DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Wer in Shanghai die Liebe sucht...

(Kategorie Shanghai 2010 | 5.3.2010, 11:46)

... hat zwei sehr bequeme Wege zur Verfügung - je nachdem, welche Art Liebe es sein soll:

Die Liebe bis dass der Tod sie scheidet? Die gibt es im Volkspark.

Im nördlichen Teil des Volksparks im Zentrum Shanghais findet sich ein Überbleibsel einer sehr alten chinesischen Tradition: Elternkuppelei. Früher bestimmten nämlich die Eltern, wen ihr Zögling ehelichen durfte - wie in weiten Teilen Europas auch. Anders als in Europa allerdings finden sich im Shanghaier Volkspark bis heute unzählige Eltern ein, um ihrem Sproß einen geeigneten Ehegatten zu besorgen. Bei halbwegs gutem Wetter ist der Park voll wie ein chinesischer Marktplatz - nur ganz so laut ist es dort nicht, denn die meisten der Besucher im gesetzteren Alter lesen die Angebote (im Bild rechts hinten), die andere (im Bild links vorn) auf A4-Zetteln geschrieben und aufgehängt oder ausgelegt haben. Die meisten sind handgeschrieben, nur wenige sind bebildert:

Was aber erfährt ein besorgtes Elternpaar, wenn es einen A4-Zettel wie den als zweiten von links abgebildeten liest? Es erfährt, dass eine im Juni 1979 geborene Frau - aha, Sternzeichen Schaf! - von 1,64 Meter Körpergröße zwar einen Bachelor hat, aber noch immer nicht unter der Haube ist. Es erfährt, dass die Frau aus der Provinz Shandong kommt - eine Nordchinesin, soso! - von Beruf Ölmalerin ist, privat aber Yoga, klassische Literatur und Kalligrafie mag. Die Frau kocht, gärtnert und reist gern, verfügt über diverse Qualifikationen und arbeitet in einem ausländischen Unternehmen - gute Partie, oder? Schließlich erfährt das suchende Elternpaar noch eine Telefonnummer, unter der vermutlich die Eltern des künftigen Schwiegerkinds zu erreichen sind - auf dass man sich zum Tee treffe und sich endlich das eine Enkelkind sichere, auf das man überhaupt noch hoffen darf...

Oder doch lieber die rein körperliche Liebe? Die gibt es in praktisch jeder Wohngegend. Ausländer, die nach China kommen, werden immer gewarnt: "Massage in China tut gut und ist günstig. Aber bleibt von den Massagesalons mit dem rosafarbenen Licht fern!" Denn was dort massiert wird, ist meist am allerwenigsten verspannt. Dafür kommt der nichtsahnende Tourist kaum je in die Verlegenheit, in den falschen "Massage"-Salon zu stolpern, denn erstens sind diese Salons tagsüber geschlossen und zugehängt, und zweitens befinden sie sich außerhalb des Zentrums in den Wohngegenden. Dort gibt es dafür umso mehr davon. Ich wüsste allein im Umkreis von zwanzig Gehminuten ein halbes Dutzend Rosalichthäuser. Die sind außer ihrer Beleuchtung - es gibt tatsächlich keine anderen Geschäfte mit dieser Beleuchtungsfarbe! - auch noch daran zu erkennen, dass außen nie Preise für die angebotenen Leistungen angeschlagen sind - was aber für chinesische Massagesalons durchaus üblich ist. (Wahlweise firmieren die Läden auch als Schmink- oder Schönheitssalons; auf dem abgebildeten heißt es "Gesundheitsvorsorge und Chiropraktik") Außerdem stehen in dem kleinen Raum hinter der Glasfassade eben keine Massagebänke quer zur Tür, sondern nur Bänke an den Wänden des Raums, auf denen sich nachts aufgetakelte Chinesinnen zur Schau stellen. Informierte Quellen ließen verlauten, in Shanghai liege der Preis für ihre Dienstleistung bei 10 bis 13 Euro - in den Provinzstädten dagegen eher bei 5 bis 7 Euro. Natürlich ist Prostitution in China illegal. Wie also kann es sein, dass diese Läden so offen ihrem Geschäft nachgehen? Ich habe zwei Chinesen gefragt. Die erste antwortete knapp und logisch: "Hier gibt es doch keine Polizei." Der zweite begründete es etwas eleganter: "Wegen der gesellschaftlichen Stabilität. Hier in der Gegend sind viele Fernfahrer unterwegs, und die sind halt lange von ihren Frauen getrennt. Da drückt die Polizei ein Auge zu." und tatsächlich hat die Lagerhausgegend in der Nähe meiner Wohnung die größte Konzentration von Rosagewerben, die ich bisher irgendwo gesehen habe...