DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Die achte der sieben Todsünden Shanghais

(Kategorie Shanghai 2010 | 26.1.2010, 5:34)

Eines der wichtigsten Shanghaier Regelwerke, so scheint es, lautet auf den schlichten Namen 七不 (qibu, "7 Nicht" oder "7 Dont's"). Ob in Parks, Bussen oder öffentlichen Gebäuden - überall wird man erinnert, doch bitte dieses Regelwerk zu beachten. Also fragte ich Chinesen, die hier leben: Was sind denn die sieben Nicht? Mehr als zwei konnte mir allerdings niemand nennen. Da die Regeln meist unter ihrer Sammelbezeichnung erscheinen und nur selten (wie an der rechts abgebildeten Bushaltestelle) einzeln genannt werden, zog ich das Internet zu Rat und fand sogar sehr ulkige Illustrationen der qibu. Hier also sind sie, die sieben Regeln zur Bekämpfung der schlimmsten Todsünden, denen die verruchte Millionenmetropole Zuflucht gewährt:

  1. 不随地吐痰 - Nicht überall hinspucken.
  2. 不乱扔垃圾 - Nicht Müll überall hinwerfen.
  3. 不损坏公物 - Nicht öffentliche Einrichtungen beschädigen.
  4. 不破坏绿化 - Nicht Grünflächen zerstören.
  5. 不乱穿马路 - Nicht wirr Straßen überqueren.
  6. 不在公共场所吸烟 - Nicht auf öffentlichen Plätzen rauchen.
  7. 不说粗话脏话 - Nicht obszön und vulgär reden.

Nun haben Kampagnen mit katalogartig aufgelisteten Feinden, die es zu bekämpfen gilt, in China eine lange Tradition. Im Großen Sprung hießen die 除四害 (4 Landplagen) Ratten, Wanzen, Fliegen und Moskitos (Spatzen, Hunde und Katzen waren separat dran), und in der Kulturrevolution hießen die 四旧 (4 Veralteten) Ideologie, Kultur, Brauch und Gewohnheit. Ausrottungskataloge mit vier Elementen haben dabei den besonderen Vorzug, dass das Wort für "vier" im chinesischen wie "sterben" klingt - was aber nicht daran hindert, auch Freunde in Vierer zu gruppieren, bis hin zu den vier Kardinalprinzipien, an denen die Deng-Xiaoping-Regierung auch nach 1979 festhalten wollte (四项基本原则): dem sozialistischen Weg, der Diktatur des Proletariats, der Führungsrolle der KPCh und dem Marxismus-Leninismus-Maoismus.

Eine noch längere Tradition als Ausrottungskampagnen und Nummerierungswahn hat allerdings die Renitenz der Chinesen gegen schriftliche Regeln. Und so ist es der Shanghaier Regierung seit Erlass der "7 Nicht" am 1. Juni 1995 nicht gelungen, eines der Übel auch nur annähernd zu beseitigen. Ich habe beispielsweise noch niemanden die Empfehlung der Regierung zu Regel Nr. 1 befolgen sehen, in ein Papiertuch zu spucken und es wegzuwerfen, oder ins Taschentuch zu spucken und es auszuwaschen. (Taschentücher haben nach meinem Eindruck ohnehin nur die modernen Musterchinesen, die die Regierung gern hätte.) Auch die "eindringliche Empfehlung" zu Nr. 6, das Rauchen aufzugeben, hat nach meiner Erfahrung nicht gefruchtet. In Restaurants und Internetbars ist man immer noch gut beraten, nah bei der Tür zu sitzen oder zumindest nicht die beste Kleidung aufzutragen.

Zu den sieben Regeln gesellt sich übrigens immer öfter eine achte - ebenso hartnäckig ignorierte - hinzu, um deren Beachtung in öffentlichen Gebäuden, aber auch an Bushaltestellen gebeten wird:

Bitte sprecht Hochchinesisch!