DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Zwei Mal Chinesisch essen

(Kategorie Shanghai 2010 | 19.1.2010, 9:48)

Ich habe in der letzten Woche zwei so völlig verschiedene, dabei aber je für sich absolut China-typische Restaurantbesuche erlebt, dass ich sie hier einmal auszugsweise schildern möchte.

Szenario 1. Ich betrete das Lokal und spüre sofort mehrere Blicke auf mir: Die übliche Reaktion. "Ein Ausländer!" denken die Gäste, und werden es sich gleich zutuscheln. Die Kellnerin hinter dem Tresen ist unschlüssig. Es gibt keine englische Karte, die sie mir anbieten könnte. Wozu auch? Ausländer kommen ja nicht hierher. Auch die Kellnerin spricht kein Englisch. Sie weiß nicht, wie sie mich ansprechen soll. Da schmettere ich mein wanshanghao ("Guten Abend!") heraus, und eine Mischung aus Erleichterung und Ungläubigkeit erfasst die Kellnerin. Das Tuscheln verstummt, die Gäste müssen sehen, was jetzt passiert. Ich steuere zielstrebig einen freien Platz an, von dem aus ich den Raum überblicken kann. Die Kellnerin bringt zögerlich die Karte und wartet auf meine Bestellung, bevor sie merkt, dass ich zum Entziffern der Zeichen eine Weile brauche. Endlich will ich gebratenes Rindfleisch mit Reis und eine Kanne Tee bestellen, da kommt von rechts ein "Hello!" Es ist die Art "Hello!", die eigentlich nur zwei Dinge bedeuten kann: "Hello sir, buy a watch!" oder "Hello, you are a strange foreigner!" Instinktiv grummele ich auf Chinesisch etwas zurück, doch diesmal war das "Hello!" ehrlich interessiert gemeint, und die junge Chinesin, die mich angesprochen hatte, beginnt mich in ein Gespräch zu verwickeln: "May I have the honour to sit with you?" Natürlich darf sie, und ich beeile mich, radebrechend zu versichern, dass daran nichts Ehrenhaftes sei. Sie hat gesehen, was ich bestellen will, und warnt mich, das sei aber scharf. Ich hatte das Schriftzeichen 辣 (scharf) bereits gesehen und meine Wahl nicht ohne Bedacht getroffen. Nachdem mich auch die Kellnerin noch einmal warnt, findet meine Bestellung endlich Gehör. Der anschließende Smalltalk beginnt mit dem üblichen "Your Chinese is very good.", und ich erzähle von Beijing und dass ich nun drei Monate in Shanghai sei. Dann fragt meine Gesprächspartnerin: "Do you have friend in Shanghai?" und als ich das verneine: "Then I can be your friend. You know, having friend is good. In Chinese we have a saying Duo yi ge pengyou, duo yi tiao lu." Übersetzt heißt das: Jeder neue Freund eröffnet neue Wege. Im weiteren Gespräch erfahre ich, dass die junge Dame Li heißt und jeden Abend nach der Arbeit in das Restaurant kommt, das ihrem Onkel gehört. Inzwischen hat sich auch der Gast neben ihr, ein junger Mann namens Hongbo, ins Gepräch eingeschaltet, und auch er spricht von seinem Onkel. Erst einige Missverständnisse später finde ich heraus, dass Li und Hongbo nicht etwa Geschwister, sondern ein Paar sind - wessen leiblicher Onkel der Restaurantbesitzer nun ist, weiß ich bis heute nicht. Als das Essen kommt, blickt Li mich erwartungsvoll an und fragt mich, wie das Essen schmecke. Sei es scharf? Ich habe gerade den ersten Bissen genommen, kann daran aber nichts Scharfes finden, also schüttele ich überfordert den Kopf. Da erklärt sie mir fröhlich, das liege daran, dass der Koch kein Gewürz hineingetan habe. Man traut dem Ausländer offenbar nicht zu, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte scharfes Hunan-Essen zu bestellen. Denn die Küche der Provinz Hunan ist berühmt für ihre Schärfe - zusammen mit den Gerichten der benachbarten Pandaprovinz Sichuan. Das kann ich allerdings nicht bestätigen, als ich nach mildem Protest ein kleines Tellerchen mit Chiliwürze erhalte, die ich unter mein Essen mische. Allerdings sollte ich später noch öfter Bewunderung für meinen Mut ernten, scharfe Gerichte zu essen - die allerdings so scharf gar nicht waren. Der Rest des Abends vergeht über geradebrechtem "Und was machst du so?", und Li betont besonders nachdrücklich, dass sie in einem ausländischen Unternehmen arbeite. Mit vielen Italienern. Die sprächen aber kein Chinesisch und seien auch keine Arbeiter, sondern Cheftypen. Hongbo erzählt seinerseits von seiner Arbeit in der Pharmabranche und dass er die großen deutschen Firmen gut kenne. Beide bieten an, mir Shanghai zu zeigen, wenn ich Lust dazu hätte, und wollen mich gar nicht mehr gehen lassen. So muss ich mir einen höflichen Rückzug einfallen lassen. Als der Koch das Fondue (huoguo) für den Restaurantonkel, seine Frau, die beiden jungen Leute und die Angestellten auftischt, biete ich an, jetzt nicht weiter zu stören. Die Einladung, doch noch zum huoguo (wörtl. Feuertopf) zu bleiben, lehne ich höflich mit der Begründung ab, ich hätte doch eben erst gegessen. So tauschen wir nur noch die E-Mail-Adressen aus, Li und Hongbo geben mir die waimai caidan (Außerhaus-Speisekarte) des Restaurants mit, und ich verspreche, bald wiederzukommen. Ein geselliger, interessanter Abend - typisch chinesisch.

 

Szenario 2. Ich betrete das Lokal und sehe mich um. Hinter einer Glasscheibe arbeitet eine Köchin. Sie blickt nicht auf, als ich eintrete. Im Gastraum sitzt ein Angestellter - vielleicht auch der Besitzer - und liest Zeitung. Er blickt nicht auf, als ich eintrete. Direkt neben dem Eingang sitzt die Kellnerin, ihr Kopf liegt auf dem Tisch vor einem großen Stapel Essstäbchen. Sie schläft, und blickt erst recht nicht auf. Zögerlich suche ich mir einen Platz und setze mich. Nichts passiert. Der Koch tritt ein, blickt in meine Richtung, und geht wieder. Ein merkwürdiges Stillleben. Ich frage mich, ob ich unsichtbar geworden bin. Als sich nach einer Minute noch immer niemand bemüht hat, mir zu einem Mittagessen zu verhelfen, frage ich laut in den Raum - in Richtung des Zeitunglesers - ob man hier denn Essen bekommen könne. Meine Stimme verklingt, danach ist alles wie vorher. Jetzt weiß ich sicher: Ich bin unsichtbar. Langsam wird mir das Ganze unheimlich, also gehe ich hinüber, um die Kellnerin zu wecken. Ich rüttele sie sanft am Arm und frage sie, ob man hier etwas zu essen bekommen könne. Sie reibt sich gemächlich den Schlaf aus den Augen - es war offenbar sehr anstrengend, die ganzen Essstäbchen wieder einzutüten - und guckt mich dann verwirrt an. Ich wiederhole langsam: "Es-sen?" und sie versteht. Was ich wolle? Ich suche mir ein Gericht aus. Das gebe es nicht. Ihre Begründung verstehe ich nicht, also wähle ich ein anderes. "Und bitte eine Kanne Tee." Sie notiert müde etwas, kassiert das Geld ab, schlurft in die Küche, kommt zurück, setzt sich hin und legt wieder den Kopf auf den Tisch. Ich setze mich brav auf meinen Platz und warte. Der Zeitungleser ist mittlerweile weg, das hatte ich gar nicht bemerkt. Doch dann kommt er aus der Küche und bringt mein Essen. Ich begreife, dass mein Tee nicht mehr kommt, und sage zu ihm: "Bitte bringen Sie noch eine Kanne Tee." Er guckt mich mit großen Augen an, läuft dann in Richtung Küche. Auf halbem Weg aber hält er an, setzt sich auf seinen alten Platz und schlägt die Zeitung wieder auf. Er wird seelenruhig weiterlesen, bis ich das Lokal verlasse. Zum Glück kommt kurz darauf ein chinesisches Pärchen ins Lokal, das ebenso viel Mühe hat, die Kellnerin zu wecken. Wenigstens bin ich nicht der einzige, dem es so geht. Als ich Servietten brauche, bemühe ich die Kellnerin gar nicht mehr. Ich sehe, wo sie liegen, und hole mir welche. Immerhin wacht die Kellnerin bald darauf noch einmal von alleine auf und steckt die Essstäbchen in einen Kasten, bevor sie sich wieder schlafen legt. Als ich fertig gegessen habe, verlasse ich das Lokal - wortlos, doch abermals mit dem Gefühl, etwas typisch Chinesisches erlebt zu haben...