DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Zu Besuch im chinesischen Teedorf

(Kategorie Shanghai 2010 | 21.7.2010, 21:45)

Hangzhou (sprich „Hangdscho“) gehört heute zu den kleineren chinesischen (Millionen-)Städten, und zu den reizvolleren. Als eine der historischen Hauptstädte Chinas erfreute sie sich jahrhundertelang der Aufmerksamkeit der Kaiser und ihrer hochrangigen Beamten. Die Stadt wurde zu einem der kulturellen Zentren des alten China. Zugleich erfreute sich Hangzhou schon damals einer beeindruckenden Naturkulisse: Berge und sanfte Hügel stiegen an drei Seiten hinter der Lagune auf, an deren vierter Seite die Stadt sich entwickelt hatte. Die lokalen Gouverneure ließen die Lagune ausbaggern und immer weiter kultivieren, bis allmählich ein künstlicher See mit künstlichen Inseln entstand – geplant nach den philosophischen und ästhetischen Idealen, die bis heute den chinesischen Gartenbau prägen. Diesem See verdankt Hangzhou seinen Ruf, dem günstigen Klima dagegen verdankt es seinen Tee. Die Berge jenseits des heutigen Westsees beherbergen zahlreiche Teedörfer, ihre Hänge sind mit grünem Tee bepflanzt, soweit das Auge reicht. In das berühmteste dieser Teedörfer führte mich mein Weg am 13. März 2010.

Das Dorf Longjing (wörtl. „Drachenquelle“) hält, was sein Eingangstor verspricht: Eine winzige Ansammlung von Häuschen inmitten riesiger Teeberge – so klein, dass das Dorf ganz ohne Straßennamen auskommt. Doch die große Stadt ist nicht weit, und der Ruhm Longjings schallt weit über die Landesgrenzen. Nicht verwunderlich also, dass die Einwohner Longjings oft genug Touristen sehen, um sich in der für Chinesen typischen Geschäftstüchtigkeit zu üben, die kritischen Geistern oft das schale Gefühl beschert, wieder einmal viel zu viel bezahlt zu haben... Ich wunderte mich also nicht, dass ich schon von weitem angerufen wurde, sobald ich das Tor durchquert hatte: „Sir, drink tea! Real Longjing tea! Cheap!“ und übte mich umgehend in der für China-Touristen typischen Schwerhörigkeit, die kritischen Chinesen oft das schale Gefühl beschert, die Lang-Nasen seien auch noch hoch-näsig. So war ich gerade einige hundert Meter weit gekommen, da führte plötzlich eine Treppe von der Straße ab, bergan:

Das grüne Schild neben den Stufen zu Haus Longjing 70 kündigte eine „ländliche Teestube“ an. Doch es war weniger diese Botschaft, die mich beflügelte, als die Tatsache, dass sie ausschließlich auf Chinesisch angeschrieben war - und wo kein Englisch, da rechnen Chinesen auch nicht mit freigiebigen Ausländern. (Und in der Tat wurde ich später noch gefragt, wie ich vom Teeverkauf überhaupt erfahren hätte.) Ich erklomm also den ersten Treppenabsatz, und erblickte am Ende der Treppe schließlich einen Eingang.


Bevor ich eintrat, fiel mir allerdings auf, dass das Steingeländer linkerhand durchbrochen war. Dahinter begann ein Trampelpfad, dem ich aus purer Neugier folgte. Einige Meter später trat ich durch ein Gebüsch ins Freie - und stand mitten im Teeberg!

(Bitte auf das Bild klicken, um ein Panoramavideo der Teeberge anzusehen.)

Der Eindruck war überwältigend, und ich genoss ihn eine ganze Weile, bevor ich zur Treppe zurückkehrte und das Anwesen betrat. Einige Männer saßen auf der Terasse beim Tee, aber man merkte ihnen an, dass sie hier nur zu Gast waren. Durch die Fenster des Hauses sah ich schließlich eine alte Frau mit grau meliertem Haar, und trat ein. Ja, hier könne man Tee kaufen. Ich sei zwar für die erste Teeernte des Jahres noch eine Woche zu früh, aber Tee von der letzten Ernte sei noch da. Ob ich probieren wolle? - Natürlich wollte ich. Also bereitete sie mir ein Glas zu, während ich mit ihrer inzwischen hinzugekommenen Tochter sprach. Als der Aufguss fertig war, wurde ich auf die Terasse hinauskomplimentiert und durfte das angenehm bittere Getränk genießen.


Kaum hatte ich das Glas ausgetrunken, kam die freundliche Alte wieder und schenkte heißes Wasser nach. Später würde sie mir erklären, dass es schon ein Fehler gewesen war, das Glas auszutrinken - man gieße normalerweise schon nach, wenn noch Wasser im Glas sei. Als ich nach dem dritten Aufguss schließlich genug getrunken und mich am Panorama der Berge sattgesehen hatte, ging ich zurück in den Verkaufsraum und versuchte nun noch, meine Neugier zu stillen. Ich fragte beide Frauen aus, so gut es meine sprachlichen Fähigkeiten erlaubten. Ja, das Familienunternehmen werde noch von der Alten und ihrem Mann geführt. Ihr Mann sei der auf dem Bild, in der Mitte.

Auf weitere Fragen meinerseits bot sie mir schließlich an, mich etwas herumzuführen. So sah ich unter anderem den Nebenraum, in dem die Sammelkörbe bis zur nächsten Ernte aufbewahrt werden...



... und die Tonnen im Keller, in denen der Tee auf Kalkstein getrocknet wird. (Sonnenstrahlung - so erläuterte mir die Frau erschrocken auf meine Frage, ob der Tee denn nicht luftgetrocknet werde - zerstört das Aroma der Blätter.)

Schließlich bat ich darum, etwas Tee abgepackt zu bekommen, und die Alte holte einen der mit getrockneten Teeblättern gefüllten Jutesäcke aus einer Tonne.


Sie füllte eine große Handvoll Blätter in eine Aluminiumtüte, adjustierte ihre Waage und nahm anschließend so oft wieder etwas Tee aus dem Beutel, bis noch genau die gewünschten 50 Gramm (das sog. jin) darin waren.


Anschließend verschloss sie den Beutel mit einem kleinen Schweißgerät, steckte ihn in eine dekorative grüne Metalldose und verabschiedete mich herzlich. Beim Gehen warf ich einen letzten Blick von der Terrasse, auf die vom Abendlicht umschmeichelten Bergsilhouetten.


Anmerkung: Die chinesische Teezeremonie hatte ich bereits an anderer Stelle geschildert, die routinierten Handgriffe eines Chinesen beim Teeservieren ebenfalls per Video dokumentiert.