DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Das klingt wie...

(Kategorie Shanghai 2010 | 8.4.2010, 19:44)

Dass Chinesen ein besonderes Ohr für Klangähnlichkeiten haben, wird schon an den chinesischen Zahlenspielereien deutlich. (Bsp.: 5-1-8 = wu yao ba = klingt wie "wo yao fa" = heißt "Ich will werden", und zwar reich.) Das Phänomen ist aber in China viel weiter verbreitet. Man mag sich sogar zu der These hinreißen lassen, dass die chinesische Kultur insgesamt auf einem starken Ähnlichkeitsbewusstsein basiert, wenn man z.B. weiß, dass die traditionelle chinesische Medizin vielen Früchten heilsame Wirkung gerade für diejenigen Körperteile zuschreibt, denen die Frucht am meisten ähnelt. (Die Wolfsbeere sieht aus wie ein Auge, sei also gut für die Augen, die Walnuss dagegen gut für's Gehirn; nur wofür der Pfirsich gut ist, habe ich vorsichtshalber nicht gefragt...) Doch zurück zu den Klängen (den angenehmeren).

Es gibt zahlreiche Beispiele für chinesische Mythen, Traditionen und Verhaltensweisen, die ausschließlich oder hauptsächlich auf Klangähnlichkeiten zurückgehen. Die berühmten Ming- (und anderen) Vasen waren in betuchten Haushalten nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil das Wort für Vase (ping) genauso klingt wie dasjenige für Frieden. Und das allgegenwärtige Zeichen für "Glück" auf chinesischen Türen ist nur deshalb immer umgedreht, weil dao nicht nur "umdrehen" bedeutet, sondern auch so ähnlich klingt wie "ankommen".


Türen in meinem Hausflur mit dem umgedrehten (dao) Zeichen für Glück (fu)

Chinesen schenkt man zum Geburtstag weder Uhr noch Regenschirm, weil song zhong außer "Uhr schenken" auch "das letzte Geleit geben" bedeuten könnte, und san nicht nur wie "Schirm" klingt, sondern auch wie "sich trennen". Auch fenli bedeutet "sich trennen", weshalb Liebende in China sich nie eine Birne (li) teilen (fen). Besonders kurios ist auch die Benimm-Regel, niemandem ein Buch zu schenken, der sich auf eine wichtige Prüfung vorbereitet, denn "Buch" und "Durchfallen" heißen beide shu.

Auch die chinesische Natursymbolik hat viel mit Klängen zu tun. Fledermaus (fu) und Fisch (yu) sind deshalb so beliebte Motive in alten Malereien und künstlerischen Verzierungen aller Art, weil fuyu "wohlhabend" bedeutet (fu = "reich", yu = "Überfluss"), und fu zudem noch nach "Glück" klingt. Die Chrysantheme symbolisiert Widerstandsfähigkeit, weil beide wie ju klingen, und der Lotus hatte mit seinem traditionellen Namen furong den evolutionären Selektionsvorteil, wie Reichtum (fu) und Ruhm (rong) zu klingen.

Jedoch eine der (wie ich finde) raffiniertesten Klangmalereien benutzt eine chinesische Immobilienmaklerkette mit ihrem Namen 5i5j. Wenn man die Zahlen chinesisch, die Buchstaben aber englisch ausspricht, klingt das ungefähr wie "wu ai wu jey" - und das wiederum klingt wie der chinesische Slogan des Unternehmens wo ai wo jia - "Ich liebe mein Heim."