DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Sehenswürdigkeiten I: Das Museum

(Kategorie Shanghai 2010 | 1.2.2010, 9:56)

Das Shanghai Museum (上海博物馆) steht im Ruf, eines der besten ganz Chinas zu sein. Zu Recht, wie ich kürzlich feststellen durfte.

Das Shanghai-Museum von außen. Vor dem Portal wachen auf jeder Seite vier mannshohe weiße Ungeheuer - Kopien von Skulpturen aus dem Museum, die im Original aber sämtlich nur 10 bis 40 Zentimeter messen!

Das Museum widmet sich auf vier Ausstellungsebenen allen wesentlichen Kunst- und Handwerksformen Chinas - angefangen bei viertausend Jahre alten Bronzegefäßen und buddhistischen Skulpturen über die Entwicklung der Siegel und Münzen zu den Möbeln; von Kalligraphie über Tuschegemälde bis hin zur Porzellan- und Jadekunst. Dabei verbindet das Museum Form und Funktion auf beeindruckende Weise. Das fängt schon beim Museumsgebäude an, dessen Form einem antiken bronzenen Essgefäß (ding) nachempfunden ist, und geht weiter in den Ausstellungen. Nicht nur variieren die Vitrineneinfassungen und Hinweisschilder je nach Thema der Ausstellung; auch Bodenbelag, Beleuchtung und Raumaufteilung sind voll und ganz auf die größtmögliche Wirkung der Exponate ausgerichtet. In der Jadenausstellung läuft der Besucher auf schallschluckend weichen Teppich an schwarz eingefassten und samtblau ausgeschlagen Vitrinen entlang.

Eine Landschaftsszene in einem fein gearbeiteten Stück Jade.

In der holzgetäfelten Gemäldesammlung hängen die tuschebemalten Rollen in langer Reihe nebeneinander, werden aber nur dann einzeln beleuchtet, wenn ein Besucher an der entsprechenden Stelle vor die Vitrine tritt - auf stilvoll imitiertem Holzparkett. In der Möbelausstellung wiederum sind die Räume groß, hell und offen; die Möbel werden so weit wie möglich zu kompletten Räumen zusammengestellt, an passender Stelle werden Fenster imitiert und der Raum mit künstlichem Bambus lebensnah dekoriert. In der Siegelausstellung dominieren freistehende Vitrinen, deren Quaderform die Form eines chinesischen Siegels widerspiegelt.

In der Skulpturensammlung stehen die weißen Skulpturen in bestechendem Kontrast zum Tiefrot der Wände und dem Schwarz der Sockel.

Dazu kommt eine hervorragende didaktische Bearbeitung. Interessante Unter- oder Rückseiten von Exponaten werden entweder vergößert abgebildet oder sind durch geschickt angebrachte Spiegel auch von vorn gut einsehbar. Die meisten Hinweisschilder sind auf Englisch und Chinesisch verfasst, zu den meisten Ausstellungen gibt es liebevoll gestaltete Informationsblätter auf Chinesisch, Englisch und Japanisch. In zwei kleinen Filmvorführräumen erläutern chinesische Videos mit englischen Untertiteln die Herstellung von Münzen und Bearbeitung von Jaden. Nur die interaktiven digitalen Stationen in manchen Gallerien sind einsprachig und wenig intuitiv. Dafür warten mehrere Gallerien mit hervorragend gestalteten Erläuterungen auf: in der Keramikabteilung finden sich lebensgroße Nachbauten einer Töpferwerkstatt und der drei hauptsächlich gebrauchten Brennöfenformen sowie das Modell eines kaiserzeitlichen Töpferdorfes, und in der Bronzenabteilung hört man vom Band den Klang der ausgestellten Bronzeglocken aus dem 9. Jahrhundert v.u.Z.

In der Bronzenausstellung wird die Herstellung eines Bronzegefäßes (ganz rechts) Schritt für Schritt (von rechts nach links) auf Chinesisch und Englisch erläutert.

Der Eintritt in das Museum ist neuerdings kostenlos (vermutlich seitdem 2007 zahleiche Denkmäler - darunter die Gründungsstätte der KPCh und das ehemalige Wohnhaus Zhou Enlais - freigegeben wurden), für umgerechnet 4 Euro steht dem Besucher ein Audio-Führer zur Verfügung, der zu zahlreichen Exponaten weitergehende Erläuterungen enthält. Fotografieren ist außer in einer Sonderausstellung überall erlaubt, lediglich eine Sicherheitskontrolle mit Militärwachen ist zu passieren, um Sprengstoffanschlägen vorzubeugen. (Da sind die Chinesen offenbar genauso paranoid wie die Angloamerikaner; an keiner Bus- oder U-Bahn-Haltestelle fehlt das Verbot, explosive Substanzen an Bord zu nehmen; in größeren U-Bahn-Stationen, Fernbahnhöfen und zentralen Sehenswürdigkeiten wird die Tasche geröntgt.)

Zwei Porzellankunstwerke demonstrieren die Bandbreite der Exponate.

Ein besonderes Schmankerl bekommt übrigens, wer werktags das Museum besucht. Dann sind nämlich zahlreiche Schulklassen im Museum, die die Geschichte Chinas erkunden. Und so viele "Hello."s, "How are you?"s und "What's your name?"s, wie eine in Zweierreihe vorbeiziehende Grundschulklasse aus strahlend aufgeregten Gesichtern produziert, hört ein Ausländer auch in chinesischen Großstädten sonst nur selten...

Blick von oben in den Lichthof, auf gelbbemützte Grundschüler, und die Reflektion des Glasdaches über dem Lichthof.