DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Heute mal ein historischer Moment

(Kategorie Shanghai 2010 | 10.3.2010, 8:22)

Es begann im Fahrstuhl meines Wohnblocks. Einem Ort, den ich grundsätzlich nur mit angehaltenem Atem betrete, wenn ich vorher jemanden mit Zigarette entsteigen sehe - sechs Stockwerke reicht der Atem. Doch seit gut einer Woche hängt plötzlich ein "Rauchen verboten"-Schild dort. (Was nichts daran änderte, dass mir am nächsten Morgen wieder jemand mit Zigarette entgegenkam...) Ich wunderte mich also etwas. Ist doch gar nicht Art der Chinesen, leibliche Genüsse ohne handfesten Grund zu verbieten. Also fragte ich meine Kollegin, die einen Block weiter wohnt. Auch sie wusste nicht, was passiert war, und ich vermutete schon, in einem der Blöcke sei ein Brand ausgebrochen und die Hausverwaltung wollte eine Wiederholung verhindern. Ich beruhigte mich also. Es gab vermutlich einen handfesten Grund, das Rauchen in unserem Block zu verbieten - aber im Grunde blieben die Chinesen das hedonistische Völkchen, das sie sind. Alles lief seinen gewohnten Gang.

Bis vor wenigen Tagen auch die Fahrstühle unseres Bürogebäudes mit "Rauchen verboten"-Schildern plakatiert wurden. Nun begann ich, mich ernsthaft zu fragen, auf welchen neuen Gesundheitstrip die Chinesen nun verfallen seien. Wird demnächst vielleicht noch die Lieblingsspeise des großen Steuermanns verboten, die wahrscheinlich so gesundheitsförderlich ist wie eine Packung Zigaretten kalt zu lutschen? Mein Chinabild geriet ins Wanken.

Seit heute Morgen hängen neben den Fahrstühlen nun auch große Plakate, die endlich erklären, was los ist. EXPO ist los. Noch 52 Tage, dann ist die Welt in Shanghai zu Gast - Grund genug für die Shanghaier Behörden, auf internationalen Standard nachzuziehen und das Rauchen in öffentlichen Räumen zu verbieten. Denn genau das ist passiert: Zum 1.3. trat in Shanghai ein Gesetz über das Rauchen in öffentlichen Räumen in Kraft. Es gilt

  1. inner- und außerhalb von Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen
  2. in Bildungseinrichtungen einschließlich Wohnheimen, Mensen, etc.
  3. inner- und außerhalb von Sanitär-, Medizin- und Wohlfahrtseinrichtungen für Kinder
  4. in sanitären und medizinischen Einrichtungen
  5. in Sporthallen, auf Zuschauertribünen und in Stadien
  6. in Bibliotheken, Kinos, Ausstellungshallen, Museen, Gallerien, Denkmälern, Forschungseinrichtungen, Archiven, Kindererlebniseinrichtungen, Kinder- und Jugendzentren, und allen ähnlichen Kulturstätten
  7. in allen staatlichen Einrichtungen, die öffentliche Dienste anbieten
  8. in öffentlichen Banken und Finanzeinrichtungen
  9. in Märkten, Supermärkten und ähnlichen Handelseinrichtungen
  10. in Bussen, Taxis, Schienenfahrzeugen, Fähren und ähnlichen Transportmitteln des öffentlichen Nahverkehrs einschließlich der Ticketverkaufsstellen, Warteräume und Einrichtungen auf dem Bahnsteig
  11. in den Verkaufs- und Wartebereichen von Passagierflughäfen, -bahnhöfen und -häfen, außer in speziellen und ausreichend belüfteten Raucherbereichen
  12. in Hotels außer speziell eingerichteten Raucherfluren und Raucherzimmern
  13. in öffentlichen Unterhaltungseinrichtungen außer speziellen Raucherräumen oder -abteilen
  14. in Bewirtungsbetrieben, außer - wenn es sich nicht vermeiden lässt - speziellen Raucherbereichen
  15. in Besprechungsräumen, Bibliotheken, Kantinen und anderen gemeinsam genutzten Arbeitsbereichen der staatlichen Betriebe

Et voilá! Wer das Rauchverbot nicht umsetzt, wird mit Ordnungsgeld von umgerechnet 200 bis 1000 € belegt, wer trotz Rauchverbots raucht, muss umgerechnet 5 bis 20 € berappen. Zwar wird teilweise bezweifelt, dass solche Ordnungsvorschriften hier überhaupt durchgesetzt werden könnten, andere vertrauen dagegen auf die Appellwirkung der offensiv bekannt gemachten Regeln: "Nur die, die allzu gern berühmt werden möchten, werden es wagen, unter dem Blick von Millionen Augen zu rauchen." Ob die Millionen Augen alle so aufmerksam und strafend blicken werden wie die Regierung sich das wünscht, ist zwar fraglich, aber mindestens 40.000 Augen sollten es tun, denn jeder Stadtteil ist verpflichtet, ein Freiwilligenkorps von 1.000 Personen zu stellen, die die Umsetzung des Rauchverbots überwachen: "Die wichtigste und einzige Voraussetzung für Freiwillige ist, dass sie nicht rauchen - oder zumindest diszipliniert genug sind, es nicht in der Öffentlichkeit zu tun."

Der Presse war zu entnehmen, dass schon seit 1994 in manchen Bereichen Shanghais (vor allem medizinischen) das Rauchen verboten ist und dass die sieben Großstädte Tianjin, Chongqing, Shenyang, Harbin, Nanchang, Lanzhou and Shenzhen nun ebenfalls an Rauchverbotsgesetzen arbeiten. Ein Drittel aller Chinesen rauchen, jedes Jahr sterben geschätzt 1 Mio. Chinesen an den Folgen des aktiven und etwa 100.000 Chinesen an den Folgen passiven Rauchens.