Hanjo Hamann / Fachtexte

8 … Marken- und Wettbewerbsrecht als Vorbilder für die Vertragsauslegung? Demoskopische Befragungsmethoden und ihre ungewisse Zukunft, S. 133–152 in: Christandl et al. (Hrsg.), Intra- und Interdisziplinarität im Zivilrecht. Jahrbuch junger Zivilrechtswissenschaftler, Verlag Nomos, Baden-Baden 2018

Zwei Arten von Herausforderungen gewärtigt das Recht. Zum einen die großen Jahrhundertprobleme, die die gesamte Rechtsordnung erschüttern: Bankeninsolvenzen, Flüchtlingskrise, Brexit. Derart außerordentliche Probleme erfordern außerordentliche Kreativität, denn Musterlösungen gibt es nicht – ja nicht einmal Vergleichsfälle, um den Erfolg von Lösungsversuchen abzuschätzen. Die andere Art von Herausforderungen wird im Schatten der großen gern übersehen: Kleine alltägliche, über die kein Journalist berichtet, die aber alltäglich wiederkehren und Nutzen und Ansehen der Rechtsordnung immer wieder neu auf die Probe stellen; sie erfordern weniger Kreativität als Struktur und systematische Evaluation – eine gewissermaßen „evidenzbasierte“ Jurisprudenz.1 Eines dieser Probleme ist die Mietminderung.

7 … Text, Kontext und Textualismus in der juristischen Methodenlehre. Frank Easterbrook neu gelesen und übersetzt, S. 135–150 in: Vogel (Hrsg.), Recht ist kein Text. Studien zur Sprachlosigkeit im verfassten Rechtsstaat, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2017

Eine der führenden Strömungen der US-amerikanischen Rechtsmethodik bezeichnet sich stolz als „Textualismus“ und zelebriert die „weitestmögliche Bevorzugung von Sprache und Systematik des Rechts gegenüber historischer Auslegung und Wertzuschreibung“. Doch kommt darin nicht ein hoffnungslos naiver Irrglaube an die Objektivität von Sprache zum Vorschein? Vielleicht nicht. Der Beitrag stellt eine der wichtigsten Programmschriften des US-amerikanischen Textualismus vor und übersetzt sie erstmals auf Deutsch. Ihr Verfasser, der einstige Rechtsprofessor und heutige US-Bundesrichter Frank H. Easterbrook, skizziert darin seine Vorstellung, wie der sog. Textualismus zur richterlichen Selbstbescheidung und zur effektiven Gewaltenteilung beiträgt, ohne dabei einem überholten vormodernen Sprachverständnis aufzusitzen. Die Thesen seines Textes sind heute so zeitgemäß wie bei ihrer Erstveröffentlichung vor gut zwanzig Jahren und ermutigen zu einem fruchtbaren transatlantischen Diskurs, der im folgenden Beitrag dieses Bandes von deutscher Seite fortgesetzt wird.

6 … Juristische Semantik messend verstehen. CAL²Lab – Eine computergestützte Forschungs- und Experimentierplattform als Beitrag zu einer datengestützten Rechtslinguistik, S. 177–183 in: Vogel (Hrsg.), Recht ist kein Text. Studien zur Sprachlosigkeit im verfassten Rechtsstaat, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2017, gemeinsam mit Isabelle Gauer / Friedemann Vogel

The goal of this interdisciplinary project is to develop and test a computer-linguistic platform for assisting legal linguistic research. The platform aims to support analyses of the use of legal language and legal concepts with the help of data-driven methods. It offers semi-automated tools to investigate the structure of legal concepts on multiple levels, while focussing on the contextual (in)determination of legal expressions (“sedimentation of legal dogmatics”) from diachronic (concept change) as well as synchronic (differences subject to legal schools, media, text types, legal fiels, etc.) perspectives. The development and application of the platform opens up new possibilities for legal textual work with mass linguistic data annotated and visualized specially for legal linguistic tasks. Therefore, it contributes to the hermeneutic of a statistical understanding of law. Access to this platform will be free of charge.

5 … Die kritische Masse. Aspekte einer quantitativ orientierten Hermeneutik am Beispiel der computergestützten Rechtslinguistik, S. 81–95 in: Schweiker/Hass/Novokhatko/Halbleib (Hrsg.), Messen und Verstehen in der Wissenschaft. Interdisziplinäre Ansätze, Verlag J.B. Metzler (Springer Fachmedien), Wiesbaden 2017, gemeinsam mit Friedemann Vogel

Die nachstehenden Überlegungen zum Verhältnis von Quantität und Qualität im Deutungs- und Erkenntnisprozess der Wissenschaften beruhen auf einer Begegnung sehr unterschiedlicher und dabei doch verwandter Disziplinen: Im Rahmen des Projekts „Juristisches Referenzkorpus“ (JuReko), das seit 2014 von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gefördert wird, erproben wir Möglichkeiten und Grenzen einer „computergestützten Rechtslinguistik“. Dazu dient der Aufbau eines Referenzkorpus des deutschsprachigen Rechts, d.h. einer aufbereiteten Sammlung juristischer Texte aus besonders relevanten Domänen (Gesetzgebung, Rechtsprechung, Rechtswissenschaft) und verschiedenen Rechtsgebieten (Zivil-, Straf-, Verwaltungs-, Wirtschaftsrecht usw.) als Grundlage für semiautomatische Studien aus juristischer, linguistischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive.

4 … Strukturierende Rechtslehre als juristische Sprachtheorie, S. 175–186 in: Felder/Vogel (Hrsg.), Handbuch Sprache im Recht, Verlag de Gruyter, Berlin 2017

Was bedeutet die pragmatische Wende in der Sprachwissenschaft für das Recht als ein mit Sprache und Sprachverstehen eng verknüpftes Handlungssystem? In der juristischen Methodenlehre entsteht seit einem halben Jahrhundert eine Theorie, die das Recht pragmatisch zu verstehen sucht und dadurch zum juristischen Brückenkopf der modernen Rechtslinguistik wurde. Durch die induktive Reflexion juristischer Entscheidungspraxis macht diese Theorie komplexe Prozesse strukturierter Rechtserzeugung erkennbar, wo die bislang herrschenden Methodenlehren bloße Rechts„anwendung“ sehen. Die Strukturierende Rechtslehre zeigt auf, dass juristische Deutungen als eine Form des Sprachverstehens ihren Sinn nur aus dem sozialen Miteinander gewinnen können und dass sich sogar die oft als lebensfremd verbrämte Rechtsdogmatik nur in intensiver Wechselwirkung mit der Lebenswirklichkeit denken lässt. Dadurch werden Recht und Sprache als emergente Phänomene der dritten Art verständlich und das Gebot einer interdisziplinär offenen Rechtswissenschaft unabweislich.

3 … Das juristische Referenzkorpus (JuReko). Computergestützte Rechtslinguistik als empirischer Beitrag zu Gesetzgebung und Justiz, S. 156–158 in: Burr (Hrsg.), DHd 2016: Modellierung - Vernetzung - Visualisierung. Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma, Verlag nisaba, Leipzig 2. Aufl. 2017, gemeinsam mit Isabelle Gauer / Friedemann Vogel

Sprachwissenschaftler_innen und Jurist_innen haben gemein, dass sie mit Texten arbeiten. Der juristische Umgang mit Texten ist allerdings geprägt und überformt von den Verfassungsgeboten der Rechtssicherheit und Vorhersehbarkeit der Interpretation von Normtexten, die eine disziplinäre Standardisierung erfordern. [Konferenzabstract]

2 … Computer Assisted Legal Linguistics (CAL²), S. 195–198 in: Bex/Villata (Hrsg.), Legal Knowledge and Information Systems. JURIX 2016: The Twenty-Ninth Annual Conference, Verlag IOS Press, Amsterdam 2016, gemeinsam mit Friedemann Vogel / Isabelle Gauer

We introduce Computer Assisted Legal Linguistics (CAL²) as a semi-automated method to “make sense” of legal discourse by systematically analyzing large collections of legal texts. Such digital corpora have been increasingly used in computational linguistics in recent years, as part of a quantitative research strategy designed to complement (rather than supplant) the more qualitative methods used hitherto. This use of statistical algorithms to analyze large bodies of text meets with an increasing demand by lawyers for empirical data and the recent turn towards evidence-based jurisprudence. Together, these research strands open exciting avenues for research and for developing useful IT tools to support legal decision-making, as we exemplify using our reference corpus of about 1 billion tokens from the language of German jurisprudence and legal academia.

1 … Der „Sprachgebrauch“ im Waffenarsenal der Jurisprudenz. Die Rechtspraxis im Spiegel der quantitativ-empirischen Sprachforschung, S. 184–204 in: Vogel (Hrsg.), Zugänge zur Rechtssemantik. Interdisziplinäre Ansätze im Zeitalter neuer Medien, Verlag de Gruyter, Berlin 2015

Wie sprechen Juristen über Sprache? Die heute herrschende Rechtsmethodik geht für die Interpretation von Rechtstexten vom „allgemeinen Sprachgebrauch“ aus. Unklar ist aber, was sie mit „Sprachgebrauch“ meint, wozu sie ihn benötigt und wie sie ihn ermittelt. Um quantitativ verlässliche Antworten auf diese Fragen zu geben, sichtet die vorliegende Untersuchung alle Vorschriften des Bundesrechts und die knapp 9.000 wichtigsten höchstgerichtlichen Urteile der letzten zehn Jahre, um zu untersuchen, wie diese Rechtstexte den „Sprachgebrauch“ verwenden. Es zeigt sich, dass sie damit zwei kategorial verschiedene Phänomene bezeichnen: einerseits die Begriffsdefinitionen der Normsetzer, andererseits die Verständigungspraxis der Normadressaten. Letztere zieht die Rechtsprechung vor allem zur Begriffsbestimmung heran und ermittelt sie vorrangig aus Wörterbüchern oder eigener Sprachkenntnis. Der Beitrag zeigt Bedenken gegen dieses Vorgehen auf und erörtert Methoden, um den „Sprachgebrauch“ empirisch zu fundieren. Solche Methodenehrlichkeit beugt der Sinnentleerung des rhetorischen Topos vor.