DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Auf den Straßen, in den Gassen

(Kategorie Shanghai 2010 | 8.2.2010, 10:04)

Alles was zum Beijinger Straßenrandleben gesagt wurde, trifft auf Shanghai genauso zu - mit Ausnahme der Infozellen. Dafür gibt es einen anderen futuristisch anmutenden Straßenrandstand:

Frühstückswagen 

Morgens öffnet sich die Klappe dieser eiförmigen Wagen, die meist an Haltestellen von Bus oder U-Bahn geparkt sind, und heraus lächelt eine Verkäuferin diverser Frühstücksprodukte - nichts Spektakuläres, keine spektakulären Preise, dafür die spektakuläre EXPO-Werbung mit dem gewagten Slogan "Eine reizende grüne Nachbarschaft".

Wasserzapfsäulen

An solchen kolossalen Tankstationen, die sich oft in Wohngebieten finden, kaufen Shanghainesen sauberes Trinkwasser. Die Flasche wird selbst mitgebracht, in den meisten Automaten lassen sich auch die 18-Liter-Tanks befüllen, die in neueren Heißwassergeräten zum Einsatz kommen. Am abgebildeten Automaten kosten 5 Liter Wasser umgerechnet 10 Cent.

Ein anderes Grundbedürfnis für 10 Cent befriedigen solche

Kondomautomaten

 

 

 

 

 

Die hängen meistens außen an den Begrenzungsmauern der Wohnsiedlungen und haben einen raffiniert einfachen Mechanismus, der bei Einwurf einer Münze ein Kondom auswirft. Wie oft die Automaten benutzt werden, wenn nicht gerade ein neugieriger Ausländer eine Münze hineinwirft, ist fraglich - angesichts der chinesischen Zurückhaltung mit Sexualität in der Öffentlichkeit.

Milchbriefkästen

In ihrer Form ähneln sie ein wenig den Kondomautomaten, enthalten aber nur Kuhmilch, und sind um einiges häufiger anzutreffen. Viele Wohnhäuser haben einen oder mehrere dieser Kästen, in die allmorgendlich kleine Milschfläschchen der Marke "Sonnenschein" (光明) ausgeliefert werden. Den Service kann jeder für weniger als 10 Euro im Monat abonnieren.

A propos Milch: Zwei der beliebtesten Erfrischungsgetränke in diesen Breiten sind Milchtee (naicha) und Kokosmilch (yezhi). Erstere gibt es in zahlreichen Variationen, letztere fast überall in der charakteristischen Dosenabfüllung der Marke "Kokospalme" (椰树) zu kaufen.

Autos ohne Kennzeichen

Ein ebenfalls häufiger Anblick auf Shanghais Straßen sind Autos ohne Kennzeichen. In Shanghai sind mehr als eine Million Privatautos zugelassen, und jedes Jahr kommen maximal 50.000 neue dazu. Deshalb fährt in Shanghai ständig ein Teil der Autos ohne Kennzeichen herum, denn in der Wartezeit für den Zulassungsantrag kann Autohaltern gestattet werden, mit einem vorläufigen Kennzeichen unterwegs zu sein - und dieses Papierdokument gehört hinter die Windschutzscheibe statt vorn ans Gefährt.

Geldautomatenzellen

Was aussieht wie moderne Telefonzellen, sind von innen abschließbare Geldautomatenzellen mit getönter Scheibe, in denen die Shanghaier ungestört ihren Finanzgeschäften nachgehen können. Ein recht üblicher Anblick hier.

Pseudovandalismus

Als ich zum ersten Mal eine solche Telefonzelle sah, war ich beinahe erfreut über diesen gewohnten Anblick: "In China gibt es ja doch Vandalismus - vielleicht ist Shanghai doch viel mehr wie Berlin, als ich dachte!" Dann sah ich noch eine solche Telefonzelle, und noch eine. Und begann, mich zu fragen, ob Shanghainesen vielleicht eine Abneigung gegen öffentliche Telefone pflegen. Als aber immer mehr tadellos aussehende Telefonzellen mit zertrümmerter Trennscheibe meinen Weg kreuzten, wurde ich stutzig. Und tatsächlich: Die Trennscheibe ist völlig intakt und sieht nur so aus, als wäre sie gesplittert. In der Internetbar meiner Nachbarschaft findet sich das gleiche "Muster" auf den Raumtrennscheiben... ob da nicht zumindest ein bisschen stille Bewunderung für den rauen Charme Berlins mitspielt?

Die Kosmonautentelefonzellen Beijings habe ich hier übrigens nicht finden können.