DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Aufgelesener Sarkasmus I: Flann O'Brien

(Kategorie Gesammeltes | 31.5.2008, 15:54)

Nachdem ich die Angelegenheit in - natürlich - all ihren Aspekten betrachtet habe, bin ich zu der Ansicht gekommen, dass es keine Entschuldigung für Lyrik gibt. Lyrik zahlt sich in Geld nicht angemessen aus, ist wegen der durch ihre Form bedingten Platzverschwendung teuer im Druck und verkündet fast immer illusorische Lebenskonzepte. Aber ein noch besseres Argument für ein Verbot aller Lyrik ist die simple Tatsache, dass die meiste Lyrik schlecht ist. Niemand wird tausend Tonnen Marmelade herstellen, weil er erwartet, dass vielleicht fünf Tonnen davon essbar sind. Außerdem hat Lyrik auf die unerhebliche Handvoll ihrer Leser den Effekt, sie ihrerseits zum Schreiben von Lyrik zu stimulieren. Ein Gedicht, weit genug verbreitet, wird vielleicht eintausend mindere Exemplare hervorbringen. Der gleiche Einwand kann nicht auf dem Gebiet der Malerei oder Bildhauerei geltend gemacht werden, da diese Beschäftigungen Arbeitsplätze für Handwerker schaffen, welche die Materialien herstellen. Darüber hinaus sind Dichter gewöhnlich unangenehme Menschen, die arm sind und ständig darauf bestehen, jenes unglaublich langweilige Thema, "Bücher", zu erörtern. Sie werden weiter oben bemerken, dass ich die Redewendung "illusorische Lebenskonzepte" verwendet habe. Wenn Sie sie sorgfältig untersuchen, werden sie bemerken, dass sie ohne jede Bedeutung ist, aber sowas ist ja völlig unwichtig. Dichter sind unwichtig, und ein bisschen sinnloses Gerede hier und da ist ebenfalls unwichtig. Wichtig sind Essen, Geld und Gelegenheit, seine Feinde zur Sau zu machen. Man gebe einem Mann diese drei Dinge, und schon wird man nicht mehr viel Geplärre von ihm zu hören kriegen.

-- Flann O'Brien, Trost und Rat, 1996, S. 72 f.