DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Es stand ein Stand am Straßenrand...

(Kategorie Beijing 2007 | 3.10.2007, 19:04)

Das Leben am Rand von Beijings Straßen ist vielfältig. Es folgt eine Auswahl augenfälliger Besonderheiten:


Spezereien

Kiosk
Viele größere Straßen säumen Kioskstände, die neben frisch zubereiteten bings (dazu gleich) gebratene Würsten, Eis aus der obligatorischen Tiefkühltruhe sowie diverse Erfrischungsgetränke anbieten. Auch ein Blickfang, der einem auf Beijings Straßen oft begegnet, findet sich an jedem Kiosk: Das Tontöpfchen mit der Kuh.

"Honigsauermilchjoghurt" könnte man die Aufschrift übersetzen, die sich weiß auf blau über den Papierdeckel streckt, bevor sie vom Strohhalm durchbohrt wird. Von Honig habe ich nichts geschmeckt - am ehesten ist das Gebräu wohl mit demjenigen vergleichbar, das in Deutschland als "Actimel" vermarktet wurde. So lässt auch hier der Deckel nicht den Hinweis auf wertvolle lactobacilla vermissen. 20 Cent kostet eines dieser Getränke; das leere Tontöpfchen nehmen viele Läden zurück, einige Verkäufer bestehen auch auf dem Sofortverzehr.

Frühstücksbing
Spanien hat die Tortilla, Frankreich hat die Crêpe, China hat den-die-oder-das bing. Auf einer heißen Herdplatte wird mit einem Gerät, das an eine Gummilippe erinnert, flüssiger Teig gleichmäßig ausgebreitet (gibt auch Künstler, die ihre Platte dabei am Rotieren halten), kurz stocken gelassen, ein rohes Ei hineingeschlagen, ebenso darauf verteilt, das ganze nochmal von der anderen Seite gebraten, mit Würzpaste bestrichen, mit Kräutern bestreut, mit einem Knäckebrotfladen (im Bild rechts oben) belegt und anschließend auf Handgröße zusammengefaltet. Das ganze kommt in eine Plastiktüte, wie man sie aus den Gemüseabteilungen deutscher Supermärkte kennt, und 30 Cent wechseln den Eigentümer. Zu der Zeit ist das gute Stück noch ziemlich heiß, weshalb man die halbe Stunde, die man es zwecks Abkühlung noch spazieren tragen sollte, bei der Frühstücksplanung lieber berücksichtigt ;)

Garküchen
Legendär sind sie, die Beijinger Straßenküchen, doch selten werden sie. In heißer Brühe schmoren Dutzende fleischiger Köstlichkeiten am Spieß, die je mit 5 bis 20 Cent zu Buche schlagen. Auch Gemüse, das in Plastikkästen daneben lagert, wird auf Wunsch aufgespießt und geschmort. Einige Küchen haben statt oder neben dem Brühebad eine Grillplatte - dort gibt es dann meist auch, für deutsche Augen ulkig anzusehen, Tintenfisch am Stiel :)

Obstlaster
Vom frühen Morgen bis in den späten Nachmittag bieten Bauern und Händler ihr Obst feil - an größeren Straßen wie abgebildet direkt vom Laster (nicht selten dreirädrig) oder - in Randgebieten - vom Pferdewagen, in den kleineren Gassen vom Dreirad, Fahrradanhänger und gelegentlich auch vom aus Ziegelsteinen improvisiert gebauten Obststand.

Melonenscheiben
Einen besonderen Status unter den Obstsorten haben die Melonen, die im heißen Beijinger Sommer - vom Spieß genossen - wohltuende Erfrischung bieten. An vielen Stellen findet man Händler, die auf ihrem Dreirad verschiedene Melonensorten ganz oder in Scheiben anbieten.



Süßkartoffeln
Ganz und gar nicht erfrischend sind die doppelt faustgroßen Früchte, die dieser Herr im Stahltopf auf glühenden Kohlen röstet. Es sind Süßkartoffeln, deren Preis sich nach ihrem Gewicht berechnet (dafür die abgebildete Waage). Eine durchschnittliche Frucht ist mit 80 Cent für chinesische Verhältnisse schon recht teuer - bekommt man doch für den selben Preis andernorts ein komplettes Mittagessen. Glühend heiß sind die Yams - und anders als beim bing reicht eine halbe Stunde nicht, also ist Kreativität beim Verzehr gefragt. Wer Süßkartoffeln nicht kennt, kann das Geschmackserlebnis im nächsten Supermarkt ausprobieren: Einfach nach Alete Babybrei, Geschmacksrichtung Möhre fragen ;)

Esskastanien
Nicht im Stahltopf, sondern in der offenen Schale auf kleinen Kohlestücken geröstet werden die Esskastanien, die man wie Süßkartoffeln vor allem an den Straßenständen großer Kreuzungen findet. Mit einer Schaufel wird das Ganze regelmäßig wie abgebildet umgeschichtet.

 

 

Anderes

Zeitungskiosks
Zeitungsstände sind in Beijing häufig anzutreffen. Die meisten bieten auch einige Getränke an, manche verkaufen Briefmarken und fast alle haben wie der abgebildete ein türkises Schild, das auf öffentliche Telefone im Kiosk hinweist - Ferngespräche 3 Cent pro Minute. Einige Kiosks haben außerdem einen Anbau mit öffentlichen Toiletten (im Bild rechts).

 

 

 

Zeitungswände
A propos Zeitung: Die Tageszeitung muss man in Beijing nicht unbedingt kaufen. Man kann sie auch an einer der zahlreichen Zeitungswände, wie hier abgebildet, lesen. An vielen Stellen stehen diese Schaukästen, die tagesaktuell über das Geschehen informieren, und nachts oft beleuchtet sind.

Infozellen
Den Sprung vom Zeitungsschaukasten ins Informationszeitalter hat Beijing wohl mit diesen an Telefonzellen erinnernden Hütten (die korrekt Beijing-Informationspavillon heißen) geschafft. Unter dem Motto "Touch Beijing" bietet ein Touchscreen-Computer geballte Informationen - es finden sich Menüpunkte wie "Post an den Bürgermeister", "Beijing Verbraucherpreise", "Beijing Grundsteuer", "Fremdsprachen lernen" und "Bürgertreffpunkt". Für Ausländer gibt es immerhin einen sehr detaillierten Stadtplan auf Englisch mit Routenplaner und Umkreissuche von Restaurants, Taxiständen, Banken, Botschaften und vielen anderen Einrichtungen.

Fahrradwerkstätten
An unzähligen Straßenecken findet man Pappschilder, die auf Werkstätten hinweisen. Dahinter verbergen sich - wie abgebildet - meist Kastenanhänger mit einem Sortiment an Werkzeug und Ersatzteilen für alle alltäglichen Probleme des chinesischen Fahrradverkehrs.

 

Wertstoffsammelstellen
Den ganzen lieben langen Tag mühen sich unzählige Beijinger mit Transportdreirädern ab, den wiederverwertbaren Müll der Stadt - einige sammeln Plastikflaschen, andere Styropor und Synthetik, wieder andere Sperrmüll - von der Straße aufzusammeln oder aus Mülltonnen herauszuklauben, auf ihre Dreiräder zu laden und an eine der vielen Sammelstellen zu fahren, wo der Müll dann gewogen und (vermutlich) vergütet wird. Nach Einbruch der Dunkelheit bietet sich dann ein kurioses Bild, wenn die Sammelstellen ihrerseits den gesammelten Müll per Dreirad nach werweißwohin schaffen. Nicht selten sieht man dann Dreiräder, deren Ladung den Fahrer ums mehrfache überragt - schonmal einen fünf Meter hohen, drei Meter langen und anderthalb Meter breiten Styroporberg auf einem knappen halben Quadratmeter Grundfläche in Bewegung gesehen? ;)

Hundewelpen
Ich gebe zu, das sieht man nun SEHR selten. Hab ich auch nur aufgenommen, um mit dem Klischee aufzuräumen, die Beijinger äßen Hundefleisch. Ein Bewohner der Stadt erzählte mir auf diese Frage fast schon empört, es gäbe "nur im Süden einige Leute, die sowas mögen". Die Einwohner Beijings hingegen, so bemühte er sich mir zu erläutern, fassten den Hund eher als Freund auf und kämen nicht im Traum auf den Gedanken, beim Anblick herumspringender Hunde das Tranchiermesser zu wetzen... Wer partout Hundefleisch verzehren will: der Koreaner um die Ecke hat da weniger Skrupel ;)