DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Typisch chinesisch: das Rufmichangraffito

(Kategorie Shanghai 2010 | 1.2.2010, 5:35)

Anders als in den Ländern der westlichen Hemisphäre gibt es in China keine Graffiti. Bunte Sprühkunstwerke genauso wenig wie Kampfparolen oder Reviermarkierungen - nichts von alledem. Dennoch muss keine Wand befürchten, jungfräulich zu bleiben. Denn in einem sind die Chinesen hartnäckiger, einfallsreicher und vor allem fleißiger als jede New Yorker Jugendgang: darin, ihre Telefonnummern auf Wände zu kritzeln. Klingt komisch, ist aber so.

Das Bild zeigt die Wand zwischen den beiden Fahrstühlen in meinem Wohnblock. Die ist alles andere als ein Einzelfall, und schon gar kein besonders schlimmer. Einer der Fahrstühle in unserem Bürogebäude wurde zwecks Bauarbeiten innen mit Gipskarton ausgekleidet; ich kann schon gar nicht mehr zählen, in wievielen Schichten übereinander sich da die Telefonnummern stapeln. Sämtlich natürlich Handynummern, die meisten handgekritzelt, einige mit Schablone gesprüht - wie in meinem Wohnblock. Nur: Was wollen die alle?

Also: Nr. 13641667660 sucht eine Wohnung, Nr. 13564594605 bietet eine. Nr. 1379524665 liefert Wasser, 15921147080 auch, Nr. 1526481788 bringt dazu auch noch Reis und Bier. Nr. 13681864533 repariert Haushaltsgeräte, Nr. 1352194972 baut Türen, trennt Räume und entsorgt Möbel, und Haus 1 Zimmer 103 schneidet Haare. (Zur Erinnerung: Ich wohne in Haus 46.) Was Nummer 1526481788 will, hat er oder sie nicht mitgeteilt. Vielleicht einfach nur reden. Auf den Fahrstuhltüren und neben den Fahrstühlen geht es weiter: Der eine besorgt Satellitenempfang, der andere Ausweise - ob echt oder gefälscht lässt er bewusst offen - und der dritte kehrt meine Wohnung besenrein, falls mir die beschmierten Wände so auf die Nerven gehen, dass ich ausziehe. Tun sie aber nicht. Ganz im Gegenteil. Direkt neben meiner Wohnungstür steht mein potentieller Gaslieferant an der Wand: 13127728313. Gas ist hier sicher billiger als in Deutschland - wer also noch Bedarf hat: +86 vorwählen. Aber sicherheitshalber nachfragen, wie weit die liefern!

Wo wir schon beim Thema Guerillakritzelwerbung sind, eine kleine Episode zum Schluss: Auf dem Weg zu Shanghais größtem Bekleidungsmarkt durchquerte ich neulich eine kleine Straße, in die sich sonst wohl kaum Fremde verirren. Als ich gerade stehen bleibe, um die vor einem Laden aufgehängten Makrelenhälften zu betrachten, werde ich von einem untersetzten Mann in abgetragener Uniform angesprochen. Heftig gestikulierend redet er in dialektgefärbtem Chinesisch auf mich ein, ich verstehe nichts. Ich versuche, ihm begreiflich zu machen, dass ich nicht verstehe, was er will und auch nichts kaufen möchte. Doch verkaufen will er offenbar gerade nicht. Er setzt noch einmal an, wiederholt mehrmals die Worte "Englisch" und "übersetzen" und schlägt schließlich eifrig vor, mir seine Telefonnummer zu geben. Um dem Treiben ein Ende zu bereiten, willige ich ein. Er ruft mir noch zu "Warten Sie hier, bitte warten Sie kurz" und flitzt auf die andere Straßenseite in einen Laden. Ich sehe, wie er etwas aufschreibt, und spiele einen Moment lang mit dem Gedanken, einfach weiterzugehen. Aber ich bin neugierig, was er denn jetzt will. Also warte ich. Und tatsächlich: Als er zurückkommt, drückt er mir ein zerknittertes Stück Papier in die Hand, auf dem unter seiner Telefonnummer vier hingekrakelte Schriftzeichen stehen, und weiter rechts noch einmal drei, hinter denen ich seinen Namen vermute. (Chinesische Namen bestehen normalerweise aus einem einsilbigen Nach- und einem zweisilbigen Vornamen.) Leider kann ich keines der Zeichen lesen, also frage ich am nächsten Tag eine Bürokollegin, die bereitwillig vorliest: Die drei Zeichen stehen nicht für einen vollständigen Namen, sondern nur für "Herr Kong" (So hieß Konfuzius auch.) Die vier weiteren Zeichen dagegen drücken klar und unmissverständlich aus, was Herr Kong bestimmt schon auf zahlreiche Wände geschrieben hat: "Ich habe Material."