DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Andere Sprachen, andere Sitten

(Kategorie Hamburg 2008/09 | 17.10.2007, 20:56)

Hamburg Tag drei (ja, noch zähle ich sie ;).

14:05 Uhr, kurz vor der Anmeldung zum Sprachkurs. Ich stehe in Gebäude VMP 5 (VMP ist kurz für den Von-Melle-Park, um den herum sich nahezu der gesamte Campus mit seinem halben Dutzend Mensen befindet, alles sehr kompakt) im Stockwerk 3 und fühle mich glatt wie in Heidelberg. Da war die Anmeldung zu Sprachkursen auch immer hoffnungslos überlaufen, Studenten drängten sich in langer Schlange, um einen Anmeldeschein ergattern zu können. Der Unterschied: In Hamburg sind die Kurse 80 Euro billiger (nämlich kostenlos) und die Anmeldung zu Fortgeschrittenenkursen braucht einen schriftlichen und mündlichen Einstufungstest. Chaos vorprogrammiert. Doch noch hatte ich nicht gesehen was Chaos in Hamburg bedeutet.

14:20. Nach einigen Gängen, ein wenig ratlosem Umherblicken, Leute fragen und Schlangen begutachten bin ich zurück im Eingangsbereich und finde anhand der größten koordinierten Menschentraube die eine Mitarbeiterin, die in dem Chaos Ordnung stiften soll. Erstaunlich schnell werde ich meine Frage los, und erstaunlich präzise ist ihre Antwort: "Anmeldeformulare erst wieder ab 15:00, da drüben. Bitte solange warten." Es stimmt also, was man vorher in den wartenden Schlangen geraunt hatte. Irgendwann lange vor meiner Ankunft war die Ausgabe von Formularen gestoppt worden, um erst einmal die erste Welle, die sich seit 11:00 (eine Stunde vor amtlicher Öffnungszeit) aufgestaut hatte, abzuarbeiten. Ich nutzte die Zeit und besorgte mir in VMP 3, der Stabi (Staats- und Universitätsbibliothek), einen Leseausweis.

14:45. Wieder im Eingangsbereich, fünfzig Menschen mehr, die alle auf 15:00 warten. Ich auch. Die Dame vom Dienst verkündet was sie während meiner Abwesenheit offenbar schon öfter verkündet hat: Mündliche Englischeinstufungen heute leider nicht mehr möglich, da noch mehr als 30 Studenten darauf warten (und 17:00 ist Dienstschluss). Alle, die am Vormittag bereits den schriftlichen Einstufungstest gemacht haben, aber bisher nicht in die Warteschlange gekommen waren, mögen doch bitte morgen um 12:00 wiederkommen... "oder etwas früher"! Der Witz kam an, alle lachen.

14:57. Es beginnt sich eine Warteschlange in Richtung auf den "Infopoint" zu formen, die aber mehr breit als lang ist. Ringsumher lockere Gespräche, manchmal sarkastische Bemerkungen über längere Wartezeiten. Drei Grüppchen weiter spricht eine ältere Dame kleiner Statur recht erhitzt und laut vernehmlich zu ein paar Studenten. "Die Volkshochschule bekommt 350.000 Euro aus den Studiengebühren dafür. Keine Angst, wenn Ihnen das hier nicht passt, beschweren Sie sich!" Die Studenten sehen nicht aus, als wollten sie sich beschweren. Sie sehen eher aus, als wollten sie einen Anmeldeschein für den kostenlosen Kurs in einer der 10 Sprachen, die die Volkshochschule im Auftrag der Universität Hamburg anbietet.

15:02. Die Dame vom Dienst wiederholt ihre Ansage für die Englischinteressierten. Diesmal ist aus dem "12 Uhr oder etwas früher" ein "11 Uhr" geworden. Sie meint es nicht mehr als Witz. Sie beendet diese wie auch die letzte Ansage mit den Worten "Um drei geht es dann für die anderen weiter". Der wartende Mob, der auf die Sekunde genau zu sagen weiß, wie spät es ist, räufelt in fast kollektiver Demonstration die Ärmel hoch und ein Raunen signalisiert der Dame vom Dienst ihren Fauxpas. Sie korrigiert sich "Also gleich sollte es dann eigentlich weitergehen."

15:15. Die Stimmung wird aggressiv, vereinzelte Verärgerung zischt durch die Reihen. Plötzlich Schweigen. Die ältere Dame von vorhin hat angesetzt und spricht in lauten Tönen. Sie sei Frau Batigne (und ihr französischer Accent bekräftigt dies), die Leiterin des Fachsprachenzentrums. Bevor ich meine Leser verwirre: Ich wartete in der Volkshochschule, also Allgemeinsprachenzentrum. Das Fachsprachenzentrum ist die andere Einrichtung der Universität Hamburg ab mittleren Sprachkenntnissen - dafür nur 6 Sprachen im Angebot. Madame Batignes Rede war feurig: "Wir finden es unerhört, dass die Universität Hamburg diese Sprachkurse outsourct (sie sprach es wie [autsurrst]), denn die Universität hat genug Leute, die das machen können. Ich höre immer wieder, dass Leute das hier (sie sprach es mit französischer Verachtung) mit dem Fremdsprachenzentrum verwechseln. Aber das sind nicht wir. Das hier ist outgesourct an die Volkshochschule, die bekommen 350.000 Euro von den Studiengebühren dafür. Bitte beschweren Sie sich dort! Ich bin ja sowieso gegen Studiengebühren. (Applaus) Aber dass Studiengebühren dafür verwendet werden... Also, wenn Sie wollen - unsere Anmeldung findet am Montag statt, Sie müssen nicht warten, alles weitere steht auch auf den Plakaten." Sprach es, verschwand mit ihrem Gefolge im Fahrstuhl und nachdem der Applaus verebbt war, drehte ich mich wieder zum Infopoint. Chinesisch gab es nun einmal im Fachsprachenzentrum nicht.

15:22. Eine Dame kommt in den Infopointbereich, mit einem schweren Stapel Dokumentenablagen. Die Formulare! Die Schlange verdichtet sich zur Wand. Hoffnungsvolles Drängeln setzt ein, doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuß. Statt die Formulare durchzureichen oder in die Luft zu werfen (so der sarkastische Vorschlag meines Nebenmannes) bespricht die Dame mit jedem der in vorderster Reihe Stehenden seine individuelle Sprachlerngeschichte (Sprache, Dauer und "Schule oder Universität?") und stellt ihm dann ein aus mehreren Blättern bestehendes Formularpaket zusammen. Unruhe macht sich breit unter den weiter hinten Stehenden. Unruhe wird zu offenem Protest bei denen am anderen Ende des Raumes. Seit 13:00 seien sie am Warten, und wollen es nun nicht hinnehmen, nicht bedient zu werden, nur weil sie sich in die zuvor nicht klar erkennbare Schlangenstruktur integriert hätten. Berechtigter Protest, aber dämliche Kommentare aus den Reihen der Glücklicheren, die spät gekommen trotzdem günstig stehen.

15:25. Die Dame hat ein "ich bediene im Kreis herum jeden zweiten, und die dahinter rücken nach"-System entwickelt, das schon bei der zweiten Runde daran scheitert, dass die junge Moslemin vor mir in beiden Richtungen nie eine von den "zweiten" ist. Irgendwie klappt es dann doch, und langsam rutsche ich in die erste Reihe. Weiter rechts versucht sich eine nach vorn gepresste Studentin dadurch zu helfen, dass sie die Drängler zur Ruhe ermahnt. Prompt schlägt ihr aus anderer Richtung ein geistloses "Bleib doch mal locker" entgegen, das kurioserweise ihre Worte fast genau wiederholt. Die Ungeduld bleibt in der Luft; sie wird noch stärker, als jemand, der vorher darüber offenbar nicht nachgedacht hatte, sich nicht sicher ist, wieviele Jahre er denn nun gelernt hat und unter vielen "ähms" seine Angabe zweimal korrigiert. Hinter ihm, auf der anderen Seite des Raumes, hat sich eine Studentin einen Platz ergattert, die eben noch schräg hinter mir stand. Sie kommt schneller dran als ihre Freunde, die noch immer schräg hinter mir stehen.

15:39. Ich habe einen guten Blick auf den Tisch mit den Formularen. Für meine Sprache ist keines zu sehen, aber schließlich ist sie eine von den "kleinen" (sprich unüberlaufenen), also vielleicht unter einem der Stapel. Noch eine Runde läuft das System, dann müsste ich dran sein. "Russisch, 1 Jahr". Zwei Reihen hinter mir der Zuruf "Für mich das selbe!". Erfolglos. "Französisch, 1 Jahr." - "Französich, 7 Jahre." - "Für mich auch!" - "Französisch... ähm... schlecht. Anfänger... Bitte zweimal!" Zwinkern quer durch den Raum, doch der Angezwinkerte neben mir rührt sich nicht. "Ich muss trotzdem warten, für einen Kommilitonen..." - "Französisch, 5 Jahre, 4 Jahre nicht gesprochen." und bei der nächsten Studentin passierte es. Kurz bevor die Runde an mir gewesen wäre, spricht sie das Wort aus, das ich die ganze Zeit auf den Lippen gerollt hatte: "Chinesisch." Und es passiert, was passieren musste und was ich mir fast gedacht hatte: Die Dame wühlt in ihren Papieren, ein bedauernder Blick: "Dafür habe ich keine Formulare hier." Sie grübelt. "Schreiben Sie mir hier ihre Telefonnummer auf, unsere Chinesischdozentin ruft Sie dann an."

15:45. Die Reihe ist an mir, ich frage direkt nach dem Notzettel, trage meinen Namen als zweiten in die Liste und atme auf. Während ich mich durch die Menschenmassen rückwärts kämpfe und zusehe, wie sie vor mir am Tisch wieder zusammenbranden, bekomme ich noch mit, dass die Französischformulare ausgegangen sind. Eines ist noch da, das wird geteilt. Auf Nachfrage melden sich mindestens zehn Interessierte, die sich in der anderen Ecke des Raums sammeln sollen. Ich strebe derweil zum Ausgang. Der Fahrstuhl schlägt vor mir zu - mir war ohnehin nicht nach menschlicher Nähe. Ich nehme die Treppe, treffe Madame Bertigne und ihre Kolleginnen im Erdgeschoss.

Dann trete ich hinaus in den kühlen Hamburger Nieselregen.
Chinesisch ist eine schöne Sprache.