DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Verspätung? Das ist doch keine Verspätung!

(Kategorie Shanghai 2010 | 12.1.2010, 6:04)

Die Rückfahrt vom Neujahrsurlaub mit Freunden in Budapest traten wir per Nachtzug an, der von Budapest bis Dresden knapp zehn Stunden brauchen sollte. Wir hatten bereits anderthalb Stunden Verspätung, als wir kurz nach der deutschen Grenze (also ebenso kurz vor dem Ziel) im Schnee strandeten. Anderthalb Stunden ließ man uns warten, ohne auch nur die leiseste Andeutung, was passiert war. Natürlich hatte es geschneit. Aber welche Katastrophe könnte den Zugführer davon abgehalten haben, wenigstens seine Fahrgäste zu informieren? Eine eingeschneite Weiche, sollte sich herausstellen. So falsch war also die scherzhafte Vermutung eines Mitfahrers nicht, es liege wohl eine Schneeflocke hochkant auf den Schienen. Auch das anschließende, knapp einstündige Entschädigungsprozedere war äußerst amüsant und eine eigene Erzählung wert - über ein meterlanges "Fahrgastrechte"-Formular, das jede Behörde vor Neid erblassen ließe, über Bahnmitarbeiter, die nicht einmal Tickets von Sitzplatzreservierungen unterscheiden können, und über einen "Service Point", an dem man Englisch halt nicht spricht. Aber um all das geht es hier nicht. Nachdem am selben Abend ein weiterer Zug noch einmal zwei Stunden Verspätung hatte, nahm ich mir jedenfalls vor, meinen Zubringer-Zug zum Flughafen am 6.1. seeeehr konservativ zu planen. Resultat: Aufstehen um 5:00, Zug um 6:20, Ankunft in Berlin um 8:00 für einen Flug, der 11:00 abgehen sollte. Aber lieber zu früh als zu spät. Zu spät kam später. Denn der Flug ging nicht um 11:00. Schon am Check-In liefen Meldungen durch: Schnee in London, 60 Minuten Verspätung. Die nette Dame am Gepäckschalter warnte schon, dass die Verspätung eher anderthalb als eine Stunde betrage, und schon bald lautete der Ticker auf 75 Minuten. Viertel nach zwölf saß ich endlich im Flieger.

Doch der Flieger hatte Besseres vor als abzuheben. Der nette Flugkapitän informierte uns in bedauerndem Tonfall, dass der Schnee in London schlimmer werde und man deshalb zur Zeit warten müsse. Wir warteten. Fast zwei Stunden, dann endlich war die Maschine enteist und die Starterlaubnis erteilt. Eine halbe Stunde, nachdem mein Anschlussflug nach Shanghai abheben sollte, kamen wir in London an. Doch die drei Stunden Verspätung waren erst der Anfang. Als die Maschine zum Stehen gekommen war, ertönte wieder der Kapitän: Er sehe von hier aus 7 weitere wartende Flugzeuge und habe beim Verlassen der Landebahn schon mindestens 8 Maschinen gezählt, also seien wir bestenfalls Platz 16 der Warteliste für einen Parkplatz. Der Schnee falle noch immer, also wenn - und das betonte er besonders - wenn wir ihn zu einer Schätzung drängten, müsste er wohl optimistischerweise mindestens zwei, realistischerweise eher drei Stunden Wartezeit prognostizieren. Immerhin lud er kurz darauf alle Interessierten zu einem Besuch ins Cockpit ein - wohl nicht zuletzt, um einen Aufstand zu verhindern, nachdem ihm der Tower mitgeteilt hatte, dass sogar Platz 16 in der Warteschlange höchst optimistisch geschätzt war.

Ich nahm die Gelegenheit gern war und erfuhr dabei, dass der Kapitän selbst mit über dreißigjähriger Flugerfahrung ein solches Szenario noch nicht erlebt hatte. Der nächstgelegene "offene" Flughafen sei Amsterdam gewesen, und nun bereue er beinahe die Entscheidung, dort nicht notgelandet zu sein. Notfallszenario? Wisse er nichts davon. 24 Stunden könne man im Flugzeug ohne Weiteres überleben, Wasser sei vorläufig genug da, nur die Abwassertanks stimmten ihn nachdenklich - sie waren schon bei der Landung zu 75 % gefüllt. Ich frage den Kapitän, warum die englische Infrastruktur im Winter so oft zusammenbricht. Die Antwort gibt sein First Officer neben ihm: In London sei heftiger Schnee selten. Wenn man dagegen Vorkehrungen treffen wollte, müssten die Steuerzahler tiefer in die Tasche greifen. Alternativ müsse man halt das Risiko, an drei Tagen im Jahr ein Debakel zu erleben, in Kauf nehmen. Die Regierung habe sich für den zweiten Weg entschieden. In der Tat sollte mir eine Serviceangestellte von British Airways am selben Abend bestätigen, dass Heathrow nicht einmal "so viel Schnee" (sie öffnet Daumen und Zeigefinger so weit, dass gerade ein Streichholz hochkant dazwischenpasst) klarkomme. Später im Internet lese ich, dass der Katastrophentag im Vorjahr der 2. Januar gewesen war.

Nach knapp drei Stunden Wartezeit dann - die Schlange der wartenden Flugzeuge war um mindestens zehn gewachsen, gleichzeitig hatten sich aber auch ein oder zwei Flieger bewegt - die erste halbwegs zuversichtliche Prognose: Noch anderthalb Stunden, bis mit einem Parkplatz gerechnet werden könne. Mehr als eine halbe Stunde später dann korrigierte er sich erneut: Der Flughafen Heathrow habe einen "major emergency", einen ernsten Notfall, erklärt. Sämtliche Zufahrtsstraßen seien rutschig, die Nachschubversorgung deshalb nachhaltig behindert. Es ist 18:00, ich breche mein zweites (letztes) Stullenpaket an. Die Flugzeugvorräte sind weitgehend aufgebraucht und der Rest der an Board befindlichen Bar abgeschlossen - wohl für den Rückflug. Zum Glück hält mein Laptop-Akku noch über fünf Stunden, ich habe Bücher dabei, und aus der ersten "Daily Mail" meines Lebens die Rätseldoppelseite... bevor mir langweilig wird, verhungere ich eher. Gegen 19:00 zücken einige US-amerikanische Jugendlichen, die dem Kapitän bisher nur bei jeder Hiobsbotschaft zugejubelt hatten, die Gitarre - "Knocking on Heaven's Door" erklingt in der Maschine, die in der Dunkelheit mit ausgeschalteten Maschinen wartet. Eine seltsame Stimmung, irgendwie feierlich. Kurz vor halb acht dann die Information, dass wir nun eigentlich einen Parkplatz bekommen müssten. Da wir es nicht tun, gesteht der Kapitän ein: "To be honest, I'm running out of explanations for you here."

Eine weitere halbe Stunde später bekommen wir endlich einen Parkplatz. Um 20:05 deutscher Zeit habe ich endlich englischen Boden unter den Füßen. Doch die Odyssee hatte noch gar nicht begonnen. Das Warten fing gerade erst an...