Hanjo Hamann / Fachtexte

8 … 70 Jahre Marginalien des deutschen Staatsrechts. Nachschau auf ein vergessenes Kapitel der Nachkriegspublizistik, AöR 143 (2018), im Erscheinen

Ein Publizist, so definierte Samuel Oberländer in seinem „Juristischen Hand-Lexikon“, werde derjenige „genennt, der sich auf das jus publicum leget, oder dasselbe dociret, oder davon schreibet“. Das war Mitte des 18. Jahrhunderts. Heute, im aktuellen Duden, kein Wort mehr vom ius publicum: Publizist sei ein „Journalist, Schriftsteller, der mit Analysen und Kommentaren zum aktuellen [politischen] Geschehen aktiv an der öffentlichen Meinungsbildung teilnimmt“. Auf den ersten Blick zwei Definitionen ohne jeden Zusammenhang, getrennt durch ein Vierteljahrtausend Begriffsentwicklung. Und doch finden sie in einer Nische des juristischen Wissenschaftsbetriebs wieder zusammen. Dabei wird eine ihrer Vorreiterinnen allzu oft übersehen: Eine juristische Fachzeitschrift, die die Literaturform der Glosse nach dem Zweiten Weltkrieg als erste (wieder)entdeckt hat, aber inzwischen mit dem genauen Gegenteil von kurzweiligen Miszellen in Verbindung gebracht wird. Und doch bleibt die Pionierleistung unbestreitbar und kaum zu überschätzen. Zeit für eine Nachschau.

7 … Evidence-Based Jurisprudence meets Legal Linguistics. Unlikely Blends Made in Germany, BYU L. Rev. 43 (2018), S. 1473–1501, gemeinsam mit Friedemann Vogel

German legal thinking is infamous for its hair-splittingly sophisticated dogmatism. Some of its other research contributions are frequently overlooked, both at home and abroad. Two such secondary streams recently coalesced into a new corpus-based research approach to legal practice: Empirical legal research (which had blossomed in Germany already by 1913) and research on language and law (following German pragmatist philosopher Wittgenstein 1922). The article introduces these research traditions in their current German incarnations (Evidence-Based Jurisprudence and Legal Linguistics) and shows how three common features – their proclaimed pragmatism, their skepticism towards legal authority and their big data strategy – inspired a new corpus-based research agenda: Computer Assisted Legal Linguistics (CAL²).

6 … Richter im Internet. Editionsbericht zur Digitalisierung der Geschäftsverteilungspläne der deutschen Bundesgerichte seit dem Zweiten Weltkrieg, fhi 21 (2017), Nr. 8, S. 1–12

Die freie Verfügbarkeit amtlicher Rechtstexte in Deutschland schreitet voran. Nachdem die Bundesgesetze und -verordnungen seit 25.11.2005 unter www.gesetze-im-internet.de, die Verwaltungsvorschriften seit 27.11.2007 unter www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de und die neueren Entscheidungen der Bundesgerichte seit 27.1.2016 unter www.rechtsprechung-im-internet.de verfügbar sind, folgte im Februar 2017 mit www.richter-im-internet.de ein neues Informationsportal zu den Zuständigkeiten und Personalien der deutschen Bundesjustiz. Damit liegt ein neues Korpus von Forschungsdaten digitalisiert vor, das für die (Rechts-)Geschichte gleichermaßen nützlich sein wird wie für die Politikwissenschaft, Soziologie und andere empirische Sozialwissenschaften.

5 … “Begin at the beginning”. Lawyers and Linguists Together in Wonderland, Winnower 3 (2016), Nr. 4919, S. 1–9, gemeinsam mit Friedemann Vogel / Dieter Stein / Andreas Abegg / Łucja Biel / Lawrence M. Solan

What do patterns in legal language tell us about power, policy and justice? This question was at the heart of a conference on “The Fabric of Language and Law: Discovering Patterns through Legal Corpus Linguistics”, convened in March 2016 by the international research group “Computer Assisted Legal Linguistics” (CAL²) under the auspices of the Heidelberg Academy of Sciences. About forty scholars from Germany, Switzerland, Italy, Poland, Spain and the US brought together their different intellectual and disciplinary perspectives on computational linguistics and legal thinking. Concluding the conference, four legal linguistics experts – two native linguists, two native lawyers – discussed the perspectives and limitations of computer-assisted legal linguistics. Their debate, which this article faithfully reproduces, touches on some of the essential epistemological issues of interdisciplinary research and evidence-based policy, and marks the way forward for legal corpus linguistics.

4 … Das Buch der Bücher, im Original mit Untertiteln. Rechtstatsachen und Reflexionen zur Gliederung deutscher Gesetze, ZG 30 (2015), S. 381–395

Die Gliederung deutscher Gesetze ist ein wichtiges Thema sowohl der Legistik und Rechtsförmlichkeit als auch der juristischen Methodenlehre, wurde allerdings noch nie systematisch untersucht. Empirisches Wissen über die bislang gebräuchlichen Arten der Gesetzesgliederung ist ebenso rar wie methodische Reflexionen, die bei der künftigen Gestaltung deutscher Gesetze helfen können. Der vorliegende Beitrag schafft Abhilfe, präsentiert erstmals rechtstatsächliche Befunde und stößt dabei auf mancherlei Kuriosität.

3 … Redaktionsversehen. Ein Beitrag zur Legislativfehlerlehre und zur Rechtsförmlichkeit, AöR 139 (2014), S. 446–475

Der Gesetzgeber ist ein komplexes institutionelles Gefüge, das unweigerlich Fehler produziert, zugleich aber keinen eigenen Willen bilden kann, um solche Fehler zuverlässig zu identifizieren. Deshalb führt die für Willensbetätigungen des Einzelnen entwickelte „Irrtumslehre“ trotz ihrer Anschaulichkeit im Bereich der Gesetzgebung eher in die Irre. Auch die für Redaktionsversehen entwickelte Differenzierung zwischen „offenbaren“ und sonstigen Fehlern ist weder praktisch trennscharf noch theoretisch überzeugend. Um den durch gesetzgeberische Fehler entstehenden Vertrauensverlust in „den“ rechtsstaatlichen Gesetzgeber sowie allgemeine Rechtsunsicherheit zu vermeiden, bedarf es deshalb einer bewusst rechtsförmlichen Gesetzgebungspraxis, einer kritischen und offensiven Auseinandersetzung mit allfälligen Fehlern, und ihrer förmlichen Berichtigung im grundgesetzlich vorgegebenen Verfahren. Der schamhafte Versuch hingegen, Fehler totzuschweigen und sie womöglich sogar „dadurch ungeschehen“ zu machen, „daß man sie recht häufig wiederholt“, widerspricht jeder rationalen Gesetzgebung, denn Rationalität bedingt auch die Erkenntnis der eigenen Fehlbarkeit. Und wie schrieb schon Cicero?
Errare humanum est.

2 … Unpacking the Board. A Comparative and Empirical Perspective on Groups in Corporate Decision-Making, BBLJ 11 (2014), S. 1–54

Collegial decision-making is relevant for a host of legal questions and in particular for corporate law. What do we know about its empirical effects? Less than we could. As of yet, pertinent review articles usually (1) assume rather than analyze how much the law actually mandates collegial decision-making, (2) rely mostly on “classical” studies of decision-making or those from behavioral economics, while underrating a century’s worth of previous empirical research, and (3) review the evidence anecdotally with little regard for the robustness of each study’s findings. As a consequence, scholars from corporate law and economics even today rely on theories and evidence which were disproved years ago. The present paper is a remedy. It combines a thorough comparative analysis of corporate statutes with a comprehensive research of empirical evidence, resulting in an assessment of the robust empirical effects of collegial decision-making. Finding that groups tend to deteriorate decision quality and exacerbate cognitive biases, this paper calls upon corporate law to design institutional remedies. Knowing more about these empirical effects will help scholars to identify and eliminate faulty arguments, and thereby improve governance policy and the legal discourse as a whole.

1 … Juristische Eselsbrücken. Anregungen zum Einsatz der Mnemonik im Rechtsstudium, StudZR 7 (2010), S. 125–143

Von allen Arbeitsmitteln des Juristen ist sein Gedächtnis wohl das wichtigste, zumindest vor dem Examen. Dennoch investieren Jura-Studenten weniger als Studenten anderer Fachrichtungen in die Förderung ihres Erinnerungsvermögens. Dabei haben Psychologen längst wissenschaftlich fundierte Untersuchungen über mnemonische Lernhilfen vorgelegt. Der folgende Text befasst sich erstmals im juristischen Schrifttum mit diesem Thema und bietet einfache Eselsbrücken zur Bewältigung juristischer Lerninhalte an. Eine zumindest grundlegende Beschäftigung mit Mnemonik ist jedem Studenten anzuraten; sie ist Lernhilfe und soft skill zugleich und schafft freie Zeit für die wirklich interessanten juristischen Probleme.