DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

T.M.L.M.T.B.G.B...

(Kategorie Gesammeltes | 6.11.2011, 0:30)

... das steht für "Too Much Light Makes the Baby Go Blind". Nach eigenen Angaben "the longest-running show in Chicago" - und ich war dabei.

Die Bahnfahrt ab Zentrum dauert gut eine halbe Stunde, ich steige im vietnamesischen Teil der Stadt aus - die Haltestelle Argyle ziert eine Pagode. Es ist kurz nach zehn, ich habe noch ein Stück zu laufen. Die Vorstellung beginnt zwar erst 23:30, aber Karten gibt es nur an der Abendkasse - und da lautet die Empfehlung für Samstag Abend, möglichst schon 22:30 da zu sein. Samstags sei der Andrang größer als freitags und sonntags. Ich schreite aus, und durchquere bald typische Wohngebiete. Hier regt sich überhaupt nichts, kein Lichtermeer blendet die Augen, nur Haus an Haus vom selben Vorstadttyp. Die Innenstadt ist weit entfernt.

Der Fußweg zieht sich, und mir kommen Zweifel: Wer macht sich Samstag Nacht die Mühe, in dieses abgelegene Wohngebiet zu fahren und dann noch ewig zu laufen? Da hätte ich wohl kaum so früh kommen müssen. Wenn überhaupt, verirren sich einige Einheimische dahin - und viele können es ja nicht sein, wenn das Stück an 50 Wochenenden im Jahr seit 23 Jahren läuft. Ich sollte mich irren, und zwar gewaltig.

Es ist zwanzig nach zehn, als ich ankomme. Ein unscheinbares Gebäude an einer Kreuzung - das also ist das "Neo-Futurarium", in dem die Schauspielertruppe "Neo-Futuristen" ihr Unwesen treibt. Nur eine schwarz-weiße Neonreklame verrät mir, dass ich richtig bin. Und ein Dutzend Menschen, die schon an der Tür warten. Ich habe gelesen, dass das Theater 150 Sitzplätze hat, die nach dem Prinzip "Wer zuerst kommt, kriegt das Mehl" verteilt werden. Viel zu sehen ist in der Umgebung ohnehin nicht, also stelle ich mich an. Zehn Minuten später reicht die Schlange bereits um die Ecke des Gebäudes und ich verliere den Überblick, wie schnell sie hinten wächst. Meinen Platz zu verlassen, wage ich inzwischen nicht mehr. Mir fällt eine Episode vom selben Morgen ein: Nach dem Aufstehen gegen halb acht hatte ich aus meinem Hotelzimmer eine Schlange erblickt, die sich neun Stockwerke unter mir um ein Gebäude bog. Aus Neugier ging ich auf einem Umweg zur Konferenz - und fand heraus, dass die etwa 100 Leute am Nike-Store anstanden oder (je weiter man nach vorne kam) auf mitgebrachten Campingstühlen ausharrten. Da ist Theater schon der würdigere Anlass.

Während ich warte, rufe ich mir ins Gedächtnis, was ich über die Philosophie des Theaters gelesen habe. Die Neo-Futuristen wollen

  • die menschliche Beziehung zwischen Darsteller und Publikum stärken.

  • eine Form des nicht-illusionären Theaters pflegen, um unsere Erlebnisse und Ideen so direkt wie möglich zu vermitteln. Wir versuchen, eine Welt zu gestalten, in der die Bühne eine Fortsetzung des täglichen Lebens ist.

  • den Moment zelebrieren durch Publikumsmitwirkung und geplante Flüchtigkeit - entgegen dem Erwarteten und frei vom Dauerhaften.

  • preiswerte Kunst für die Allgemeinheit inszenieren. Wir wollen das größtmögliche Publikum ansprechen, indem wir die Eintrittskarten günstig halten, und unsere Stücke intellektuell und emotional anspruchsvoll - aber auch verständlich.

(gekürzte Übersetzung des Statement of Purpose; einen noch besseren Eindruck von den Absichten der Neo-Futuristen vermittelt die knapp 10-minütige englische Dokumentation zum 20. Bühnenjubiläum.)

Pünktlich um 23:00 taucht der Einpeitscher auf. Nach kurzer Ansprache verteilt er an die ersten 150 Wartenden Plastikringe aus dem Bonbonautomat. Das seien unsere "Tokens", mit denen wir den Saalplatz garantiert hätten - die Bezahlung finde erst unmittelbar am Saaleinlass statt. Er lässt uns ins Gebäude, und treppauf um drei Ecken gelangen wir durch kreativ dekorierte Gänge in einen großen Wartesaal. "Stark renovierungsbedürftig" wäre die höfliche Formulierung, "anheimelnd abgewrackt" die stimmungsvollere. Aber wir warten ohnehin nicht lange. Sobald der Raum sich mit Menschen randvoll gefüllt hat, steigt ein Glatzkopf mittleren Alters auf's Podium (Greg, der das Theater gegründet hat) und verkündet die Spielregeln: Uns werde gleich Einlass gewährt, wir hätten fröhlich zu sein (kurze Dezibel-Abstimmung ergab: Wir waren fröhlich.) und müssten Geld bezahlen. Weil das Theater aber kein gewöhnliches Theater sei, hätten wir unseren Eintrittspreis auszuwürfeln. 9 plus Würfelzahl sei dann in Dollar fällig. Wer das Etablissement mit Spenden unterstützen wolle, sei ermutigt, das Wechselgeld liegen zu lassen. Außerdem gebe es ein besonders Schmankerl für alle Dauer-Online-Smartphone-Benutzer: Wer sofort über Facebook, Twitter oder andere Kanäle seinen Aufenthaltsort bekannt gibt und das am Einlass vorzeigt, darf mit einem fünfseitigen Würfel würfeln... eine geniale Marketingidee. Geradezu haarsträubend dagegen der nächste Satz: "Some call that a dollar off." - mathematisch beträgt die Ersparnis natürlich nur einen halben Dollar. Was die Marketingidee aber nur noch genialer macht.

Dann endlich beginnen Greg und Tif (eine blasse Mittzwanzigerin mit Zöpfen wie Pippi Langstrumpf) das Kassieren - an je einer Saaltür. Wann immer jemand auf das Wechselgeld verzichtet, brüllen sie ein "Keep the Chaaaaange" in den Raum, das die Basaratmosphäre noch weiter aufheizt. Als ich an die Reihe komme, tausche ich meinen Plastikring gegen den Würfel ein, würfle eine drei, bezahle brav und gehe durch die Tür. Was dort kommen würde, hatte ich vorher bereits gelesen: Ich werde nach meinem Namen gefragt - und mache mir gar nicht erst die Mühe, ihn auszubuchstabieren. Denn auf meinem Namensschild landet ohnehin etwas ganz anderes - wieder eine der Kuriositäten dieses Theaters. Ich klebe mir mein Namensschild auf die Brust, bin von da an "Peanut" und nehme im Theatersaal Platz.



Im Saal hängt über der Bühne eine Wäscheleine mit 30 nummerierten A4-Blättern, die mit 30 Posten auf dem "Menü" korrespondieren, das uns Caitlin (eine hübsche Brünette mit zerschlissenen Jeans) am Eingang ausgehändigt hat. Jede der Nummern steht für eines der 30 Stücke, die an jenem Abend (will heißen: in den folgenden 60 Minuten) gespielt werden sollen. In Chicago wurde das moderne Improvisationstheater erfunden, und auch wenn "T.M.L.M.T.B.G.B." nicht vollständig improvisiert ist: in Geschwindigkeit und Originalität steht es keinem Improvisationstheater nach. Vielleicht ist es sogar noch origineller: Das "Menü" verspricht: "When we sell out, we order out." - und als die Schauspieler sehen, dass der Sall voll ausverkauft ist, lösen sie das Versprechen ein und rufen beim Pizzamann um die Ecke an, um eine Pizza für's Publikum zu bestellen. Natürlich über die Saallautsprecher übertragen, natürlich darf jeder seine Wunschzutaten hineinrufen und natürlich kommt die Pizza zwanzig Minuten später ohne Zutaten.

Als die Pizza bestellt ist, werden die weiteren Regeln erklärt - zumindest der Hälfte des Publikums, die noch nie vorher da war: Jede Szene der nächsten 60 Minuten beginnt damit, dass die Zuschauer die Nummer des Stückes in den Raum rufen, das sie als nächstes sehen wollen. Daraufhin bauen die Schauspieler blitzschnell einige Requisiten auf, spielen das betreffende Stück, rufen "Vorhang" und nehmen die nächste Nummer entgegen. In der Praxis wird das gleichzeitige Nummerngebrüll allerdings in eine Kakophonie ausarten, der die feinsten Ohren der Welt keine Zahl entnehmen könnten - die Schauspieler greifen also eher zufällig eine der Nummern. Obwohl "greifen" vielleicht die falsche Bezeichnung ist, denn die Wäscheleine hängt in drei Meter Höhe. Schnapphopsen um die Wette wäre also die bessere Beschreibung für das, was zwischen zwei Stücken jeweils abläuft. Schließlich die letzte Regel, die eiserne, die unumstößliche: Nach 60 Minuten ist Schluss. Egal wie viele Stücke gespielt wurden - 5 oder 29 1/2 - ertönt der Timer und endet der Abend: "Then you all have to go home." Dementsprechend gerät der Start des Timers zum Ritual: Alle sollen laut einen Countdown zählen. Aber nicht von 10 auf 0 - das wäre zu gewöhnlich - sondern jeder soll Ziffer für Ziffer seine (neunstellige) Sozialversicherungsnummer rufen. "Jeder. Keine Ausnahmen. Wenn einer sich drückt, fällt der Abend aus." lautet die Androhung. Es hilft nichts: Ich drücke mich. Und strafe die Schauspieler Lügen, denn es geht trotzdem los. Und wie.

Sobald der Timer läuft und die ersten Nummern in den Raum gebrüllt werden, flitzen die sechs Schauspieler (neben Greg, Tif und Caitlin noch Kurt, Brenda und Bilal) los, werfen sich gegenseitig und der Technikerin "el jefe" Taylor knappe Anweisungen zu, und versuchen, ihre dreißig Stücke durchzukriegen. Manche "Stücke" gehen keine fünf Sekunden und bestehen nur aus einer in den Raum gesprochenen Paradoxie, andere sind entweder Sketche, philosophische oder modernistische Interaktionen, oder kleine Dramen. Ganz bunt gemischt - mit ganz unterschiedlicher Besetzung - und die Mischung macht's. Der Saal lacht permanent, denn auch das Tragische und Nachdenkliche gewinnt komische Qualitäten, wenn es in einen dreißig-Sekunden-Slot zwischen zwei Albereien gesteckt wird. Oder mit einem völlig abstrusen Titel versehen. Denn so hießen sie, die dreißig Stücke an jenem Abend:

  1. Progression Brackets
  2. Baby in a Bar POV
  3. TACTILE
  4. A play for Taylor the tech God, with musical suggestions from a tech God of yore
  5. Crimson
  6. Composition and Tolerance
  7. Burning Money
  8. Catch Me If You Can
  9. Die Fruit Flies, Die!!!
  10. She asked me when we were gonna get hitched and instead of shrugging, I should have replied with my honest answer, which is this...
  11. Setting the Example: Tunisia Discovers Democracy
  12. First Kiss
  13. Sex is Gay
  14. Semi-Fake Phone Call
  15. Malleable
  16. The hand may be quicker but the eye owns the traffic lights.
  17. Potentially Devastating Storm Pattern
  18. The Big Move -or; The Stay of our Newly Established Cohabitation with Dramatic Underscoring
  19. The Strange Case of Doctored Dardai and Mr. Greg
  20. Highway Robbery
  21. Who Are All These Douches?
  22. Flights of Fancy
  23. This Play is a Completely Original Work of Theatre and it is Nothing at All Like An OK GO Video. It's Not. Shut UP.
  24. Found Art: Technique, Tape Frame
  25. Scare Me
  26. thoughts on the supposed next chapter
  27. Make Me Pollen, Carry Me On Wings
  28. Sixty-Second Kardashian Update
  29. "I see other couples and I can not believe the difference between them and us."
  30. Sandwich, Dance, Banana

Ich sage bewusst "an jenem Abend", denn jedes Wochenende nach der Freitags- und Sonntagsvorstellung lassen die Schauspieler einen Zuschauer würfeln, und am kommenden Wochenende setzen sie just die Summe beider Würfe an neuen Stücke auf den Spielplan. Dieses Wochenende waren es sieben. So kommt es, dass auch diejenigen, die "the longest running show in Chicago" bereits x-Mal gesehen haben, immer wieder kommen - und trotzdem niemand (außer Greg, vermutlich) alle 7746 "Weltpremieren" gesehen hat, die das Theater seit 1988 hervorbrachte.

Nach 28 1/2 Stücken beendet der Timer den Abend abrupt. Es gibt keine Zugabe, der Abend ist tatsächlich zu Ende. Nur ein kleines Pizzastück gibt es noch - tatsächlich lassen sich aus einer Pizza genug Stücke für 150 Leute schneiden, wenn die Pizza nur groß genug ist... Auf dem Weg nach draußen komme ich am Souvenirstand vorbei - dort gibt es tatsächlich sogar zwei Bücher mit dem "Regie"skript (1 Seite, meistens) zu 131 bzw. 200 Stücken der Neo-Futuristen:

Just in diesem Jahr ist ein drittes erschienen, vom jüngeren New Yorker Ableger der Truppe: "225 Plays: By The New York Neo-Futurists". Amüsant zu lesen sind auch die "25 Regeln für Gutes Theater" des Gründers Greg Allen.