DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Mal ganz Chinesisch gedacht

(Kategorie Shanghai 2010 | 9.4.2010, 15:39)

Viel wurde schon über "Chinglish" gelacht und geschrieben - die ulkige Mixtur aus englischen Wörtern und chinesischer Grammatik. Die berühmtesten beiden Bücher stammen von einem Deutschen, sind aber sogar in den Touristeninformationen Shanghais erhältlich. Deren Autor Oliver Lutz Radtke hält Chinglish für eine bewahrenswerte kulturelle Chimäre, andere sehen darin nur witzige Ausrutscher - in allen Fällen aber geht es um englische Sätze, die im strengsten Sinn grammatisch falsch sind. Häufig liest man in China aber auch Sätze, die nicht grammatisch falsch sind und doch sehr merkwürdig klingen. Immer wieder habe ich mich dann dabei ertappt, die englische Übersetzung am chinesischen Original zu überprüfen ("Das können die doch unmöglich gemeint haben!") und doch war die Übersetzung stets korrekt; die Kuriosität entstammte allein der chinesischen Denke hinter den Texten - und zwar dem Original genauso wie der Übersetzung. Im Folgenden die witzigsten Beispiele:

  1. Die Dreifaltigkeitskapelle, die wegen ihrer Backsteinarchitektur von Chinesen hongmiao ("roter Tempel") genannt wird, ist derzeit wegen Bauarbeiten geschlossen. Das Informationsschild am Eingangstor informiert die Besucher über die Sanierungsarbeiten. Sinngemäß findet sich darauf auch folgende Angabe:

    "Dauer der Sanierungsarbeiten: Vom 19. April 2009 bis zum Abschluss der Sanierungsarbeiten."

  2. Am Eingang zum Volkspark im Stadtzentrum befindet sich ein Hinweisschild, das die im Park zu beachtenden "Rulers for Visitors" (also "Lineale" bzw. "Herrscher" für Besucher) aufführt. Besonders interessant ist dabei Regel Nr. 2:


    "Ethischen und moralischen Regeln ist angemessen Folge zu leisten, von Besuchern wird erwartet, nicht zu urinieren oder zu scheißen..."


    In anderen Parks hängt eine andere Übersetzung des selben Regelwerks, die das politisch korrektere Wort "defecate" benutzt. An der Pikanterie der Aufzählung ändert das nichts - ähnlich wie im Steinstadtpark von Nanjing, wo es verboten ist, "willkürlich herumzuspucken oder zu -pissen", wörtl. "spit or piss at random".

  3. Im Olympiazentrum Shanghais werden die U-Bahn-Haltestellen mit Wachhunden kontrolliert. Große Schilder warnen jeden Besucher vor:


    "Wir begrüßen Ihre Kooperation mit unseren Wachhunden."

  4. Das Ozeanarium Hangzhou gewährt folgenden Bevölkerungsgruppen Rabatt:


    "Senioren über 70, die in Hangzhou wohnen, Kader im Ruhestand, aktive Soldaten, Behinderte und Lehrer mit mehr als 30 Jahren Lehrerfahrung bezahlen nur den halben Preis bei Vorlage gültiger Nachweise."


    Da fragt man sich doch unweigerlich, wie die Lehrer in die Gruppe passen: Sind Lehrer nach 30 Jahren Unterricht so etwas wie aktive Soldaten, oder sind sie dann schon mehr wie Rentner über 70?!

  5. Die Bedienungsanleitung für einen Geldautomaten der Agricultural Bank of China an der U-Bahn-Haltestelle Caoxi-Straße enthält unter Nr. 3 folgenden Warnhinweis:


    "In allen abnormalen Situationen, wie dem Verschlucken der Kreditkarte, des Bargelds usw., kontaktieren Sie bitte sofort unsere Bank."

    Wie gern wäre ich dabeigewesen, als das zum ersten Mal passierte!

  6. Das Shanghaier Märtyrermuseum gedenkt der Opfer der japanischen Kriegsverbrechen auf Shanghaier Boden, aber auch sonstiger staatlich anerkannter Märtyrer. Der breite geschichtliche Ansatz des Museums wird auch in den Beschreibungstafeln deutlich:


    "Das Donnern der Kanonen am Hafen von Wusong, die flatternden Flaggen der Dolchverschwörung und das Knattern der Gewehre der Revolution von 1911 bildeten eine feierliche [bitte was?] Kampfbewegung in der Geschichte des modernen Shanghai."

  7. Schließlich noch ein Beispiel, in dem doch einmal die Übersetzung schiefgegangen ist: Wie oft passt das Wort "Pavillon" in einen Satz? Die Informationsschilder auf der größten künstlichen Insel im Hangzhou'er Westsee machen es vor, indem sie die dortigen Sehenswürdigkeiten aufzählen:


    "Es gibt den Neun-Löwen-Felsen, den Xianfangtai, den Herz-mit-Herz-verbunden Pavillon, den Hakenkreuz Pavillon und einen Pavillon mit einem besonderen Namen Pavillon, Pavillon, Pavillon, Kaiwang Pavillon etc."

    Dazu muss man zunächst wissen, dass das (umgedrehte) Hakenkreuz ein sehr altes buddhistisches Symbol ist, das sich in der Architektur und Dekoration vieler Tempel findet. Die wirklich merkwürdige Stelle der Aufzählung ("Pavillon, Pavillon, Pavillon") ist aber selbst für Chinesen kaum verständlich, denn im Originaltext steht tatsächlich drei mal das selbe Zeichen: ting ting ting. Einer Erläuterung im Frage-und-Antwort-Portal der größten chinesischen Suchmaschine ist zu entnehmen, dass dieser historische Name ursprünglich etwa "aufrecht ruhender Pavilion" bedeutete, bevor das Zeichen ting einige seiner Bedeutungen allmählich einbüßte. Moderne Chinesen verstehen also tatsächlich nur Pavillon.