DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Chinesische Mülleimerarchitektur

(Kategorie Beijing 2007 | 7.10.2007, 20:26)

Beijinger Mülleimer, und die chinesische Müllkultur insgesamt, sind vom anthropologischen Standpunkt interessanter als man erwarten sollte.

Zum einen bieten Mülleimer gelegentlich aberwitzige Übersetzungslapsus, wie die beiden hier abgebildeten Exemplare, deren oberer (durchaus an zahlreichen Orten zu besichtigender) statt der "Umwelt" den "UmStand" geschützt sehen will, während der untere auf unbekanntem Weg - sprachlich wie technologisch - aus "nicht wiederverwertbarem Müll" einen "Organismus" macht.

(Bemerkenswert auch das Logo für "nicht wiederverwertbaren Müll", für das es keine Norm gibt - anders als für wiederverwertbaren, den das Recyclingsymbol - der geschlossene Kreislauf aus drei Pfeilen - kennzeichnet. Also erfinden die Chinesen mit bemerkenswerter Kreativität Logos wie das rechte, verwenden allgemeine Piktogramme wie das obere, oder modifizieren das Logo für wiederverwertbaren Müll, indem sie einen der drei Pfeile aus dem Kreis zeigen lassen oder den Kreis komplett zerbrochen darstellen.)

Zum anderen ist es interessant zu sehen, wie die chinesische Gartenarchitektur, die zum ausgefeiltesten und originellsten gehört, was die viertausendjährige Geschichte Chinas hervorgebracht hat, mit dem Thema Müll umgeht. Natürlich stört ein Blecheimer mitten im sorgfältig geplanten Idyll, also möge er doch bitte unauffällig vor sich hin stehen. Vier Beispiele:

Links: Mülleimer aus Bambusimitat im Park des Schwarzen Bambus (Zhuziyuan)

Rechts: Mülleimer am felsigen Wanderweg im Park der acht großen Stätten (Badachu) in den Westbergen

Links: Mülleimer im bewaldeten Park des duftenden Berges (Xiangshan) in den Westbergen

Rechts: Erklärung erübrigt sich; der findige Leser kommt selbst darauf, auf welchem nördlich von Beijing gelegenen Weltkulturerbe dieser Mülleimer steht ;)

Dass die Mülleimer zumindest in den Parks so kunstvoll erdacht wurden, deutet andererseits auch daraufhin, dass sie eben hauptsächlich als Zierde bzw. guter Vorsatz dienen. Ebenso wie es in China Sitte ist, Essensreste auf dem Tisch zu deponieren oder unter selbigen fallen zu lassen, wird der Müll üblicherweise auch nicht sorgfältig in Eimern und Tonnen verstaut, sondern auf die Straße gekippt, wo er dann von den fahrenden Müllsammlern, die ihn auf ihrem Dreirad zum nächsten Wertstoffhof bringen, auch viel leichter aufgesammelt werden kann. Nicht selten sieht man Müll, der aus dem Busfenster fliegt, oder Ladeninhaber, die ihren Mülleimer aus der Ladentür heraustragen, um ihn daneben gegen die Wand zu entleeren. Einen Eindruck von den Ausmaßen dieses Vorgehens kann wohl nur bekommen, wer einmal frühmorgens oder spätabends am Rand von tagsüber belebten Straßen einen der vielen nebeneinander aufgereihten Müllhaufen großer Märkte oder Restaurants gesehen (und gerochen) hat: