DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Auberginen aus St. Petersburg

(Kategorie Beijing 2007 | 7.10.2007, 6:51)

Das Nationale Ausstellungszentrum zu Beijing ist ein von mächtigen Säulen getragener Halbrundbau mit den mehrere Meter hohen Schriftzeichen für "Frieden" und "Freundschaft" links und rechts der riesigen Eingangstür und vier Statuen auf dem Vordach, die die das chinesische Staatssystem tragenden Bevölkerungsgruppen symbolisieren: Arbeiter, Bauern, Gelehrte und Soldaten.

An der nordwestlichen Rückseite des Gebäudes befindet sich ein für Beijinger Verhältnisse sehr ungewöhnliches Restaurant. Es heißt "Moskau Restaurant" ("Mosike Canting") und öffnete seine Pforten 1954, fünf Jahre nach der Befreiung Chinas. Es sollte für mehrere Jahrzehnte das einzige ausländische Restaurant in Beijing bleiben... oder wie eine in Beijing aufgewachsene Freundin es formulierte: "Jeder kennt es. Es war schon immer da." Und ist es noch immer - gestern Abend war ich da.

Man betritt die imposante Eingangshalle und bekommt eine Visitenkarte des Restaurants mit handgeschriebener Platznummer ausgehändigt. Ich war recht früh dran (abendliche Öffnungszeiten 17:00-21:00, ich kam 17:40) und erhielt die Nummer 5. Doch nicht um eine Sitzplatznummer handelte es sich, sondern um eine Warteplatznummer. So verbrachte ich die Zeit bis 18:00 auf einer Ledercouch im Wartebereichs der Empfangshalle, bevor meine Nummer aufgerufen wurde und ich die breite Treppe zum Speisesaal emporsteigen durfte. (Als ich das Mosike kurz vor sieben verließ, wurde übrigens die Nummer 42 ausgerufen.) Die kleine Empfangskanzel vor der Tür war unbesetzt, dafür standen vier oder fünf Bedienungen im Eingangsbereich, von denen mich eine gleich zu einem kleinen Tisch am hinteren Ende des Saals führte. Nun erst hatte ich Gelegenheit, mich umzusehen.

Der Saal ist im Prospekt des Hauses, der im Wartebereich dankenswerterweise ausliegt, als "Multifunktionshalle" beschrieben und nur einer von mehreren großen Speisesaals und Separees, mit denen das Haus ausgestattet ist und die zahlungskräftige Kundschaft für Bankette, Tagungen, Konferenzen und Geschäftsessen einlädt. In der Mitte der "Multifunktionshalle" grenzen vier Säulen einen Bereich ab, in dessen Zentrum ein Tisch mit sanft gewellten Seidentischdecken (weiß über blau über rot ;) den beiden Küchenchefs Evgenij und Aleksej als Bühne für ihre Darbietung diente - "unsere Chefköche kochen vor Ihren Augen und Sie können zusehen", so das Schild vor dem Eingang. Und das taten sie denn auch - leider nicht vor meinen Augen, denn ich saß genau in der Raumdiagonale, die auf eine der Säulen auflief.

Das Ambiente war gediegen: gelb gedeckte Tische mit halbrundem Sofa oder rot eingeschlagenen Stühlen recht großzügig im Raum verteilt, dazwischen die diensteifrigen Bedienungen mit rotem Kleidchen und weißem Servierhäubchen. Fast genauso viel Servicepersonal in dunkler Livree überwachte das Prozedere mit wachsamen Augen. Doch trotz all des edlen Flairs dinierte man unübersehbar eben nicht im Moskva, sondern im Mosike - chinesische Fröhlichkeit sorgte für einen permanenten Geräuschpegel, einige Tische weiter feierten einige Chinesen mit Papierkrönchen, die Familie am Nebentisch schenkte sich Fruchtsaft aus einem Plastikkanister ein, und an meinem Tisch gab es nur ein Gedeck, obwohl ich mehrere Gänge bestellt hatte - nämlich 1 Teller Moskauer Borschtsch und 1 Schale Auberginen Petersburger Art. Ich weiß nicht, ob man in St. Petersburg die Aubergine als essbar ansieht, aber in China tut man das und findet immer neue Wege der Zubereitung - oder, wie es der Flyer des Mosike formuliert: "Unter Beibehaltung des russischen Geschmacks hat unser Restaurant versucht, seine Gerichte kreativ zu verbessern und mehr einzigartige Speisen anzubieten, die den chinesischen Geschmack stärker berückichtigen" ;) In der dreisprachigen Speisekarte (chinesisch, englisch, russisch) und der Zusatzkarte mit den Empfehlungen der Chefköche sahen die Portionen sehr großzügig bemessen aus, entpuppten sich dann aber - dem Etablissement angemessen - als zwar geschmacksintensiv, dafür aber sehr klein.

Satt wurde ich schließlich für fünf Euro doch... aber nur weil ich nach 1,70 € für die Suppe und 2,60 € für den Auflauf noch 50 Cent übrig hatte, um 10 Kilometer weiter bei meinem Lieblingsrestaurant in der Hutong eine riesige Portion Reis mit "Fleisch, das nach Fisch riecht" zu essen :))