DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Silvester in Changzhou

(Kategorie Shanghai 2010 | 1.3.2010, 6:05)

Da es mir neulich vergönnt war, das chinesische Neujahr (sog. Frühlingsfest) im Kreis einer chinesischen Familie zu feiern, schildere ich nun einige meiner Eindrücke - ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder auch nur darauf, dass meine Erlebnisse für einen chinesischen Jahreswechsel typisch wären. Ich gebe persönliche Erinnerungen wieder, nicht mehr und nicht weniger. (Deswegen gibt es hier auch keine Fotos, weil ich den intimen Rahmen nicht stören und zugleich lieber persönlich erleben wollte als durch die Linse einer Kompaktkamera.)

Der traditionelle chinesische Kalender orientiert sich am Mond, deshalb fällt das traditionelle chinesische Neujahr stets auf ein anderes Datum zwischen 21.1. und 21.2. des gregorianischen Kalenders. Diesjahr war am 13.2. der letzte Tag des alten Mondjahrs, mit dem 14.2.2010 begann im Sternzeichen Tiger das neue Mondjahr - das 4707. nach traditioneller Zählung, oder üblicher: das dritte Jahr des dritten Zwölfjahreszyklus' im neunundsiebzigsten Sechzigjahreszyklus. Ich traf am 13.2. um die Mittagszeit in Changzhou ein und wurde von meinem Freund abgeholt. Wir fuhren zur Wohnung seiner Eltern. Lange blieben wir dort allerdings nicht, denn er erklärte mir, die eigentliche Feier finde in der Wohnung seiner jiejie statt. (Das heißt übersetzt "ältere Schwester", doch er meinte seine Cousine, wie ich später herausfand - ebenso wie er mit gege nicht seinen "älteren Bruder" meinte, sondern seinen älteren Cousin.) Der Ehemann seiner Cousine wartete schon im Peugeot vor der Tür und fuhr meinen Freund, seinen Vater und mich hinüber. Nur die Mutter blieb zurück und fuhr kurz darauf zu ihrer Familie - eine durchaus unübliche Aufteilung, denn nach chinesischer Tradition gehört die Ehefrau ab ihrer Heirat zum Familienstamm des Mannes.

In der Zweizimmerwohnung der Cousine meines Freundes war dann auch schon der gesamte väterliche Familienstamm zu Gange. Vier Generationen begingen den Abend zusammen, die vierte sorgte für einige Belustigung sooft der einjährige Sohn der Cousine Knabberzeug verteilte und die Namen aller Anwesenden brabbelte. Als wir ankamen, bereitete eine der Tanten gerade das Abendessen vor - den zentralen Teil der chinesischen Silvesterfeier. Wir wurden derweil angewiesen, uns aufs Sofa zu setzen und Nüsse und allerlei anderen Knabberkram zu futtern. Der Fernseher lief im Hintergrund, wie er überhaupt in chinesischen Haushalten oft zu laufen scheint - auch wenn ihm niemand Beachtung schenkt. Mit Einbruch der Dunkelheit kurz nach 18:00 begann dann das, was jeder zuerst erwähnt, wenn man ihn nach chinesischem Silvester befragt: das yanhuo - Feuerwerk. Soviel mir bekannt ist, sollte Feuerwerk traditionell die Geister der chinesischen Mythologie verjagen und Glück bringen. Deshalb lieben Chinesen ihr Feuerwerk, und eine Kollegin bestätigte mir, dass jeder beliebige Anlass zur Freude auch immer ein Anlass für Feuerwerk ist - ob Ladeneröffnung, neues Auto oder auch nur Geburtstag oder der Umzug in eine neue Wohnung. Doch der größte und beste aller Anlässe ist natürlich der selbe wie im Westen: Silvester. Schon an den Tagen zuvor hatte es gelegentlich geknallt, doch am Silvesterabend hing das Feuerwerk wie eine donnernde Kulisse ab 18:00 ununterbrochen in der Luft.

Kurz darauf begann unser Silvesteressen. Zu zehnt setzten wir uns um den Tisch, auf dem die Tanten schon die elf kalten Vorspeisen drapiert hatten. Einige Salate, doch überwiegend getrocknete Fleischzubereitungen, darunter Schweinezunge, Salzhähnchen, Tintenfisch und Hühnerleber. Auf dem größten Teller in der Mitte thronten die Garnelen und hatten begeisterten Zuspruch. Chinesen koordinieren Zähne und Zunge ungeheuer geschickt - gehört doch zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen von Kindesbeinen an das Knacken der Sonnenblumen- und Melonenkerne. Der Ausländer hingegen scheitert schon an dieser Knabberei und geht mit Garnelen natürlich noch weniger elegant um. Ich mied sie geflissentlich. Die restlichen Vorspeisen hingegen waren sehr lecker, besonders in Reisessig getunkt, den jeder in einem Schälchen vor sich stehen hatte.

Zur Atmosphäre des Essens sollte ich noch erwähnen, dass wir alle in Jacke am Tisch saßen, denn die Wohnung war ebenso wenig wärmegedämmt oder isoliert wie alle anderen chinesischen Wohnungen, die ich kennengelernt habe. Der Geräuschpegel war hoch, es ging renao zu - herzlich laut. Als die Vorspeisen weitgehend geleert waren, ging die Tante zurück in die Küche und bereitete die warmen Speisen zu. Mit jeder aufgetischten Speise wurde natürlich zuerst der Ausländer freundlich aufgefordert, sich doch bitte zu bedienen. Aufgetischt wurden in schneller Folge: Rührei mit Fisch (ungewohnt, aber lecker), zwei Gerichte mit Schweinefett und Gemüse und noch etwas später dann der obligatorische Fischschwanz. Das Wort für Fisch klingt wie dasjenige für Überfluss: yu. Deshalb gehört Fisch zu jedem Neujahrsessen unbedingt dazu. Vom Fischschwanz wird das Fleisch mit den Stäbchen abgekratzt (was martialischer klingt als es ist - das Fleisch ist butterweich und sehr lecker) bis die Mittelgräte freiliegt, dann wird der Schwanz umgedreht und auf der anderen Seite genauso bearbeitet.

Nach dem Fisch kam der süße Reis und ich dachte (ob meines Füllstands etwas erleichtert), dass damit die Fresserei beendet würde. Doch weit gefehlt. Zwar ist es offenbar in China so unüblich wie im Westen, nach der Süßspeise noch einmal Pikantes zu servieren, aber in diesem Fall sollte der größte Topf erst noch kommen: scharfe Schafsfleischsuppe, die ich eigentlich gern esse, nun aber nur noch aus Höflichkeit probierte. Danach kam der gekochte Schweindarm mit Reis und ich beschloss, die Höflichkeit in den Wind zu schreiben und lieber zuzugeben, dass ich wirklich wirklich satt bin. Doch daraus wurde nichts. Der Vater meines Freundes feixte mich an und nickte mir mit der Reisschüssel zu. Mein Freund erläuterte mir, dass es regionaler Brauch sei, das Neujahrsessen mit etwas Reis zu beschließen. Das müsse unbedingt sein. Also ließ ich mich überzeugen, aß noch etwas Reis und Schweinedarm, und damit war das Essen dann endgültig beendet - etwa zweieinhalb Stunden nachdem es angefangen hatte.

Getrunken hatten wir übrigens erst Reisschnaps, dann Rotwein. Ich war zu Anfang gefragt worden, was ich vorziehe, und hatte mich für den Reisschnaps entschieden, der in kleinen Fläschchen ausgeteilt wurde - eine gute Ration. Als die dann aber alle waren, sah ich, wie einer der Onkeln ins Wohnzimmer ging und eine große Flasche Reisschnaps hervorzauberte. Wohlwissend, dass Chinesen meist mehr davon vertragen als Europäer - und gelegentlich aus purer Gastfreundschaft einen Ausländer versehentlich unter den Tisch trinken - griff ich zum einzig legitimen Trick und ließ mir schnell Rotwein einschenken. (Für Chinesen ist alles, was Alkohol heißt - ob Bier, Wein oder Schnaps - auch Alkohol und damit gesellschaftsfähig, ohne dass jemand, der Hochprozentiges trinkt, auf einen Bier- oder Weintrinker verächtlich oder misstrauisch herabschauen würde.) Letztlich sprach dann jeder dem Wein zu, so dass der Reisschnaps es gar nicht mehr auf den Tisch schaffte.

Als das Essen beendet war, kam die größte Überraschung: Es hieß, wir führen nun zurück nach Hause. Vorher wurde aber noch diskutiert, ob man nicht doch noch etwas Feuerwerk machen solle - die Familie hatte sich eigentlich dagegen entschieden, die Cousine dann aber doch einige Kleinigkeiten gekauft. Also brannten die Onkeln mit großer Begeisterung unten das Feuerwerk ab, während der einjährige Sohn der Cousine einige Knallerbsen bekam. Danach verabschiedeten sich alle von einander, und der Mann der Cousine brachte erst die Oma, dann meinen Freund, seinen Vater und mich nach Hause. Als wir ankamen, war es gegen 22:00, die Mutter war noch nicht zurück. Wir setzten uns vor den Fernseher und guckten das Silvesterprogramm im Fernsehen, das alljährlich am letzten Abend des Jahres ausgestrahlt wird und wahrscheinlich zu den meistgesehenen Sendungen Chinas gehört - ein großer Kessel Buntes mit Sketchen, Musik und Tanz, aufgeführt von Kulturgruppen der Armee bis hin zu den ethnischen Minderheiten. Auch der berühmteste Magier Taiwans hatte seinen Auftritt. Nicht ohne Grund war die permanente Geräuschkulisse des Feuerwerks nach 22:00 spürbar dünner geworden - ohne aber zu versiegen.

Die Mutter kam kurz vor 23:00 nach Hause und wir guckten gemeinsam bis Mitternacht. Doch statt des im Westen üblichen Gejohles und begeisterten Countdowns übergingen sowohl die beiden smart gedressten Moderatoren im Silvesterprogramm als auch die Familie meines Freundes null Uhr völlig unbeeindruckt. Das Feuerwerk wurde zwar für eine halbe Stunde noch einmal stärker und wir blickten noch ein wenig aus dem Fenster, bevor wir schlafen gingen, doch der wichtigste Teil der Silvesterfeier war eindeutig nicht die Stunde Null. (Was nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass das vergleichsweise magere Feuerwerk um 0:00 noch immer jedes Geknalle im Westen in den Schatten gestellt hätte. In China benutzt nun einmal jeder die in Deutschland so berüchtigten "China-Böller" - und noch dazu in den Wohnsiedlungen, wo jeder Knall zig Echos erntet und jeder Lichtkranz die Häuserschluchten gespenstisch beleuchtet... Es ist eben ganz wie Krieg, nur bunter.)

Nachtrag: Da mit dem 15.1. des Mondkalenders gestern auch das traditionelle - nicht offiziell als Feiertag anerkannte - Laternenfest ins Land gegangen ist, hatte ich erstmals Gelegenheit, "großes" Feuerwerk in meiner eigenen Wohnsiedlung zu erleben, in der mehr motorisierter Verkehr unterwegs ist als in der Siedlung meines Freundes in Changzhou... was prompt zu dem witzigen Resultat führte, dass jeder größere Böller in der Nähe von Autos oder Motorrollern deren Alarmanlage auslöste und eine Kakophonie aus Artilleriegrollen, ohrenbetäubendem Knall und Alarmgepiepe zauberte...