DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Ich kaufe, kaufe Markenware - chinesische!

(Kategorie Shanghai 2010 | 21.1.2010, 9:24)

Im Internet wurden Unmengen geschrieben - und Unmengen mehr ließen sich schreiben - über die tollen chinesischen Bekleidungsmärkte und ihre Markenfälschungen. Ich erinnere mich nur an jenen Aushang in Beijings Bekleidungsmarkt 秀水 (Xiushui) vor zwei Jahren (rechts abgebildet).

Nun ist das Ganze ein weites Feld, und ich will darüber gar nichts Erhabenes, Bedeutsames oder gar Ernsthaftes schreiben. Lieber nehme ich den Leser einfach mal mit, auf meinen letzten Ausflug in Shanghais 梅陇华轻 (Meilong Huaqing) Bekleidungsmarkt vor einigen Tagen.

Bekleidungsmärkte dieser Art sind stets große Hallen mit zahlreichen offenen Marktständen, etwa wie Trödelmärkte in Deutschland, nur voller gestopft. (Daran erkennt man dann auch gleich die teureren Läden: Sie haben Türen und sind übersichtlich.) Durch kleine Gassen zwischen den Ständen gelangt der Kunde von Stand zu Stand, und an jedem Stand wird gelärmt, probiert und gefeilscht - übertönt oft noch vom Gelärme chinesischer Popmusik, die nicht gerade zum glorreichen Teil der viertausendjährigen Geschichte Chinas gehört. Im Meilong-Markt waren die Verkäufer weniger feilschfreudig als in den Beijinger Märkten, die ich kennengelernt habe; verglichen mit denen war der Markt aber auch klein (er erstreckt sich nur über zwei Etagen), die Verkäufer mussten also nicht ganz so viel Konkurrenz fürchten. Die Marktstände sind meist stillschweigend sortiert nach Bekleidung, Elektronik, Kosmetik, etc. und... ja, es ist bald wieder so weit... Frühlingsfestbedarf. Ganze Stände hängen derzeit voller Girlanden, Lampions, Glückwunschkarten, Geschenktütchen usw. usf. mit dem Tier des kommenden Jahres: laohu, der Tiger, ist dran.

Natürlich darf man auf einem solchen Markt beste Mark(t/en)ware erwarten. Nur böse Zungen würden den Chinesen unterstellen, sie wollten Fälschungen in den Verkehr bringen - steht doch auf den Artikeln sogar ausdrücklich:

 

Ich gab mich also dem bunten Treiben hin. Erstes Ziel: Pullover. Als ich bei einem Pullover von Puma nach den Pflegehinweisen sah - auf der Rückseite des eingenähten Schildchens, wo man sie erwarten würde - fand ich etwas viel besseres - eine sehr hilfreiche Sentenz, die bestimmt auf Meister Konfuzius zurückgeht: "WASH THIS WHEN DIRTY". Da kann man wirklich nur mit einem anderen Pullover antworten, der unter dem berühmten "cK", das im Westen fälschlicherweise als Abkürzung für Calvin Klein missgedeutet wird, dessen wahre Bedeutung enthüllte: "cever Kids". Und das sind die... nun, sagen wir mal... Hersteller der chinesischen Markenware tatsächlich. Wenn ihnen doch mal ein Fehler unterläuft, dann nur deshalb, weil diese blöden westlichen Markennamen aber auch zu zungenbrecherisch herumstolpern...

Nachdem ich mehrmals vergeblich versucht hatte, mit den Pulloververkäufern zu handeln, verzeichnete ich beim Sockenkauf in der Unterwäscheabteilung meinen ersten Verhandlungserfolg: Am Anfang der Gasse offerierte mir eine Verkäuferin ein Paar Socken für 8 kuai (ugs. für die Landeswährung Yuan, daher sinngemäß etwa mit "Eier" zu übersetzen...), also etwa 80 Cent. Ich versuchte, zwei Paar für 10 kuai zu bekommen, aber die Verkäuferin lehnte energisch ab. Ich dachte also: "Holla, zu hoch gepokert." doch schon zwei Stände weiter kosteten die gleichen Socken plötzlich nur noch 5 kuai das Paar. Also versuchte ich, sie auf 3 kuai herunterzuhandeln, und scheiterte erneut. Doch die Verkäuferin am nächsten Stand - dem letzten der Reihe - musste das Schauspiel wohl verfolgt haben, denn als ich an ihren Stand kam, bot sie mir sofort eben jene Socken für 3 kuai das Paar an. Ich dachte kurz nach, bot ihr 10 kuai für 4 Paar, sie willigte sofort ein, und wir waren beide zufrieden. Im Supermarkt hätten die Socken doppelt so viel gekostet. (An dieser Stelle sei natürlich nicht verschwiegen, dass chinesische Socken auf einem Ausländerfuß etwa so bequem sitzen wie ein Kondom auf einer Gurke...)

Etwas weiter gelangte ich in die Elektronikabteilung. Markenhandys von NOKLA, SHAPP und SAMSVNG waren für umgerechnet unter 50 Euro zu bekommen, also ließ ich mir ein NOKLA N97 vorführen, dessen kleiner Bruder manchen als eines der besten Handys am Markt gilt. Und in der Tat: Das Vibrationsfeedback des NOKLA N97 verwirklicht ein gelungenes Bedienkonzept. Sogar das Ausfahren der Tastatur wird durch Vibrationen angezeigt: Sie wackelt. Ähnlich gelungen ist das automatische Wechseln in den Querbildmodus, wenn man das NOKLA dreht. Es stürzt dabei zwar gelegentlich komplett ab, aber wenn es das nicht tut, genügt ein weiterer Knopfdruck, und schon dreht sich das Bild automatisch. Genauso funktionieren die meisten "OK"-Tasten im Bildschirmmenü wunderbar, indem man auf dem Touchscreen die betreffende Taste auswählt und danach die Aktion mit der grünen Telefontaste startet. So werden versehentliche Touchscreen-Bedienungen vermieden - eine intelligente Idee! Ob die Software des NOKLA N97 diejenige des finnischen Konkurrenten übertrifft, konnte ich mangels Kenntnis des letzteren nicht überprüfen. Ich bin aber sicher: Bei weitem! (Zumindest was den Unterhaltungswert angeht.) Schließlich verfügt auch das NOKLA N97 natürlich über eine 5 Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Optik - so steht es jedenfalls auf dem Objektiv. Dass das Handy trotzdem Bilder höchstens in VGA (= 0,3 Megapixel) aufnehmen kann, ist bestimmt nur ein unglücklicher Softwarefehler, für den man bei NOKLA umgehend ein Bugfix erhält. Mein Test hat mich also überzeugt: NOKLA ist noch wahre Handwerkskunst. Da sollte selbst der dümmste Chinese sein Geld lieber in einen handgedrechselten Kerzenständer investieren. Vielleicht gab es die Kerzenständer ja unter dem Ladentisch - anders kann ich mir zumindest nicht erklären, wie der Laden überhaupt Umsatz machen sollte... es sei denn, ein Ausländer kauft eines der lustigen Handys, um den äußerst seltenen Markennamen Snoy Eirosscn spazieren führen zu können!

Ich ging also zurück in die Textilabteilung, wo mir gleich ein ähnlicher Buchstabensalat begegnete:

 

Als ich mir noch weitere Pullover der auch im Westen bekannten Marken GUGCI, Kpapa und Δevi's ansah, eilte eine Verkäuferin herbei, die meinen zweifelnden Blick bemerkte und mir eilfertig versicherte: "Keine Markenware!" Das überraschte mich natürlich, und ich blickte sie - den Δevi's Pullover noch in der Hand - verständnislos an. Da klärte sie mich freundlich auf: "Sind chinesische Marken." Und ich verstand. Chinesische Marken wollte ich natürlich nicht, also ging ich schnell weiter, und kaufte schließlich doch jenen hübschen "Puma"-Pullover mit dem springenden Fuchs auf der Brust. Zumindest glaubte ich, dass es ein Fuchs sei, bis ich zu Hause das Markenschildchen las, das neben einer englischen auch eine deutsche Erläuterung enthielt: "PUMA und sein Markenzeichen, die Raubkatze sind weltweit ein Symbol fur hochstleist-ungen im Sport. Jahrzeh-ntelange Erfahrungen mit mamhaften Spitzensportle-m, innovative Technologien und neueste Trends flieBen in jedes einzelne produdt."