Vorabend benutzt hatte, sehr ungewöhnlich ist, denn Xiangqi ist - anders wiederum als Weiqi - ein Straßenspiel, das häufig auf selbst gebastelten Brettern mit selbst gedrechselten und beschrifteten Holzsteinen gespielt wird. So auch hier. Die beiden Spieler spielten - auch das sieht man häufig - sehr kollaborativ-konstruktiv - Fehler wurden dem Gegenüber (meist schon vor Beendigung des Zuges) mitgeteilt, bessere Züge vorgeschlagen und das Zurücknehmen gern erlaubt.

An einem Punkt der Partie fasste ich daher ein Herz und wies die beiden darauf hin, dass einer der beiden seinen König im Schach hatte stehen gelassen. Sie bestätigten das erstaunt, der Spieler musste aufgeben (ihm fehlten zu der Zeit ohnehin schon fast alle wichtigen Figuren) und ich wurde an seiner Stelle eingeladen, gegen den alten Herrn auf der anderen Seite des Brettes zu spielen. Natürlich wehrte ich sofort mit der Begründung ab, ich spielte viel zu schlecht - was nicht nur der obligatorischen Höflichkeit, sondern diesmal auch der Wahrheit entsprach - und natürlich ließ sich der alte Herr davon nicht beirren. Also setzte ich mich auf die mir angebotene Plastiktüte und spielte los. Als ich drei Stunden später wieder aufstand, hatte ich etwa zehn Partien - nämlich alle - verloren, so manches gelernt und ungefähr sechzig Chinesen unterhalten... Unser Brett war ständig von acht bis zehn Leuten umstanden, von denen einige nur interessiert zusahen, andere sich - wie beim Straßen-Xiangqi üblich - aktiv einmischten und Ratschläge gaben, die freilich nur mein Gegenüber verstand. (Immerhin konnte man einige Überlegungen anhand der sehr gestenreichen Diskussionen sowie anhand wiederkehrender Schlagworte wie che - "essen", also schlagen - und xiang - neben dem Namen einer Figur auch "Schach" - verstehen...)

Mein Spielgegner wechselte drei oder viermal, und stets übergab einer dem nächsten das Brett mit Worten, aus denen ich lediglich das Wort waiguoren bzw. laowai (beides heißt Ausländer) heraushörte... Es muss ungefähr die sechste oder siebte Runde gewesen sein, als bei einer dieser Gelegenheiten ein Zuschauer amüsiert etwas bemerkte, womit er auch mich amüsierte: "Guoji bisai!" - Internationales Tournier! Ich musste mir das Lachen verkneifen... und verlor auch diese Partie souverän für die deutsche Delegation.