Hanjo Hamann / Fachtexte

19 … Evidence-Based Jurisprudence meets Legal Linguistics. Unlikely Blends Made in Germany, BYU L. Rev. 43 (2018), im Erscheinen, gemeinsam mit Friedemann Vogel

German legal thinking is infamous for its hair-splittingly sophisticated dogmatism. Some of its other research contributions are frequently overlooked, both at home and abroad. Two such secondary streams recently coalesced into a new corpus-based research approach to legal practice: Empirical legal research (which had blossomed in Germany already by 1913) and research on language and law (following German pragmatist philosopher Wittgenstein 1922). The article introduces these research traditions in their current German incarnations (Evidence-Based Jurisprudence and Legal Linguistics) and shows how three common features – their proclaimed pragmatism, their skepticism towards legal authority and their big data strategy – inspired a new corpus-based research agenda: Computer Assisted Legal Linguistics (CAL²).

18 … Empirische Methoden für die Rechtswissenschaft. 35. Jahrestagung für juristische Institutionenökonomik in Siracusa (Sizilien), JZ 72 (2018), im Erscheinen

Was muß ich allgemein zum Zwecke der Rechtsanwendung in einem bestimmten Rechtsgebiet an zugrundeliegenden Realien kennen? Mit Hilfe welcher Zweige der Wirklichkeitswissenschaft … sind diese Realien zu erfassen? Diese Fragen beschäftigten vor mittlerweile 45 Jahren einen gerade nach Göttingen berufenen Rechtslehrer in seiner Antrittsvorlesung zur „Empirie in der Rechtsdogmatik“ (JZ 1972, 609). Der Fragesteller ist längst emeritiert, doch seine Fragen treiben die juristische Methodenlehre bis heute um (Reimer, Juristische Methodenlehre 2016, S. 5; Müller/Christensen, Juristische Methodik, 11. Aufl. 2013, Bd. 1 S. 527 f.). Nun widmete sich auch eine international besetzte Tagung den „Empirical Methods for the Law“. Dem Ruf ihrer Bonner Organisatoren folgten etwa zwei Dutzend Teilnehmer, davon ein Drittel aus Deutschland. Zwölf Rechtsprofessor(inn)en, davon zehn zugleich geistes- und sozialwissenschaftlich promoviert, und neun Professor(inn)en aus Philosophie, Psychologie, Statistik und Ökonomik diskutierten zweieinhalb Tage lang über die Frage, „ob es besondere empirische Methoden geben kann, die der Rechtsforschung eigen sind“.

17 … Die empirische Herangehensweise im Zivilrecht. Lebensnähe und Methodenehrlichkeit für die juristische Analytik?, AcP 217 (2017), S. 311–336, gemeinsam mit Leonard Hoeft

Praktische Beispiele für das Potential und die Grenzen statistischer (d.h. quantitativ-empirischer) Erhebungen in zivilrechtlichen Archivzeitschriften sind bislang rar. Nun gibt ein neuer Vorschlag willkommenen Anlass zu weiterführenden Überlegungen: Alexander Stöhr plädiert am Beispiel der Transparenzkontrolle im Arbeitsrecht „für eine empirische Herangehensweise“. Dazu verwendet er zwei Klauseln aus Arbeitsverträgen, die das Bundesarbeitsgericht 2007 bzw. 2011 am Maßstab des § 307 Abs. 1 S. 2 BGB zu beurteilen hatte, und befragt knapp dreißigtausend Angehörige seiner Universität per E-Mail, wie sie die streitentscheidende Frage des Falls jeweils entschieden hätten. Aus den fast eintausend Antworten, die mehrheitlich von der des BAG abwichen, folgert Stöhr, dass der vom Bundesarbeitsgericht entwickelte „Transparenzmaßstab an der Realität vorbeigeht“ (560), und schlägt deshalb vor, „die Paradigmen der Transparenzkontrolle grundlegend zu überdenken“ (571). Erörterungen zu verschiedenen empirischen Instrumenten runden die Darstellung ab und geben wertvolle Impulse für weiterführende Überlegungen zur Zukunft einer empirischen Rechtsforschung. Diese Impulse kommen genau zur rechten Zeit, denn jüngst wurde auch in den USA eine „dringende“ und „radikale“ methodische Erneuerung der „Vertragsauslegung durch Umfragen und Experimente“ vorgeschlagen, die insbesondere zur Beurteilung überraschender Klauseln in Verbraucherverträgen geeignet und zulässig sein, aber auch im größeren Maßstab die richterliche Auslegung durch empirische Erhebungen anreichern oder gar ersetzen sollen – in der Stoßrichtung völlig identisch mit Stöhr, in Mitteln und Methodik jedoch grundlegend anders.

16 … Richter im Internet. Editionsbericht zur Digitalisierung der Geschäftsverteilungspläne der deutschen Bundesgerichte seit dem Zweiten Weltkrieg, fhi 21 (2017), Nr. 8, S. 1–12

Die freie Verfügbarkeit amtlicher Rechtstexte in Deutschland schreitet voran. Nachdem die Bundesgesetze und -verordnungen seit 25.11.2005 unter www.gesetze-im-internet.de, die Verwaltungsvorschriften seit 27.11.2007 unter www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de und die neueren Entscheidungen der Bundesgerichte seit 27.1.2016 unter www.rechtsprechung-im-internet.de verfügbar sind, folgte im Februar 2017 mit www.richter-im-internet.de ein neues Informationsportal zu den Zuständigkeiten und Personalien der deutschen Bundesjustiz. Damit liegt ein neues Korpus von Forschungsdaten digitalisiert vor, das für die (Rechts-)Geschichte gleichermaßen nützlich sein wird wie für die Politikwissenschaft, Soziologie und andere empirische Sozialwissenschaften.

15 … Empirische Erkenntnisse in juristischen Ausbildungsarbeiten. Prüfungsschema, Zitier- und Arbeitshilfen für das Jurastudium und danach, JURA 39 (2017), S. 759–769

Von jungen Jurist(inn)en wird zunehmend Aufgeschlossenheit für empirische Forschung erwartet. Schon eines der traditionsreichsten juristischen Lehrbücher – die Digesten Iustinians – war der Ansicht, „dass zur Rechtskenntnis nicht nur das Wissen um die Rechtsnormen (iusti atque iniusti scientia), sondern auch die Einsicht in die menschliche Wirklichkeit gehört (humanarum rerum notitia).“ Bis heute fehlt es jedoch an Handreichungen, wie sich solche empirischen Einsichten in juristische Studien- und Qualifikationsarbeiten integrieren lassen. Der vorliegende Aufsatz schafft Abhilfe und entwickelt ein Prüfungsschema für die „Rezeption“ empirischer Erkenntnisse in juristischen Ausbildungsarbeiten.

14 … Müssen Richter mit allem rechnen? Empirische Realitäten im Rechtssystem, MPG Jahrbuch 6.3.2017

Kontinentaleuropäisches Rechtsdenken steht Empirie und Statistik traditionell eher fern. Und doch versuchen Juristen schon seit über einhundert Jahren, Erkenntnisse über den Ist- und den Soll-Zustand der Gesellschaft zusammenzubringen. Diese Versuche mussten sich immer wieder an neue Denkparadigmen anpassen und richten sich heute auf die argumentative Bewältigung verschiedener Weltbeschreibungen; insofern sind sie für die Rechtsarbeit unverzichtbar und werden auch die juristische Ausbildung künftig entscheidend prägen. Komplexe Rechtswirklichkeiten erfordern statistisches Rechtsdenken.

13 … Gerichtsurteile als Menschenwerk. Zum Editionsprojekt „Die Namen der Justiz“, WMde-Blog 23.2.2017

Das Fellow-Programm Freies Wissen wurde 2016 von Wikimedia Deutschland und dem Stifterverband initiiert, um junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei zu unterstützen, ihre eigene Forschung und Lehre im Sinne von Open Science zu öffnen und damit für alle zugänglich und nachnutzbar zu machen. In diesem Gastbeitrag stellt der Stipendiat Hanjo Hamann sein Projekt vor, welches er im Rahmen des Fellow-Programms durchführt.

12 … The Hog Cycle of Law Professors. An Econometric Time Series Analysis of the Entry-level Job Market in Legal Academia, PLoS ONE 11 (2016), Nr. e0159815 & e0168041, S. 1–22, gemeinsam mit Christoph Engel

The (German) market for law professors fulfils the conditions for a hog cycle: In the short run, supply cannot be extended or limited; future law professors must be hired soon after they first present themselves, or leave the market; demand is inelastic. Using a comprehensive German dataset, we show that the number of market entries today is negatively correlated with the number of market entries eight years ago. This suggests short-sighted behavior of young scholars at the time when they decide to prepare for the market. Using our statistical model, we make out-of-sample predictions for the German academic market in law until 2020.

11 … Behavioral Second-Order Strategies. Exploiting Market Myopia and Agent Delegation in Economic Decision-Making, Verlag SciPress, Raspberry 2016, ISBN 978-3-00-051495-1 (112 S.)

Wann und wie instrumentalisieren Menschen die Unbedachtheit ihrer Mitmenschen und die Möglichkeit, Entscheidungen auf Mittelsleute zu delegieren, für eigennützige Zwecke? Die Studien der vorliegenden Dissertation untersuchen diese Frage in drei verschiedenen Kontexten: Für Karriereentscheidungen juristischer Nachwuchswissenschaftler in Deutschland, für wirtschaftliche Führungsentscheidungen mit ökologischen Auswirkungen in Deutschland und den USA, und für die Zusammenarbeit zwischen weißen und schwarzen Studenten im Südafrika nach Ende der Apartheid.

10 … Das Buch der Bücher, im Original mit Untertiteln. Rechtstatsachen und Reflexionen zur Gliederung deutscher Gesetze, ZG 30 (2015), S. 381–395

Die Gliederung deutscher Gesetze ist ein wichtiges Thema sowohl der Legistik und Rechtsförmlichkeit als auch der juristischen Methodenlehre, wurde allerdings noch nie systematisch untersucht. Empirisches Wissen über die bislang gebräuchlichen Arten der Gesetzesgliederung ist ebenso rar wie methodische Reflexionen, die bei der künftigen Gestaltung deutscher Gesetze helfen können. Der vorliegende Beitrag schafft Abhilfe, präsentiert erstmals rechtstatsächliche Befunde und stößt dabei auf mancherlei Kuriosität.

9 … Cui Bono, Benefit Corporation? An Experiment Inspired by Social Enterprise Legislation in Germany and the US, RLE 11 (2015), S. 79–110, gemeinsam mit Sven Fischer / Sebastian J. Goerg

How do barely incentivized norms impact incentive-rich environments? We take social enterprise legislation as a case in point. It establishes rules on behalf of constituencies that have no institutionalized means of enforcing them. By relying primarily on managers' other-regarding concerns whilst leaving corporate incentive structures unaltered, how effective can such legislation be? This question is vital for the ongoing debate about social enterprise forms, as recently introduced in several US states and in British Columbia, Canada. We ran a laboratory experiment with a framing likened to German corporate law which traditionally includes social standards. Our results show that a stakeholder provision, as found in both Germany and the US, cannot overcome material incentives. However, even absent incentives the stakeholder norm does not foster other regarding behavior but slightly inhibits it instead. Our experiment thus illustrates the paramount importance of taking into account both incentives and framing effects when designing institutions. We tentatively discuss potential policy implications for social enterprise legislation and the stakeholder debate.

8 … Die Fußnote, das unbekannte Wesen. Potential und Grenzen juristischer Zitationsanalyse, RW 5 (2014), S. 501–534

Eines der weltweit wichtigsten Instrumente zur Wissenschaftsevaluation ist die Analyse von Zitationsmustern. Obwohl es Juristen waren, die diese Methodik einst erfanden, blieb sie in der US-amerikanischen Rechtswissenschaft lange verschollen und wird in der deutschen bis heute kaum wahrgenommen. Dabei verspricht sie wichtige Erkenntnisse über die juristische Forschungslandschaft und großen praktischen Nutzen. Die vorliegende Arbeit untersucht deshalb Potential und Grenzen der juristischen Zitationsanalyse sowohl theoretisch – insbesondere unter Rückgriff auf die sozialpsychologische Kommunikationstheorie nach Schulz von Thun – als auch praktisch durch konkrete Pilotstudien. Dafür werden 1,67 Millionen Fußnoten aus 14 juristischen Zeitschriften seit 1980 ausgewertet, um vier Fragen zu beantworten: 1. Welcher Anteil juristischer Veröffentlichungen wird überhaupt zitiert? 2. Welche Zeitschriften werden am häufigsten zitiert? 3. Welche Zeitschriftenartikel haben den größten Einfluss? 4. Wie lassen sich „Klassiker“ im Schrifttum identifizieren? Die Ergebnisse belegen, dass Zitationsanalyse ein wertvolles Instrument im Werkzeugkoffer der juristischen Textarbeit sein könnte, einstweilen aber noch sehr aufwändig ist und deshalb gezielter Förderung durch Wissenschaft und Verlage bedarf.

7 … Evidenzbasierte Jurisprudenz. Methoden empirischer Forschung und ihr Erkenntniswert für das Recht am Beispiel des Gesellschaftsrechts, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2014, ISBN 978-3-16-153322-8 (414 S.)

Wie gewinnen Juristen ihr Wissen über die Lebenswelt, die sie regeln? Erfahrung ist eine wichtige Erkenntnisquelle, aber die komplex vernetzte Wissensgesellschaft erfordert zunehmend auch empirische Rechtsforschung. Dabei sind die Methoden empirischer Forschung gar nicht so leicht zu handhaben und ihre Ergebnisse nicht so einfach zu interpretieren, wie man annehmen möchte. Hanjo Hamann erörtert deshalb die Grundlagen quantitativ-empirischen Forschens und verbindet die kritische Reflexion empirischer Erkenntnismöglichkeiten mit spezifisch juristischen Erkenntnisinteressen. Daraus entsteht eine pragmatische Rezeptionslehre, die nach dem Vorbild der „evidenzbasierten Medizin“ besonderen Wert auf sogenannten Metastudien legt. Deren praktischen Nutzen erprobt der Autor vor allem an den empirischen Grundannahmen des gesellschaftsrechtlichen „Kollegialprinzips“, die sich aus dessen dogmatischer und rechtsvergleichender Analyse ergeben.

6 … Unpacking the Board. A Comparative and Empirical Perspective on Groups in Corporate Decision-Making, BBLJ 11 (2014), S. 1–54

Collegial decision-making is relevant for a host of legal questions and in particular for corporate law. What do we know about its empirical effects? Less than we could. As of yet, pertinent review articles usually (1) assume rather than analyze how much the law actually mandates collegial decision-making, (2) rely mostly on “classical” studies of decision-making or those from behavioral economics, while underrating a century’s worth of previous empirical research, and (3) review the evidence anecdotally with little regard for the robustness of each study’s findings. As a consequence, scholars from corporate law and economics even today rely on theories and evidence which were disproved years ago. The present paper is a remedy. It combines a thorough comparative analysis of corporate statutes with a comprehensive research of empirical evidence, resulting in an assessment of the robust empirical effects of collegial decision-making. Finding that groups tend to deteriorate decision quality and exacerbate cognitive biases, this paper calls upon corporate law to design institutional remedies. Knowing more about these empirical effects will help scholars to identify and eliminate faulty arguments, and thereby improve governance policy and the legal discourse as a whole.

5 … Biometrie und Autonomie, KJ 46 (2013), S. 184–197, gemeinsam mit Yoan Hermstrüwer

Biometrie ist ein doppeltes Entscheidungsproblem. Während der Einzelne vor seiner Einwilligung eine Unmenge von biometriespezifischen Risiken zu bewerten hat, stehen auch die Rechtsetzung und die Rechtsauslegung vor einem Entscheidungsproblem. Wie sollen die Entscheidungsbeschränkungen, die den Einzelnen bei der Teilnahme an biometrischen Systemen beeinflussen, in der rechtspolitischen und rechtsdogmatischen Entscheidungsfindung berücksichtigt werden? Die Architektur des europäischen Datenschutzrechts und die Sensibilität der Rechtsauslegung für die psychologischen Kräfte, die bei jeder Einwilligung am Werk sind, werden das Schutzniveau des europäischen Datenschutzrechts maßgeblich prägen.

4 … Biometrie und Autonomie. Die Vermessung der Person zwischen Datenschutzrecht und Entscheidungsforschung, S. 1–44 in: Hermstrüwer/Hamann/Diers (Hrsg.), Schwimmen mit Fingerabdruck? Die biometrischen Herausforderungen für das Recht der Gegenwart und Zukunft, Verlag Optimus, Göttingen 2012, gemeinsam mit Yoan Hermstrüwer

Biometrie birgt Risiken. Zur Handhabung dieser Risiken und zur Entwicklung geeigneter Regulierungsinstrumente kann das Recht wertvolle Impulse aus der Verhaltensforschung gewinnen. Der Beitrag unterscheidet biometrische Systeme rechtlich danach, welchen Grad an Entscheidungsfreiheit sie dem Einzelnen belassen. Im Rahmen einer Auslegung des deutschen und europäischen Datenschutzrechts werden verhaltenswissenschaftlich belegte Entscheidungsrestriktionen und deren Bedeutung für den rechtlichen Umgang mit Biometrie beleuchtet.

3 … Reflektierte Optimierung oder bloße Intuition? Ein verhaltenswissenschaftlicher Beitrag zur Auslegung von § 93 I 2 AktG, ZGR 41 (2012), S. 817–834

Immer wieder bezieht das Unternehmens- und Gesellschaftsrecht wertvolle Impulse aus seinen Nachbardisziplinen. Jüngst bereicherte ein Beitrag in dieser Zeitschrift den Entscheidungsbegriff des § 93 I 2 AktG durch Einsichten aus der betriebswirtschaftlichen Entscheidungslehre – und erörterte nebenbei auch die Rolle der „Intuition“ für unternehmerische Entscheidungen. Daran knüpft der vorliegende Aufsatz an. Er erläutert, dass der einstmals fast schon esoterische Intuitionsbegriff dank der Verhaltensforschung mittlerweile recht scharfe Konturen gewonnen und unser Verständnis der menschlichen Entscheidungsfindung erheblich erweitert hat. Neuere Forschung legt nahe, dass Intuition nicht auf schnelle und oberflächliche Behelfslösungen beschränkt ist, sondern in komplexen Umwelten sogar zur Entscheidungsoptimierung im betriebswirtschaftlichen Sinn beitragen kann. Jedenfalls besteht kein Grund zu der Annahme, dass intuitive Entscheidungen zwangsläufig weniger rationell sind als bewusst reflektierte. Gleichwohl muss das Recht jenen intuitiv gewonnenen Entscheidungen das Haftungsprivileg nach § 93 I 2 AktG (business judgment rule) versagen, weil intuitive Entscheidungen nicht zwischenmenschlich nachvollziehbar gemacht werden können. Wo ökonomisch bessere Ergebnisse auf Kosten der Nachvollziehbarkeit erzielt werden, sind im Falle des Scheiterns auch die Haftungskonsequenzen zu tragen.

2 … Compliance und Unternehmenskultur als Verhaltenssteuerung. [Rezension zu] Jonas Pape, Corporate Compliance – Rechtspflichten zur Verhaltenssteuerung von Unternehmensangehörigen in Deutschland und den USA, Berlin 2011, 266 S., ISBN 978-3-8305-1870-9, CCZ 4 (2011), Nr. 5, S. V–VIII

Aus der Unternehmenspraxis entwickelt, erreicht Compliance zunehmend auch die Wissenschaft – man betrachte nur die zahlreichen Dissertationen, die sich aktuell mit Compliance allgemein und Corporate Compliance insbesondere befassen. Allein in den letzten beiden Jahren erschienen zwei Dutzend Arbeiten, die sich mit Compliance etwa in einzelnen Industriesektoren, in einzelnen Rechtsgebieten oder im Rechtsvergleich befassen. Ebenso entstanden aber auch Arbeiten mit einem umfassenderen dogmatischen Anspruch sowie solche aus der benachbarten Betriebswirtschaftslehre. Sogar eine erste Habilitationsschrift zum Thema liegt inzwischen vor.
Für neue Arbeiten bedeutet das rasche Wachstum des Forschungsfelds zweierlei. Einerseits müssen sie vergleichsweise innovativ bzw. originell sein, um noch als wissenschaftliche Leistung wahrgenommen zu werden. Andererseits dürfen sie in einem so jungen Themengebiet noch nicht einmal die Grundlagen als bekannt voraussetzen, so dass vielen Dissertationen die Einführung in die Compliance-Thematik zur Pflichtübung wird.
Die unlängst erschienene Dissertation von Jonas Pape gehört streng genommen nicht zur jüngsten Welle der Compliance-Dissertationen, sondern wurde schon 2008 abgeschlossen. Dennoch werde ich sie am o.g. Maßstab messen und nach einem kurzen Überblick über Struktur und Inhalt der Arbeit (1.) ihren originellen Kern besprechen (2.), bevor ich anhand dessen die Gesamtkonzeption Papes hinterfrage (3.). Abschließend kritisiere ich die Arbeit kurz in formaler Hinsicht (4.).

1 … The Importance of Intercultural Competence in the Development of Successful International Businesses, SSRN 1.8.2004

The essay discusses the importance of language learning, understanding of other peoples, and cultural awareness (together "intercultural competence") in developing successful business. It outlines theoretical problems posed by cross-cultural business ventures and then considers, in turn, three essential phases in the product life cycle (adaptation, engineering and marketing). Using various examples from recent years and two case studies (British East India Company and Infineon Technologies), it illustrates how business ventures can falter from a lack of intercultural competence or flourish in its presence. – The essay won 1st prize in the 2004 John Payne Competition of the European Business School (ebs) London.