DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Das dunkle Geheimnis Nanjings

(Kategorie Shanghai 2010 | 22.2.2010, 7:49)

Es ist der Stoff, aus dem Horrordrehbücher werden: Mittagszeit in einer beliebigen Großstadt im Orient, sagen wir Nanjing. Ein Tourist schlendert eine der größten Straßen entlang. Er sucht einen Weg, die imposante Stadtmauer zu besteigen. Die Sonne scheint, der Verkehr ist lebhaft, da sieht unser Tourist zwischen einigen Häusern einen Mauerabschnitt. Begehbar oder nicht, das kann er nicht erkennen. Also biegt er auf die kleine Straße ab, um es herauszufinden. Er findet keinen Weg auf die Mauer und will schon enttäuscht umdrehen, da entdeckt er am Ende der Sackgasse hinter einem Werbeaufsteller ein Loch in der Mauer.

 

Unser Tourist ist überrascht, aber auch neugierig. Er blickt sich um: Die Sackgasse ist ruhig. Hundert Meter weiter quert der Verkehr auf jener Hauptstraße, von der er kam. Hier aber ist kein Mensch zu sehen, also fasst er sich ein Herz und schlüpft durch das Loch.

Er gelangt in einen langen Tunnel, der zum Ende immer dunkler wird. Der Boden des Tunnels ist sandig und dämpft jeden Schritt. Je weiter unser Tourist in den Tunnel geht, desto stiller und dunkler wird es um ihn herum. Der Tourist überlegt, dass solche Verstecke in seinem Heimatland wahrscheinlich von Obdachlosen genutzt würden. Ein Schaudern überfällt ihn bei dem Gedanken, jetzt hier jemandem zu begegnen. Aber dann müsste er ja vorher Licht aus der Dunkelheit scheinen sehen. Der Tunnel teilt sich und führt in zwei Richtungen weiter, die sich in der Dunkelheit verlieren. Unser Tourist nimmt seine Kamera zur Hand, aktiviert den Blitz und fotografiert ins Schwarz beider Abzweigungen hinein. Das erste Foto zeigt eine Sackgasse. Auf dem zweiten aber sieht er eine durchbrochene Ziegelwand, hinter der der Gang offenbar weitergeht.

Nun ist er neugierig und will wissen, wo der Gang hinführt. Der gelegentliche Kamerablitz reicht aber nicht, um in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Er braucht eine Taschenlampe. Also geht er zurück zum Ausgang des Tunnels, doch unten vor dem Ausgang sind plötzlich Menschen. Unser Tourist weiß nicht, ob er nicht doch etwas Verbotenes tut. Er hockt sich in die Dunkelheit und wartet ab, bis er den Tunnel ungesehen verlassen kann. Dann geht er aus der Sackgasse zurück auf die Hauptstraße und findet schon bald ein kleines Geschäft, das auch Taschenlampen verkauft. Er lässt sich eine aushändigen, legt vier Münzen auf den Tresen und wendet sich wieder der Sackgasse zu. Ein zweites Mal betritt er den Tunnel. Als er zur Gabelung kommt, legt er die Akkus aus seiner Kamera in die Taschenlampe und steigt durch das Loch in der Ziegelwand. Dahinter geht es nach links und rechts weiter, unser Tourist entscheidet sich für rechts. Ein langer schmaler Gang führt immer weiter durch die Dunkelheit, auf dem Boden sind Glühbirnen verstreut, von einem längst nicht mehr genutzten Beleuchtungssystem. Nach hundert Metern zweigt rechts ein Gang ab. Die Wand ist mit blutroten Zeichen übersät, von denen unser Tourist nur einige wenige kennt.

Der Tourist vermutet, dass es sich um den offiziellen Zugang von einst handelt, doch er traut sich nicht weiter in das Labyrinth der Gänge hinein. Eine weitere Sorge beschleicht ihn: Was, wenn der Tunnel noch genutzt wird, und er beispielsweise in ein militärisch genutztes Gebiet stolpert, wie es ihm am Vortag fast passiert wäre? Doch auch dann müsste er von weitem Licht sehen. In der perfekten Dunkelheit, die ihn umgibt, sollte sogar eine Kerze hunderte von Metern weit zu sehen sein. Der Hauptgang geht weiter in die Dunkelheit, der Tourist tappt vorsichtig vorwärts. Unter seinen Schuhen knirscht es. Er ist wahrscheinlich auf eine Glühbirne getreten. Sonst kein Laut. Er lauscht ins Dunkel, doch da ist tatsächlich nichts. Er macht die Taschenlampe aus und wartet eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. In keiner Richtung ist auch nur ein Lichtschimmer zu sehen, es ist stockfinster. Also wagt er noch einige Schritte. Links ist eine Öffnung in der Wand, eine verrostete Stahltür hängt halb in den Angeln. Er leuchtet mit der Taschenlampe hinein und erblickt eine Toilette, die offenbar sehr lange nicht mehr benutzt wurde. Er will sie fotografieren, doch sein einziges Paar Akkus steckt in der Taschenlampe. Also schaltet er die Lampe aus, nimmt die Akkus heraus und lädt sie im Dunkeln in die Kamera. Er sieht nicht mehr genau, wo die Toilette ist, und kann nur die Richtung ahnen. Ein Blitz in die Dunkelheit - das Foto zeigt nur die Wand. Er versucht es erneut, diesmal ist zumindest ein Teil der Toilette zu sehen. Beim dritten Bild endlich hat er sein Motiv erwischt.

Zum ersten Mal überlegt der Tourist, was wohl passieren würde, wenn die Akkus plötzlich leer wären, oder die Glühbirne der Taschenlampe defekt. Er ist bereits mehrere hundert Meter vom Eingang entfernt, ist gelegentlich über Geröll gestiegen und weiß, dass der Gang weder ganz gerade noch ganz eben ist. Wenn ihm hier etwas passierte, wann würde man ihn wohl finden? Der Tourist nimmt sich vor, nicht mehr allzu weit zu gehen, folgt dem Gang aber noch ein Stück. Kurz darauf zweigt rechts eine Treppe ab. Er erklimmt sie, muss sich dabei bücken. Vom ersten Absatz führen Stufen noch weiter hinauf. Am oberen Ende erkennt er eine halb geöffnete verrostete Stahltür. Schaudernd stellt er sich vor, wie im Raum hinter der Stahltür drei von Spinnennetzen übersäte Skelette an einem Tisch sitzen. Doch hinter der Stahltür ist kein Raum, sondern ein weiterer Treppenabsatz. Als der Tourist vorsichtig näher tritt, sieht er am Ende des Treppenabsatzes eine weitere Tür, die wahrscheinlich auf die Mauer geführt hätte. Sie ist verschlossen. Die Taschenlampe scheint auf Flechten, die von der Mauer auf die Tür gewachsen sind.

Der Tourist steigt über die unebenen Stufen vorsichtig zurück in den Gang. Am Ende des Lichtkegels seiner Taschenlampe sieht er eine Wand, und geht weiter, um zu sehen, wo der Gang endet. Als er ankommt, muss er erkennen, dass er sich getäuscht hat. Der Gang geht unbeirrt schnurgerade weiter, gesäumt von roten Schriftzeichen. Eine Warnung, die er nicht verstehen würde, wenn es eine wäre. Er überlegt, ob er es wagen soll, den Gang bis zum Ende zu verfolgen. Doch dann erinnert er sich, dass er mit seinen Akkus heute schon etliche Fotos gemacht hat und nicht weiß, wie lange sie noch halten werden. Er kehrt um. Nach zehn Minuten, die ihm vorkommen wie Stunden, steht er wieder an dem Loch, durch das er in den Gang gestiegen ist. Schwach fällt das Licht von draußen herein, aber er will noch sehen, wie der Gang links weitergeht. Dort liegen mehr Ziegel und Geröll herum als rechts, und vorsichtig schleicht unser Tourist weiter. Auch in dieser Richtung kein Geräusch außer seinen Schritten, kein Licht außer seiner Taschenlampe. Inzwischen ist er auch wieder zu weit vom Einstiegsloch, um dessen Licht noch zu sehen. Auf einmal knickt der Gang nach rechts ab. Der Tourist beschließt, das noch zu fotografieren und danach umzukehren. Also tauscht er die Akkus erneut, und blitzt in die Dunkelheit. Das erste Foto geht daneben, das zweite auch, beim dritten erwischt er den richtigen Bildausschnitt.

Es blitzt, danach wieder perfekte Dunkelheit. Doch plötzlich ein Geräusch. Kein unbestimmtes, weit entferntes, sondern das Geräusch, dass ein Mensch macht, der auf Geröll rutscht. Höchstens einige Dutzend Meter entfernt. Ihm bleibt das Herz stehen. Die Gedanken rasen. Ein Obdachloser? Polizei? Oder doch Militär? Er überlegt, was er tun soll. Da, noch einmal. Genau als würde jemand auf Geröll herumklettern, wie es am Einstiegsloch herumliegt. Der Tourist kneift die Augen zusammen und sucht das Licht vom Einstiegsloch, doch er findet nur Dunkelheit. Ihm wird bewusst, dass er mitten im Gang steht und weder weiß, was vor, noch was hinter ihm ist. Seine Taschenlampe ist leer, die Akkus sind in der Kamera. Er verharrt starr vor Schreck. Es ist wieder still, also versucht er, ganz leise die Akkus aus der Kamera zu nehmen. Das braucht Geduld und Fingerspitzengefühl. Beides hat er gerade überhaupt nicht. Doch er bezwingt sich, beruhigt sich mit dem Gedanken, dass jeder, der durch den Gang kommen will, auch Licht bräuchte, das man dann ja sehen müsste. Trotzdem überlegt er für eine Sekunde, ob er nicht sein Taschenmesser aufklappen soll, nur für alle Fälle. Doch jetzt ist ihm mehr nach Licht zumute. Endlich bekommt er die Akkus aus der Kamera und lässt sie in die Taschenlampe gleiten. Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass jemand, der vorhin am Einstiegsloch war, jetzt bereits vor ihm stehen könnte. Da kommt das Geröllschrammen noch einmal. Zu laut und zu schwer für ein Tier, es muss ein Mensch sein. Er schraubt so schnell er kann die Taschenlampe zu, doch das Plastgewinde ist stur. Er versucht es zwei, drei, vier Mal. Inzwischen ist ihm egal, welche Geräusche er dabei macht. Beim fünften Mal rastet das Gewinde ein. Er schraubt zu und schaltet an. Vor ihm ist nichts. Der Tourist ist erleichtert, wieder etwas zu sehen, doch wer immer mit ihm hier ist, sieht jetzt genauso viel. Also eilt er mit großen schweren Schritten zum Einstiegsloch. Falls sich jemand nur hierher verirrt hätte, würde der es jetzt genauso mit der Angst zu tun bekommen. Falls nicht, würde sein fester Schritt ihn selbst wenigstens darin bestärken, sich gegen jeden Angreifer zu wehren. Doch bis zum Loch trifft er niemanden. Er steigt hindurch, unbeholfen, so schnell wie möglich. Den kleinen Geröllhang rutscht er mehr als dass er läuft. Endlich kann er den Gang bis zum Anfang einsehen. Das Tageslicht scheint herein, doch da ist niemand.

Der Tourist leuchtet in die andere Abzweigung und hält einen Arm schützend vor sich, um sich notfalls zu wehren. Doch auch da ist niemand. Auf dem Weg zum Ausgang leuchtet er immer wieder zurück, doch er sieht nichts Verdächtiges. Er blickt vom Ausgang in die Sackgasse hinunter, auch da ist keine Menschenseele. Erleichtert will er aus dem Loch steigen, als ihn plötzlich etwas Hartes von hinten trifft. Er spürt seine Füße nach hinten weggleiten. Einmal noch sieht er das Tageslicht und ein paar behaarte Arme, dann wird es dunkel um ihn. Der harte sandige Boden dämpft das Geräusch, mit dem er in den Tunnel zurückgeschleift wird.

Alle Orte, Ereignisse und Personen sind frei erfunden (die letzten drei Sätze besonders frei), alle Fotos handgemalt. Die roten Schriftzeichen sind kommunistische Parolen aus der Kulturrevolutionszeit Ende der 1960er Jahre. Zum Spaziergang auf der Nanjinger Stadtmauer habe ich einen bebilderten Bericht auf wikitravel.org verfasst.