DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

An die Arbeit!

(Kategorie Shanghai 2010 | 15.1.2010, 2:05)

Um einige persönliche Eindrücke von meiner hiesigen Umgebung zu vermitteln, illustriere ich einmal meinen Weg zur Arbeit.

Morgens 7:30 stehe ich auf und ziehe mich an. Noch ist es nachts kalt, die Wohnung hat praktisch keine Wärmedämmung und die Balkontür schließt alles andere als dicht. Deswegen lasse ich zumindest die Vorhänge zu. Auf dem Nachttisch zwischen Bett und Fenster habe ich die Klimaanlage aus dem Bad aufgestellt, bei der die Warmluftfunktion wenigstens funktioniert - im Gegensatz zu dem größeren Gebläse, das über dem Fernseher hängt. Das Bett gehört zur Grundmöblierung des Zimmers, die beiden Decken sind geliehen, Laken und Kissen für 4 bzw. 1 Euro dazugekauft.

Nach dem Aufstehen gehe ich als erstes durch den Flur. Das ist mein größtes Zimmer, in dem auch ein Schreibtisch und Drehstuhl stehen - nur leider keine Heizung, weshalb der Raum zur Zeit unbewohnbar ist. Auch den Kühlschrank (rechts im Bild) benutze ich nicht, gibt es doch an jeder Ecke warmes Essen. Vom Flur gehen Bad und Küche ab, in der Küche hängt hinter der Tür mein zweitwichtigstes Möbel nach der Klimaanlage: Der Boiler von Siemens, der den ganzen Tag läuft, damit ich abends warm duschen kann.

Kurz darauf - es ist gegen 8:00 - schließe ich die Wohnungstür hinter mir. Außer meiner Wohnung (hinten links) befinden sich noch drei weitere Wohnungen auf der 6. Etage. Meine beiden Nachbarn haben, wie viele Chinesen, das rot-goldene Schriftzeichen für Glück umgedreht an der Tür hängen. Mit dem Fahrstuhl (rechts) geht es abwärts.

Als ich das Haus Nummer 46 verlasse, sehe ich zwei Müllsammelfahrräder, deren Besitzer wahrscheinlich in meinem Block wohnen. Auf der stets unverschlossenen Haustür hängt rot das Zeichen für Freude - verdoppelt, denn einfache Freude wäre einem Chinesen ja einmal Freude zu wenig.

Durch die Siedlung (hier Foto von meinem Balkon herunter) gehe ich zur Straße. Die beschrankte und bewachte Einfahrt zur Siedlung ist zum Glück nicht weit von meinem Haus, denn ich wohne gleich im ersten Block der Siedlung. Vom Treppenhaus kann ich auf die Straße und das Bürogebäude sehen, in dem ich arbeite. Aber vorher muss ich mir noch ein Frühstück erjagen, also mache ich einen kleinen Umweg.

Gleich gegenüber der Einfahrt zur Siedlung ist die "Max-Mall" - ein beeindruckender Konsumtempel, der mit dem bezeichnend übersetzten Slogan World Top Brands Build Up Wealth Machine ausnahmsweise nicht einmal übertreibt (... wie es für chinesische Werbesprüche üblich wäre.) Denn die einzelnen Läden gehören durchaus globalen Markenunternehmen, die es deshalb auch gar nicht für nötig befinden, auf ihren Werbetafeln chinesische Modelle abzubilden. Außer Mode bietet das Einkaufszentrum vor allem asiatische Gastronomie - japanische (rechts im Bild), koreanische, chinesische und Hongkonger Küche -, aber auch Starbucks (links im Bild) und Konsorten, sowie das größte Kino der Gegend. Dort läuft gerade James Camerons "Avatar" in 3D, den die Chinesen scheinbar lieben, denn die Tickets sind tagelang vorher ausverkauft, und ob ich den Film gesehen habe, wurde ich hier schon öfter gefragt. (Nicht nur die Chinesen lieben ihn, wie ich mittlerweile erfahren habe. Der Film ist gerade einen Monat in den Kinos, und hat schon das zweithöchste Einspielergebnis aller Zeiten - gleich nach "Titanic" vom selben Regisseur!)

Nachdem ich die Mall durchquert habe, komme ich auf die Hauptstraße - die etliche Kilometer lange Lianhua-Straße, die hier zur Erleichterung der Orientierung Lianhua-Süd-Straße heißt. Nach Norden blickt man auf chinesische Hochhaussiedlungen älteren Datums, der dicht gedrängte Verkehr ignoriert das Hupen-Verboten-Zeichen (Bildmitte) hier genauso wie in Beijing. In chinesischen Autos ist die Hupe nun einmal - so heißt es in einem kurzweiligen und kenntnisreichen China-Buch, das meine Schwester mir schenkte - wichtiger als der Motor...

Kurz darauf bin ich am Tante-Emma-Laden um die Ecke angelangt. "E-Mart" schimpft sich das Monster, das jeden Morgen 7:30 erwacht und erst abends 22:00 wieder einschläft. In der Zwischenzeit frisst es Tausende von Chinesen und spuckt sie wieder aus. Und weil das faule Vieh vom Rumliegen den Rachen nicht voll genug kriegt, gibt es die hübschen kleinen gelben Busse, mit denen die Konsumopfer aus den umliegenden Siedlungen kostenlos angelandet werden. Was immer das chinesische oder barbarische Herz begehrt: E-Mart hat es.

Ich meide E-Mart. Sympathischer sind mir die kleinen Fressgassen nebenan im Beijian Huaqing Business Plaza. Frühstück gibt es dort aber kaum. Überhaupt gibt es in der Nähe meiner Wohnung kaum typisches chinesisches Frühstück, also gehe ich zurück in die Mall und hole mir einige gefüllte Knödel (baozi = "baudse") im einzigen Restaurant, das schon offen hat.

Danach schließt sich mein morgendlicher Rundgang und ich komme zu dem Bürogebäude, das direkt neben meinem Wohnblock (im Bild ganz rechts) steht, und mit einer abenteuerlichen Überhang-Architektur aufwartet. Das ZDH-Büro ist im rechten der beiden Gebäude auf der Innenkurve.

Als ich kurz vor 9:00 Uhr im zehnten Stock angekommen bin, kann ich in das durch die beiden Bürogebäude gebildete Halbrund hinunterblicken. Rechts liegt die Max-Mall, in der Ferne sieht man (Bildmitte hinten) den gelb-schwarzen E-Mart-Würfel, dahinter die Wohnblocks im Norden. Noch weiter nördlich irgendwo liegt das Stadtzentrum von Shanghai, eine halbe U-Bahn-Stunde entfernt. (Die U-Bahn-Haltestelle selbst ist aber auch nicht gerade nahe.)

Endlich betrete ich Zimmer 1008 und bin im Büro angekommen. Hier arbeiten außer dem deutschen ZDH-Vertreter zwei chinesische Mitarbeiterinnen (rechts) und jetzt auch noch ich (links in der zur Tür hin offenen blauen Bürozelle). Nebenan arbeiten drei weitere chinesische Mitarbeiter in einem zweiten Büroraum, der nicht so großzügig und geräumig aufgeteilt ist, weil darin noch zwei Konferenzräume und ein Lagerraum untergebracht sind. Kurz vor 12:00 werden wir zusammen auf Kosten der Firma Mittag essen gehen; nur einer bleibt zurück, hütet das Büro, und bekommt sein Essen dabao: mitgebracht.

Jetzt aber sollte ich schleunigst ein wenig arbeiten. An dem Heißwasserspender, der ganz rechts im Bild halb abgeschnitten ist, hole ich mir eine Tasse heißes Wasser mit einer Scheibe Zitrone, und lege los...