DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Ein Ausländer kommt selten, und dann noch allein

(Kategorie Shanghai 2010 | 18.3.2010, 12:06)

Wer ein ausländisches Gesicht nach China trägt, erlebt allerhand Abstruses. Jeder waiguo pengyou ("ausländische Freund") kann ein Lied davon singen, und meines geht wie folgt:

Man gewöhnt sich an manches in einem Land, in dem sich Gastfreundschaft, Neugier und Unwissenheit über fremde Kulturen die Hand reichen. Dass man gelegentlich in ein Restaurant eintritt, den Wirt auf Chinesisch nach dem Angebot fragt und mit einem energischen "NO ENGLISH!" begrüßt wird, noch bevor man überhaupt ausgeredet hat, ist ja auch unterhaltsam. Ganz unplausibel ist die Annahme des Wirts schließlich nicht, dass einem ausländischen Gesicht kein chinesisches Wort aus dem Mund fallen kann. Man erklärt ihm dann halt, dass man soeben tatsächlich Chinesisch gesprochen hat, macht vielleicht noch einen Witz über Ausredenlassen und Zuhören, und wiederholt die Frage. (Dann bekommt man auch prompt den Kühlschrank gezeigt, in dem ein toter Fisch auf einem Teller liegt, neben den Resten vom Texas Chickensaw Massacre - und kann dankend ablehnen. Auf Chinesisch, versteht sich.) Was ich aber neulich in der chinesischen Provinz(haupt)stadt Hangzhou allein an einem Tag erlebte, übertrifft meine bisherigen Erfahrungen deutlich.

Hangzhou ist ein Zweimillionenseelendorf und trotz seiner enormen touristischen Bedeutung außerhalb Chinas kaum bekannt. Deswegen verirren sich dort auch sehr viel weniger Ausländer hin als in die Weltmetropole Shanghai. So kam es denn auch, dass ich schon an meinem ersten Tag auf der Flaniermeile Hangzhous von drei jungen Chinesen gebeten wurde, ein Foto zu machen. Klar, kein Problem - man ist ja gern behilflich. Doch ich hätte es besser wissen müssen: Man radebrecht natürlich keine englische Frage zurecht, um den einzigen Ausländer weit und breit zu bitten, ein Foto aufzunehmen, obwohl doch an der selben Stelle genug Chinesen unterwegs sind. Nein, was die drei mit "Foto machen" meinten, merkte ich, als sich der erste an meine Seite stellte und breit in die Kamera grinste. Ich machte den Spaß mit; auch das weibliche Mitglied der Gruppe posierte noch neben mir, und wir streckten beide das Chinesen-V (Zeigefinger und Mittelfinger gespreizt) in die Kamera. Die drei waren glücklich und gingen ihrer Wege. Lustiger wurde es allerdings am nächsten Tag. Ich schlenderte gerade durch einen Park, genoss den Sonnenschein, das Wasser und die Hügel am Horizont, da hörte ich hinter mir dieses geflüsterte Tuscheln, das mit den Worten "Nein, du sprichst." endete, bevor mich drei chinesische Schülerinnen links überholten, sich vor mir aufstellten, und die mittlere auf Englisch sagte: "Wir sind Schüler in Hangzhou, können wir über den Westsee reden? Ich möchte mein gesprochenes Englisch verbessern." Ich konterte sofort auf Chinesisch, mit meiner Chinesische-Sprüche-mal-andersrum-Masche: "Oh, dein Englisch ist aber sehr gut. Ausgezeichnet, wie gut du sprichst." woraufhin die drei Mädels in - ich kann es leider nicht anders beschreiben - ekstatische Begeisterung gerieten, die nach dem üblichen "Wo kommst du her?" - "Aus Deutschland." in noch schrillere Tonlagen anstieg. "Ohhhh, Deutschland! Wie toll!" Sofort zückte eine aus dem Trio ihre High-Tech-Digitalkamera und nacheinander ließen sich die beiden anderen mit mir ablichten. Ich kannte das Prozedere schon und spielte artig mit. Was ich aber noch nicht kannte, war der Rest der Mädchenhorde, der gerade in dem Moment um die Ecke bog. Kaum sahen die anderen ihre Klassenkameradinnen mit einem Ausländer, rannten sie mit kreischendem Vergnügen und "Ich auch, ich auch."-Rufen auf uns zu. Ich wagte noch ein stilles "Ihr seid aber viele.", da kam mir zum Glück die Wortführerin zu Hilfe, bändigte ihre Freundinnen und wünschte mir einen guten Tag...

Den sollte ich dann auch noch haben. Nachdem ich den Hangzhou'er Westsee erkundet hatte, fuhr ich mit einem Mietfahrrad in die nahegelegenen Berge, zur legendären Tigerquelle. Angeblich hatten zwei Tiger einem vor langer Zeit dort lebenden eremitischen Mönch die Quelle aufgegraben, und heute gilt ihr Wasser als eines der besten Chinas. Völkerscharen pilgern dorthin und holen sich das Wasser, mit dem der berühmte Hangzhou'er Drachenbrunnentee aufgebrüht gehört. Und weil der Parkeintritt soviel kostet wie zwei bis drei Vierliterflaschen Trinkwasser im Supermarkt, bringt jeder auch gleich mehrere leere Kanister mit, was zu recht langen Wartezeiten an der Zapfstelle führt. Nun gibt es aber Touristen, die nicht gleich literweise Tigerquellwasser zapfen wollen, sondern nur ein Fläschen voll zum Probieren. Vor mir waren zwei solcher (chinesischer) Touristen, also schloss ich mich ihnen an. Der alte Mann, der die Quelle gerade erobert hatte, grummelte etwas und machte zynische Witze, bevor er seinen Landsleuten eine Flasche abfüllte, also dachte ich schon, dass ich ihn jetzt charmant überreden müsste. Doch das Gegenteil war der Fall. Als er merkte, dass ein Ausländer hinter ihm stand, griff er sofort begeistert nach dem Fläschchen, spülte es erst aus und füllte mir dann etwas Wasser ab. Nachdem ich meinen Durst gestillt hatte, wollte ich meine Flasche noch einmal auffüllen, doch noch bevor ich etwas sagen konnte, hatte es einer der Umstehenden bemerkt und dem alten Mann zugeraunt: "Der ausländische Freund will nochmal." Und schwups, war meine Flasche wieder voll.

Es war am Abend des selben Tages, dass ich in ein kleines Restaurant einkehrte, in dem sonst kein Gast war. Der Wirt, ein rauher Kerl mit griesgrämigem Gesicht, nahm die Bestellung auf und fragte angelegentlich, woher ich denn käme. Ich sagte "Aus Deutschland." und das schien ihm dann auch schon genug. Doch kaum hatte er das Essen gebracht, ging er noch einmal nach hinten, brachte zwei Geldscheine mit, legte sie vor mich und fragte "Woher kommen die?" Ich schluckte überrascht meinen Bissen hinunter und warf einen Blick darauf. Einer der Scheine hatte einen beeindruckend großen Wert aufgedruckt, und rechts oben las ich "Banco Central de Reserva del Perú". Also machte ich ihm mit Hilfe meines Wörterbuchs klar, dass der Schein aus einem Land stammt, das auf Chinesisch Bilu heißt. Er kannte es nicht, also erläuterte ich ihm noch, dass das in Südamerika liegt, nicht allzu groß ist und ich keine Ahnung habe, was der Schein nun wert sei. Auch mit dem anderen Schein konnte ich nicht viel anfangen. Mein Wörterbuch stammt aus 1984, kannte also das Land Kroatien nicht einmal. Und alle meine Versuche, dem Wirt Begriffe wie Balkan und Südosteuropa zu erläutern, scheiterten kläglich. Wahrscheinlich konnte ich froh sein, wenn er wusste, in welcher Himmelsrichtung Europa liegt. Im Nachhinein informierte ich mich natürlich selbst, was die Scheine nun wert waren: Es handelte sich um kroatische Dinar und peruanische Inti - zwei inflationsgeplagte Währungen zu Anfang der 1990er Jahre, die seit fünfzehn Jahren nicht mehr im Umlauf sind...

Epilog: Einige Tage später passierte mir etwas ganz Ähnliches in der Provinzstadt Suzhou, die (zu Unrecht) neben Hangzhou als schönste Chinas gilt. Ein fliegender Händler hielt mir nach einigem Vorgeplänkel zwei Dollarnoten hin und fragte mich, ob ich in meinem Land etwas damit anfangen könne. Die chinesische Bank habe das Geld zurückgewiesen, weil jemand auf einem der Scheine George Washingtons Konterfei eine Sonnenbrille und einen Maulkorb aufgemalt hatte. Ich erläuterte dem Mann, dass wir in Deutschland nicht Meiyuan ("Amerika-Geld") benutzen, sondern Ouyuan ("Europa-Geld"), und er steckte die beiden Scheine mit Leidensmiene zurück. Sogleich aber zückte er fünf 10-Euro-Scheine und wollte sie mit mir in chinesische Währung (amtl. renminbi, "Volkswährung", ugs. yuan, "Geld", noch ugs. kuai, "Kohle") tauschen. Als ich ihm sagte, dass ich das chinesische Geld noch bräuchte und ihm vorzählte, dass ich ohnehin nur gut 100 kuai in der Tasche hatte, 50 Euro aber 500 RMB wert seien, bot er mir einen der 10-Euro-Scheine für 95 kuai an. Ich erwiderte lachend, dass man selbst in China für 5 kuai nur schwer ein Mittagessen findet. Man erlebt eben einiges als Ausländer in China...