Hanjo Hamann / Fachtexte

17 … Diskussionsbericht zum Referat von Katja Langenbucher. [Digitales Finanzwesen: Vom Bargeld zur Blockchain], AcP 218 (2018), im Erscheinen

16 … Normativität und Gerechtigkeit als emergente Sprachphänomene. Rezension zu Claudia Woldt, Normativität als linguistische Schnittstelle (2013), ARSP 104 (2018), im Erscheinen

Ein Buch, das Normativität und Gerechtigkeit im Titel trägt, sollte auch Juristen interessieren – selbst wenn es in einer kulturwissenschaftlichen Schriftenreihe erscheint. Slawistin Claudia Woldt hat ein solches Buch vorgelegt. Eine Habilitationsschrift sollte es werden, wie aus dem Umfeld verlautete. Entfaltet wird ein linguistisches Modell, anhand dessen sie ausgewählte russische Rechts- und Pressetexte darauf untersucht, wie sie Normativität sprachlich einkleiden. Nein, mehr noch: herstellen. Was also kann die Rechtsphilosophie aus diesem Unterfangen lernen?

15 … Die empirische Herangehensweise im Zivilrecht. Lebensnähe und Methodenehrlichkeit für die juristische Analytik?, AcP 217 (2017), S. 311–336, gemeinsam mit Leonard Hoeft

Praktische Beispiele für das Potential und die Grenzen statistischer (d.h. quantitativ-empirischer) Erhebungen in zivilrechtlichen Archivzeitschriften sind bislang rar. Nun gibt ein neuer Vorschlag willkommenen Anlass zu weiterführenden Überlegungen: Alexander Stöhr plädiert am Beispiel der Transparenzkontrolle im Arbeitsrecht „für eine empirische Herangehensweise“. Dazu verwendet er zwei Klauseln aus Arbeitsverträgen, die das Bundesarbeitsgericht 2007 bzw. 2011 am Maßstab des § 307 Abs. 1 S. 2 BGB zu beurteilen hatte, und befragt knapp dreißigtausend Angehörige seiner Universität per E-Mail, wie sie die streitentscheidende Frage des Falls jeweils entschieden hätten. Aus den fast eintausend Antworten, die mehrheitlich von der des BAG abwichen, folgert Stöhr, dass der vom Bundesarbeitsgericht entwickelte „Transparenzmaßstab an der Realität vorbeigeht“ (560), und schlägt deshalb vor, „die Paradigmen der Transparenzkontrolle grundlegend zu überdenken“ (571). Erörterungen zu verschiedenen empirischen Instrumenten runden die Darstellung ab und geben wertvolle Impulse für weiterführende Überlegungen zur Zukunft einer empirischen Rechtsforschung. Diese Impulse kommen genau zur rechten Zeit, denn jüngst wurde auch in den USA eine „dringende“ und „radikale“ methodische Erneuerung der „Vertragsauslegung durch Umfragen und Experimente“ vorgeschlagen, die insbesondere zur Beurteilung überraschender Klauseln in Verbraucherverträgen geeignet und zulässig sein, aber auch im größeren Maßstab die richterliche Auslegung durch empirische Erhebungen anreichern oder gar ersetzen sollen – in der Stoßrichtung völlig identisch mit Stöhr, in Mitteln und Methodik jedoch grundlegend anders.

14 … Computer-Assisted Legal Linguistics. Corpus Analysis as a New Tool for Legal Studies, Law & Soc. Inq. 42 (2017), S. 1–24, gemeinsam mit Friedemann Vogel / Isabelle Gauer

Law exists solely in and through language. Nonetheless, systematical empirical analysis of legal language has been rare. Yet, the tides are turning: After judges at various courts (including the US Supreme Court) have championed a method of analysis called corpus linguistics, the Michigan Supreme Court held in June 2016 that this method “is consistent with how courts have understood statutory interpretation.” The court illustrated how corpus analysis can benefit legal casework, thus sanctifying twenty years of previous research into the matter. The present article synthesizes this research and introduces computer-assisted legal linguistics (CAL2) as a novel approach to legal studies. Computer-supported analysis of carefully preprocessed collections of legal texts lets lawyers analyze legal semantics, language, and sociosemiotics in different working contexts (judiciary, legislature, legal academia). The article introduces the interdisciplinary CAL2 research group (www.cal2.eu), its Corpus of German Law, and other related projects that make law more transparent.

13 … Die kritische Masse. Aspekte einer quantitativ orientierten Hermeneutik am Beispiel der computergestützten Rechtslinguistik, S. 81–95 in: Schweiker/Hass/Novokhatko/Halbleib (Hrsg.), Messen und Verstehen in der Wissenschaft. Interdisziplinäre Ansätze, Verlag J.B. Metzler (Springer Fachmedien), Wiesbaden 2017, gemeinsam mit Friedemann Vogel

Die nachstehenden Überlegungen zum Verhältnis von Quantität und Qualität im Deutungs- und Erkenntnisprozess der Wissenschaften beruhen auf einer Begegnung sehr unterschiedlicher und dabei doch verwandter Disziplinen: Im Rahmen des Projekts „Juristisches Referenzkorpus“ (JuReko), das seit 2014 von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gefördert wird, erproben wir Möglichkeiten und Grenzen einer „computergestützten Rechtslinguistik“. Dazu dient der Aufbau eines Referenzkorpus des deutschsprachigen Rechts, d.h. einer aufbereiteten Sammlung juristischer Texte aus besonders relevanten Domänen (Gesetzgebung, Rechtsprechung, Rechtswissenschaft) und verschiedenen Rechtsgebieten (Zivil-, Straf-, Verwaltungs-, Wirtschaftsrecht usw.) als Grundlage für semiautomatische Studien aus juristischer, linguistischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive.

12 … Computer Assisted Legal Linguistics (CAL²), S. 195–198 in: Bex/Villata (Hrsg.), Legal Knowledge and Information Systems. JURIX 2016: The Twenty-Ninth Annual Conference, Verlag IOS Press, Amsterdam 2016, gemeinsam mit Friedemann Vogel / Isabelle Gauer

We introduce Computer Assisted Legal Linguistics (CAL²) as a semi-automated method to “make sense” of legal discourse by systematically analyzing large collections of legal texts. Such digital corpora have been increasingly used in computational linguistics in recent years, as part of a quantitative research strategy designed to complement (rather than supplant) the more qualitative methods used hitherto. This use of statistical algorithms to analyze large bodies of text meets with an increasing demand by lawyers for empirical data and the recent turn towards evidence-based jurisprudence. Together, these research strands open exciting avenues for research and for developing useful IT tools to support legal decision-making, as we exemplify using our reference corpus of about 1 billion tokens from the language of German jurisprudence and legal academia.

11 … Freier Zugang zur juristischen Fachliteratur im Spiegel der Open-Science-Bewegung. Reflexionen zur Tagung «Open Access in den Rechtswissenschaften» vom 27. Mai 2016 an der Universität Bern, sui generis 3 (2016), S. 96–104

Die Wissenschaftskommunikation befindet sich weltweit im Umbruch: Einflussreiche Forschungsinstitutionen wollen bis 2020 die Resultate aller öffentlich finanzierten Forschung frei im Internet zugänglich machen. Die sogenannte Open-Access-Bewegung wird auch die Rechtswissenschaft in ihren Grundfesten erschüttern, wenn Juristen nicht frühzeitig vorbauen. Nur eine breite und ergebnisoffene Diskussion über die Ursachen, Potentiale und Gefahren von Open Access kann verhindern, dass die Besonderheiten der juristischen Fachkultur und die gewachsenen Strukturen ihrer Verlage in den entscheidenden Debatten übersehen oder übergangen werden. Diese Diskussion wurde nun durch eine Tagung an der Universität Bern eröffnet, die neue Impulse gesetzt hat und zu weitergehenden Reflexionen über den Mehrwert von Open Access, den bisherigen Widerstand vieler Rechtswissenschaftler und die künftige Rolle der juristischen Fachverlage anregt.

10 … The Hog Cycle of Law Professors. An Econometric Time Series Analysis of the Entry-level Job Market in Legal Academia, PLoS ONE 11 (2016), Nr. e0159815 & e0168041, S. 1–22, gemeinsam mit Christoph Engel

The (German) market for law professors fulfils the conditions for a hog cycle: In the short run, supply cannot be extended or limited; future law professors must be hired soon after they first present themselves, or leave the market; demand is inelastic. Using a comprehensive German dataset, we show that the number of market entries today is negatively correlated with the number of market entries eight years ago. This suggests short-sighted behavior of young scholars at the time when they decide to prepare for the market. Using our statistical model, we make out-of-sample predictions for the German academic market in law until 2020.

9 … Mauerfall in den Wissenschaften. Tagung “OpenCon 2015 – Empowering the Next Generation to Advance Open Access, Open Education and Open Data” vom 14. bis 16. November 2015 in Brüssel, RW 7 (2016), S. 318–326

Als „Bezahlmauer“ (paywall) wird der Bildschirm bezeichnet, den sieht, wer versucht, diesen Tagungsbericht online abzurufen: Er enthält Titeldaten und Vorschau sowie den Hinweis „Um Zugang zum Volltext (kostenpflicht) zu erhalten, haben Sie folgende Möglichkeiten: Bitte melden Sie sich an! / Bitte kontaktieren Sie den Kundenservice! / Zur gedruckten Ausgabe“. Der eigentliche, nun folgende, Text befindet sich „hinter“ der Mauer. Glaubt man den Prophezeiungen einer neuen Wissenschaftlergeneration, werden diese Bezahlmauern bald fallen. [Tagungsbericht]

8 … Gedächtniskunst in der Rechtsdidaktik. Zum Wert von Eselsbrücken für Studium, Referendariat und Rechtspraxis, ZDRW 3 (2016), S. 116–135

Gedächtniskunst und Rechtsdogmatik gehören seit der Antike untrennbar zusammen, doch ihr Verhältnis kehrte sich im Lauf der Geschichte um: War die Rechtsdogmatik ursprünglich nur mnemotechnisches Hilfsmittel zum Erlernen des antiken Fallrechts, gewann sie im Zeitalter der Kodifikationen die Oberhand und machte sich ihrerseits die Gedächtniskunst für das Rechtsrepetitorium und als allgemeine Berufskompetenz (soft skill) dienstbar. Der Beitrag untersucht eine einfache Gedächtniskunst – den Bau von „Eselsbrücken“ – auf ihre Funktionsweise, ihr Potential und ihre Grenzen, arbeitet drei didaktische Konstruktionsprinzipien heraus (Passung und Anschaulichkeit; phonetische Kodierung; semantische Verknüpfung) und belegt an praktischen Beispiele den didaktischen Wert von Eselsbrücken – und Gedächtnisschulung allgemein – in der Juristenausbildung.

7 … Der „Sprachgebrauch“ im Waffenarsenal der Jurisprudenz. Die Rechtspraxis im Spiegel der quantitativ-empirischen Sprachforschung, S. 184–204 in: Vogel (Hrsg.), Zugänge zur Rechtssemantik. Interdisziplinäre Ansätze im Zeitalter neuer Medien, Verlag de Gruyter, Berlin 2015

Wie sprechen Juristen über Sprache? Die heute herrschende Rechtsmethodik geht für die Interpretation von Rechtstexten vom „allgemeinen Sprachgebrauch“ aus. Unklar ist aber, was sie mit „Sprachgebrauch“ meint, wozu sie ihn benötigt und wie sie ihn ermittelt. Um quantitativ verlässliche Antworten auf diese Fragen zu geben, sichtet die vorliegende Untersuchung alle Vorschriften des Bundesrechts und die knapp 9.000 wichtigsten höchstgerichtlichen Urteile der letzten zehn Jahre, um zu untersuchen, wie diese Rechtstexte den „Sprachgebrauch“ verwenden. Es zeigt sich, dass sie damit zwei kategorial verschiedene Phänomene bezeichnen: einerseits die Begriffsdefinitionen der Normsetzer, andererseits die Verständigungspraxis der Normadressaten. Letztere zieht die Rechtsprechung vor allem zur Begriffsbestimmung heran und ermittelt sie vorrangig aus Wörterbüchern oder eigener Sprachkenntnis. Der Beitrag zeigt Bedenken gegen dieses Vorgehen auf und erörtert Methoden, um den „Sprachgebrauch“ empirisch zu fundieren. Solche Methodenehrlichkeit beugt der Sinnentleerung des rhetorischen Topos vor.

6 … Cui Bono, Benefit Corporation? An Experiment Inspired by Social Enterprise Legislation in Germany and the US, RLE 11 (2015), S. 79–110, gemeinsam mit Sven Fischer / Sebastian J. Goerg

How do barely incentivized norms impact incentive-rich environments? We take social enterprise legislation as a case in point. It establishes rules on behalf of constituencies that have no institutionalized means of enforcing them. By relying primarily on managers' other-regarding concerns whilst leaving corporate incentive structures unaltered, how effective can such legislation be? This question is vital for the ongoing debate about social enterprise forms, as recently introduced in several US states and in British Columbia, Canada. We ran a laboratory experiment with a framing likened to German corporate law which traditionally includes social standards. Our results show that a stakeholder provision, as found in both Germany and the US, cannot overcome material incentives. However, even absent incentives the stakeholder norm does not foster other regarding behavior but slightly inhibits it instead. Our experiment thus illustrates the paramount importance of taking into account both incentives and framing effects when designing institutions. We tentatively discuss potential policy implications for social enterprise legislation and the stakeholder debate.

5 … Die Fußnote, das unbekannte Wesen. Potential und Grenzen juristischer Zitationsanalyse, RW 5 (2014), S. 501–534

Eines der weltweit wichtigsten Instrumente zur Wissenschaftsevaluation ist die Analyse von Zitationsmustern. Obwohl es Juristen waren, die diese Methodik einst erfanden, blieb sie in der US-amerikanischen Rechtswissenschaft lange verschollen und wird in der deutschen bis heute kaum wahrgenommen. Dabei verspricht sie wichtige Erkenntnisse über die juristische Forschungslandschaft und großen praktischen Nutzen. Die vorliegende Arbeit untersucht deshalb Potential und Grenzen der juristischen Zitationsanalyse sowohl theoretisch – insbesondere unter Rückgriff auf die sozialpsychologische Kommunikationstheorie nach Schulz von Thun – als auch praktisch durch konkrete Pilotstudien. Dafür werden 1,67 Millionen Fußnoten aus 14 juristischen Zeitschriften seit 1980 ausgewertet, um vier Fragen zu beantworten: 1. Welcher Anteil juristischer Veröffentlichungen wird überhaupt zitiert? 2. Welche Zeitschriften werden am häufigsten zitiert? 3. Welche Zeitschriftenartikel haben den größten Einfluss? 4. Wie lassen sich „Klassiker“ im Schrifttum identifizieren? Die Ergebnisse belegen, dass Zitationsanalyse ein wertvolles Instrument im Werkzeugkoffer der juristischen Textarbeit sein könnte, einstweilen aber noch sehr aufwändig ist und deshalb gezielter Förderung durch Wissenschaft und Verlage bedarf.

4 … Evidenzbasierte Jurisprudenz. Methoden empirischer Forschung und ihr Erkenntniswert für das Recht am Beispiel des Gesellschaftsrechts, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2014, ISBN 978-3-16-153322-8 (414 S.)

Wie gewinnen Juristen ihr Wissen über die Lebenswelt, die sie regeln? Erfahrung ist eine wichtige Erkenntnisquelle, aber die komplex vernetzte Wissensgesellschaft erfordert zunehmend auch empirische Rechtsforschung. Dabei sind die Methoden empirischer Forschung gar nicht so leicht zu handhaben und ihre Ergebnisse nicht so einfach zu interpretieren, wie man annehmen möchte. Hanjo Hamann erörtert deshalb die Grundlagen quantitativ-empirischen Forschens und verbindet die kritische Reflexion empirischer Erkenntnismöglichkeiten mit spezifisch juristischen Erkenntnisinteressen. Daraus entsteht eine pragmatische Rezeptionslehre, die nach dem Vorbild der „evidenzbasierten Medizin“ besonderen Wert auf sogenannten Metastudien legt. Deren praktischen Nutzen erprobt der Autor vor allem an den empirischen Grundannahmen des gesellschaftsrechtlichen „Kollegialprinzips“, die sich aus dessen dogmatischer und rechtsvergleichender Analyse ergeben.

3 … Juristische Korpuspragmatik – Konferenzbericht, DS 41 (2013), S. 285–288, gemeinsam mit Jana Werner

Vom 25. bis 27. April 2013 fand im Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS) unter Leitung von Jun.-Prof. Dr. Friedemann Vogel die interdisziplinäre Tagung „Juristische Korpuspragmatik: Die Herausforderung des Rechts durch Sprach- und Medientheorie“ statt. Mehr als fünfzig Teilnehmer aus verschiedenen Disziplinen (überwiegend Rechts- und Sprachwissenschaftler) folgten der Einladung nach Freiburg. Die Vorträge, die sich grob unterteilen lassen in Theorie zur Rechtslinguistik (erster Tag), empirische Zugänge zu juristischer Semantik (zweiter Tag) und Zusammenführung der Ergebnisse/Ausblick (dritter Tag), wurden etwa zur Hälfte von Juristen und Sprachwissenschaftlern gehalten. Einig waren sich alle Teilnehmer, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Sprachwissenschaftlern und Juristen zu vertiefen sei, da Erkenntnisse der modernen Linguistik auch Konsequenzen für das juristische Selbstverständnis habe: Nicht ein ‚objektiver’, gegebener Textsinn sei mithilfe der Sprache zu finden, sondern vielmehr sei zu fragen, mithilfe welcher sprachlichen Handlungen Textsinn konstituiert würde. Leider, muss man konstatieren, waren sich hier alle einig, so dass man sich gemeinsam an einem Standpunkt abarbeitete, den unter den Anwesenden letztlich niemand lebendig vertrat, obgleich immer erklärt wurde, es sei dies der hegemoniale Standpunkt innerhalb der Rechtswissenschaften.

2 … Reflektierte Optimierung oder bloße Intuition? Ein verhaltenswissenschaftlicher Beitrag zur Auslegung von § 93 I 2 AktG, ZGR 41 (2012), S. 817–834

Immer wieder bezieht das Unternehmens- und Gesellschaftsrecht wertvolle Impulse aus seinen Nachbardisziplinen. Jüngst bereicherte ein Beitrag in dieser Zeitschrift den Entscheidungsbegriff des § 93 I 2 AktG durch Einsichten aus der betriebswirtschaftlichen Entscheidungslehre – und erörterte nebenbei auch die Rolle der „Intuition“ für unternehmerische Entscheidungen. Daran knüpft der vorliegende Aufsatz an. Er erläutert, dass der einstmals fast schon esoterische Intuitionsbegriff dank der Verhaltensforschung mittlerweile recht scharfe Konturen gewonnen und unser Verständnis der menschlichen Entscheidungsfindung erheblich erweitert hat. Neuere Forschung legt nahe, dass Intuition nicht auf schnelle und oberflächliche Behelfslösungen beschränkt ist, sondern in komplexen Umwelten sogar zur Entscheidungsoptimierung im betriebswirtschaftlichen Sinn beitragen kann. Jedenfalls besteht kein Grund zu der Annahme, dass intuitive Entscheidungen zwangsläufig weniger rationell sind als bewusst reflektierte. Gleichwohl muss das Recht jenen intuitiv gewonnenen Entscheidungen das Haftungsprivileg nach § 93 I 2 AktG (business judgment rule) versagen, weil intuitive Entscheidungen nicht zwischenmenschlich nachvollziehbar gemacht werden können. Wo ökonomisch bessere Ergebnisse auf Kosten der Nachvollziehbarkeit erzielt werden, sind im Falle des Scheiterns auch die Haftungskonsequenzen zu tragen.

1 … Herabsetzung von Vorstandsvergütungen in der Krise. Zu einem zeitgemäßen Verständnis von § 87 Abs. 2 AktG unter Berücksichtigung von Arbeitnehmerbelangen, ZGR 38 (2009), S. 847–871, gemeinsam mit Georg A. Wittuhn

„Pacta sunt servanda“, das ist ein fester und notwendiger Grundsatz jeder entwickelten Rechtsordnung. Die ungeheuren Schwankungen und Zusammenbrüche in der Weltwirtschaft, insbesondere aber des deutschen Wirtschaftslebens haben das Problem wieder in den Brennpunkt der Erörterungen gerückt, ob an diesem Grundsatz auch dann festzuhalten ist, wenn in den Umständen, unter denen sich ein Schuldner zur Leistung verpflichtet hat, eine Änderung eingetreten ist.
Diese Worte stammen nicht von uns. Sie sind abgeschrieben. Nicht aber, wie man vielleicht vermuten mag, aus einer der juristischen Gazetten dieser Tage, sondern aus einer über 75 Jahre alten Doktorarbeit. Ihr Thema – „Vertragstreue“ – ist heute so aktuell wie damals, und zwar aus dem selben Grund. Dabei hat die Wirtschaftskrise einer bestimmten Art von Verträgen erneut Aufmerksamkeit über die wissenschaftliche Diskussion hinaus verschafft: Anstellungsverträgen von Vorstandsmitgliedern. Die Organvergütung in deutschen Unternehmen war schon seit Beginn der corporate-governance-Debatte ein gesellschaftliches Reizthema. In der aktuellen Wirtschaftskrise griff der Gesetzgeber erstmals direkt in die unternehmerische Gehaltspolitik ein, indem er Unternehmen des Finanzsektors, die sich um eine Förderung durch den Finanzmarktstabilisierungsfonds (SoFFin) bewerben, konkrete Höchstzahlen für die angemessene Entlohnung ihrer Vorstandsmitglieder vorgab: „Bei Organmitgliedern und Geschäftsleitern gilt eine monetäre Vergütung, die 500 000 Euro pro Jahr übersteigt, grundsätzlich als unangemessen.“, so § 5 Abs. 2 Nr. 4 lit. a S. 6 der Verordnung zur Durchführung des Finanzmarktstabilisierungsfondsgesetzes. In den Fällen einer höheren – mithin unangemessenen – Vergütung gibt der nachfolgende Satz den Aspiranten eine „Herabsetzung der Organvergütung im Rahmen der zivilrechtlichen Möglichkeiten unter Einbeziehung des § 87 Abs. 2 des Aktiengesetzes“ auf.
Eben dieser § 87 Abs. 2 AktG – der natürlich auch außerhalb des Finanzsektors gilt und nicht einmal auf das Aktienrecht beschränkt, sondern analog bzw. nach seinem Rechtsgedanken auch auf die GmbH anwendbar ist – ist nun Gegenstand einer gesetzlichen Reform geworden. Der Aufsatz zeigt, dass bei sachgerechter Auslegung des § 87 Abs. 2 AktG schon zuvor weitgehend der Rechtszustand erreicht war, den die Gesetzesänderung nur deklaratorisch nachvollzogen hat und wendet sich damit gegen die bisher vorherrschende Auffassung zu § 87 AktG im Schrifttum und in der Judikatur. Zudem entwickelt der Aufsatz praktische Leitlinien für die Feststellung eines Herabsetzungsfalls i.S.v. § 87 Abs. 2 AktG.