DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Spieltheorie: Amerikanische Versteigerung in Aktion

(Kategorie Gesammeltes | 2.12.2007, 14:35)

Mancher wird sie schon gesehen haben, die Auktionsplattform telebid.de, die kürzlich ihren zweiten Geburtstag feierte. Und obwohl ich weiß, dass schlechte Werbung besser ist als keine, kann ich mich letztlich nicht enthalten, meine Gedanken dazu einmal festzuhalten - ausdrücklich, OHNE dafür werben zu wollen!
Telebid.de ist eine Auktionsplattform, bei der der Anbieter selbst die Artikel einstellt. Sämtlich Neuware, auf die die User dann bieten; meist maximal 20 Artikel gleichzeitig, damit sich auch die Aufmerksamkeit voll konzentriert. Dabei bedient sich der Anbieter, die Sofina GmbH in München, eines Auktionsmodells, das bei Benefizauktionen gelegentlich zum Einsatz kommt - der amerikanischen Versteigerung.

Das bedeutet, dass nicht nur der Höchstbietende seinen Preis bezahlen muss, sondern dass jedes Zwischengebot ebenfalls Geld kostet. Die Extremversion davon ist das spieltheoretische Experiment, bei dem ein 10 €-Schein versteigert wird. Auktionsteilnehmer müssen in 1 €-Schritten bieten und sobald der Höchstbietende feststeht, muss jeder, der ein Gebot abgegeben hat, den Preis seines höchsten Gebotes bezahlen. Damit ist - das wird nach kurzer Überlegung schnell klar - 9 € das einzige rational vernünftige Gebot. Jedes Gebot darunter könnte mit Gewinn durch jemand anders überboten werden und dem Bieter einen Schaden in Höhe des Gebots anrichten. Nur 9 € kann nicht mit Gewinn überboten werden, weil jemand, der 10 € auf einen 10 € Schein bietet, keinerlei Gewinn macht. Seine einzige Motivation kann daher sein, dem 9 €-Bieter einen Schaden in der Höhe zuzufügen. Das ist zwar höchst irrational, aber eben das lehrt das Experiment: Menschen handeln irrational - und irgendjemand bietet immer 10 €. Wenn der 9 €-Bieter dann auf Rache sinnt und mit einem 11 €-Gebot lieber 1 € bezahlt und dem anderen 10 € "reinwürgt", läuft das ganze aus dem Ruder - denn natürlich erscheint es für ihn oberflächlich ebenso rational, 1 € statt 9 € zu bezahlen wie es für den nächsten rational erscheint, 2 € statt 10 € zu bezahlen usw.

Aber zurück zu telebid.de. Dort funktioniert das Ganze etwas anders, auch wenn die psychologischen Reflexe die selben sind, nur noch etwas verfeinert. Bei telebid.de muss man eine Anzahl Gebote kaufen, mit denen man dann die Auktion bestreiten kann. Jedes Gebot kostet 50 Cent, erhöht den Auktionspreis aber nur um 10 Cent. Wenn also der tolle Laptop, für den Telebid wirbt, man könne ihn statt 800 € (was sogar der wahre Wert sein mag... hypothetisch) viel billiger ersteigern, für "nur" 150 € über den Ladentisch geht, bedeutet das, dass 1500 Gebote abgegeben wurden, die je 50 Cent gekostet haben - macht 750 € Gewinn für telebid.de, zzgl. 150 € Kaufpreis - 100 € Reingewinn, während dem Kunden erzählt wird, er hätte 650 € gespart (kann schon deshalb nicht stimmen, weil er mindestens ein Gebot eingesetzt hat)... Das ganze mit sog. Biet-Butlern auf die automatisierte Spitze getrieben, vollständig anonymisiert (ob jemals jemand außerhalb der Sofina GmbH bei telebid.de etwas ersteigert hat, lässt sich nicht überprüfen), artet das in Preisschlachten aus, bei denen jeder letztlich darauf bedacht ist, die eingesetzten Gebote nicht zu verlieren, sondern wenigstens aus dem Rabatt auf Kosten der anderen wieder auszugleichen - "Sozialisierung der Preise" nennt telebid.de das und will es patentieren lassen...

Da bleibt telebid.de allerdings nicht stehen. In geradezu genialer Weise nimmt das Unternehmen privatförmige Steuern auf Menschen, für die Mathe ein Fremdwort ist. Das sieht z.B. so aus:

  • "Heute bekommen Sie alle Gebote zurück!" - was man erwähnen sollte: Jedes Gebot verlängert die Auktion wieder um einige Sekunden. Klingt wenig, läppert sich aber. Da Auktionen so durchaus mehrere Wochen dauern können (als fixes Enddatum steht meist ein Tag in einigen Monaten dabei), hat jemand, der einen Tag lang seine Gebote zurück bekommt, viel gekonnt - er hat den Auktionspreis kostenlos hochgetrieben; das Ende der Auktion sieht er so trotzdem nicht, weil alle den Auktionspreis kostenlos hochtreiben.
  • "Der Endpreis wird geschenkt!" - d.h. alle bieten und bezahlen "nur" ihre Gebote, der Höchstbietende bekommt die Ware, ohne noch ihren Preis zu bezahlen. Muss er aber auch nicht, denn solche Auktionen gehen - eben weil niemand den Preis wirklich bezahlen muss - so hoch, dass die bezahlten Gebote den Warenwert deutlich übersteigen. Damit geht die Auktion länger als normal und gibt mehr Menschen Gelegenheit, ihr Geld mit negativer Rendite zu investieren.
  • "1-Cent-Auktionen" - jedes Gebot steigert den Kaufpreis nicht um zehn Cent, sondern um einen! Damit macht telebid.de an den Geboten bereits Profit, wenn das Höchstgebot gerade ein Fünfzigstel des Warenwerts beträgt - und wer bietet nicht gern noch einen Cent auf einen 2.000 €-Fernseher, der ihm für 40 € angeboten wird...?
  • "Gutschein-Versteigerungen" - man kann bei telebid.de tatsächlich Gutscheine ersteigern, mit denen man dann eine gewisse Anzahl Gebote frei hat. Da hier die selben spieltheoretischen Reaktionen den Preis hochtreiben wie bei "normalen" "Auktionen", verdient telebid.de also an "Gutscheinen" mehr Geld als würde es die Gebote direkt an die Nutzer verkaufen! Die User bezahlen, um bezahlen zu dürfen. Ein besseres Geschäftsmodell ist eigentlich nicht denkbar.

Soviel zu einem ebenso psychologisch genialen wie auch wenig befürwortenswerten Konzept - dass dieses Geschäftsmodell, das ersichtlich gerade die weniger bedarften Verbraucher und (auch dafür bietet telebid.de Raum) die Glücksspieler teuer zu stehen kommt, in Deutschland legal ist, verwundert.
Viel deutlicher darf man an dieser Stelle leider nicht werden, sonst erhält man - wo wir schon beim Thema Legalität waren - eine Klage (Streitwert 100.000 €) von der Sofina GmbH auf Grundlage der §§ 823, 824, 826 BGB sowie (man beachte!) § 4 Nr. 8, 10, 11 UWG, wie der Blogger Tobe (Tobias Battson), mit dem ich dennoch meine ungeteilte Solidarität bekunden möchte.