Hanjo Hamann / Fachtexte

25 … Justizforschung und Digitalisierung. Neue Wege zur Erschließung der Personalgeschichte des Bundesgerichtshofs im Internet, JurPC 30 (2018), im Erscheinen, gemeinsam mit Marisa Nest

Die traditionelle europäische Vorstellung vom kodifizierten Gesetzesrecht, das durch Richter lediglich ausgesprochen oder punktuell konkretisiert wird, lässt wenig Spielraum für die Entfaltung individueller Richterpersönlichkeiten. Dabei lässt sich gerade in Deutschland eine Hinwendung zur richterrechtlichen Methodik beobachten, die dazu ermutigt, sich mit der Personalgeschichte der Justiz differenzierter als bisher auseinanderzusetzen. Der vorliegende Beitrag versteht sich als Anregung und Arbeitshilfe zur Nutzung digitaler Arbeitsprozesse in der rechtsgeschichtlichen Forschung – einer Methodeninnovation, die andere Disziplinen derzeit unter dem Stichwort digital humanities verhandeln. Dies trägt dazu bei, die durch Rechtswissenschaftler immer öfter eingeforderte freie(re) Verfügbarkeit amtlicher Justizdaten zu verbessern, und erleichtert zugleich die Erforschung des Rechtssystems in anderen Fachdisziplinen, die dafür auf offen verfügbare Forschungsdaten (open data) angewiesen sind.

24 … Empirische Methoden für die Rechtswissenschaft. 35. Jahrestagung für juristische Institutionenökonomik vom 7. bis 10. Juni 2017 in Siracusa (Sizilien), JZ 73 (2018), S. 291–293

„Was muß ich allgemein zum Zwecke der Rechtsanwendung in einem bestimmten Rechtsgebiet an zugrundeliegenden Realien kennen? Mit Hilfe welcher Zweige der Wirklichkeitswissenschaft … sind diese Realien zu erfassen?“ – Diese Fragen beschäftigten vor mittlerweile 45 Jahren einen gerade nach Göttingen berufenen Rechtslehrer in seiner Antrittsvorlesung zur „Empirie in der Rechtsdogmatik“. Der Fragesteller ist längst emeritiert, doch seine Fragen treiben die juristische Methodenlehre bis heute um. Nun widmete sich auch eine international besetzte Tagung den „Empirical Methods for the Law“. Dem Ruf ihrer Bonner Organisatoren folgten etwa zwei Dutzend Teilnehmer, davon ein Drittel aus Deutschland. Zwölf Rechtsprofessor(inn)en, davon zehn zugleich geistes- und sozialwissenschaftlich promoviert, und neun Professor(inn)en aus Philosophie, Psychologie, Statistik und Ökonomik diskutierten zweieinhalb Tage lang über die Frage, „ob es besondere empirische Methoden geben kann, die der Rechtsforschung eigen sind“.

23 … § 157 BGB in praxisgerechten Zitierringen. Mein viel zu verschämter Versuch, im Onlinekommentar zitiert zu werden, JZ 72 (2017), S. 1098–1099

Neulich schmökerte ich wieder einmal in meinem Lieblingsbuch, dem BGB. Da gibt es einen Paragraphen 157, der uns alles sagt, was wir jemals über Verträge wissen wollten: „Verträge sind so auszulegen, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern.“ Das ist eine eminent wichtige Grundvorschrift unseres Zivilrechts, über die ganze Bibliotheken geschrieben wurden. Allein die große graue Datenbank verzeichnet 2558 Aufsätze, darunter 16 aus dem „Archiv für die civilistische Praxis“ und 77 aus der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ – von Monographien ganz zu schweigen. Und weil ich keine Zeit hatte, das alles selbst zu sichten, frug ich jene, die dafür bezahlt werden: Die Kommentatoren.

22 … VGH Mannheim verhandelt über Open Access. Müssen Wissenschaftler ihre Ergebnisse frei zugänglich machen?, LTO 8 (2017), Nr. 24747, S. 1–2, gemeinsam mit Fabienne Graf

Der VGH Mannheim hat verhandelt, ob Universitäten ihre Professoren zwingen dürfen, veröffentlichte Erkenntnisse frei verfügbar zu machen. Die lang erwartete Abwägung zwischen Urheber- und Wissenschaftsrecht steht aus, der Fall geht wohl zum BVerfG.

21 … Justiz im Dauerfeuer, JZ 71 (2016), S. 1108–1110

Es herrscht Krieg in der deutschen Rechtspflege. Die Tagespresse schweigt, doch täglich mehren sich in den Fachgazetten Andeutungen auf gewalttätige Ausschreitungen an deutschen Gerichten – bis hin zu den höchsten der Republik.

20 … Open Access in der Rechtswissenschaft. Tagung an der Universität Bern am 27. Mai 2016, GRUR 118 (2016), S. 1140–1142

Das Kürzel „OA“ ist juristisch verwaist, seit 1934 die württembergischen Oberämter in Kreise umbenannt wurden. Nun wird es neu belebt: Man spricht von „OA‐Veröffentlichungen“ und meint jene, auf die jedermann im Internet offen zugreifen kann – auf Englisch: „Open Access“. Waren OA‐Veröffentlichungen bislang vor allem Gegenstand juristischer Forschung, erreichten sie die deutsche Jurisprudenz am 27.5.2016 auch als binnendisziplinäre Methodenfrage. Darüber zu diskutieren hatten D. Verdicchio, D. Hürlimann, B. Dengg und R. Schatzmann an die Universität Bern eingeladen.

19 … Forderungserlass und Insolvenzplan. Zur Entmystifizierung „der Naturalobligation“ durch systematische und funktional-teleologische Auslegung, ZIP 35 (2015), S. 308–316, gemeinsam mit Kai Dellit

Gerade 20 Jahre ist es her, dass die InsO verkündet wurde. Mit ihr hielt der Insolvenzplan Einzug - ein sehr modernes Sanierungsinstrument, das aber auf eine durchaus veritable Geschichte zurückblickt. Dieses Spannungsverhältnis hat Systembrüche entstehen lassen, die mit der überkommenen Dogmatik nicht mehr überzeugend zu überbrücken sind. Vor allem die aus dem römischen Recht entlehnte „Naturalobligation“ stiftet inzwischen mehr Verwirrung als Nutzen. Höchste Zeit für eine dogmatische Neujustierung.

18 … Fliegende Schweine im Recht. Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Faselei, NJW 68 (2015), S. 459–461

Unbemerkt von der breiteren Öffentlichkeit jährte sich jüngst zum 40. Mal eine Erfindung, die zu einem festen Bestandteil unserer Rechtssprache geworden ist, aber bisher nie systematisch untersucht wurde. Der vorliegende Beitrag dokumentiert ihre historische Entwicklung und regt weitere Untersuchungen an.

17 … Bovigus. Revisiting a Legal Discovery, JIR 52 (2014), Nr. 4, S. 29–31

In 1838 a German law professor discovered an animal that biology has never heard of. His feat was acknowledged as being one of history’s boldest examples of legal reasoning, but ill feelings on the part of more established colleagues prevented its positive reception. The professor went on to become one of the most renowned legal scholars of his day, but his discovery fell into oblivion. Now it is time to revisit and extend this research.

16 … Moderne Verwaltung und E-Mail – oder: Eine Nummer über die Nummer, JZ 69 (2014), S. 295–296

Haben Sie schon eine E-Mail-Nummer? Die haben Sie ganz sicher, aber vielleicht wissen Sie es nicht. Denn früher hießen E-Mail-Nummern noch E-Mail-„Adressen“. Wie altmodisch. Das deutsche Verwaltungsrecht ist längst weiter.

15 … Tagungsbericht: Juristische Korpuspragmatik. Tagung des Institute for Advanced Studies (FRIAS) in Freiburg vom 25. bis zum 27. April 2013, JZ 68 (2013), S. 829–831

Welche Herausforderungen stellt die Sprach- und Medienwissenschaft dem Recht, welche neuen Zugänge eröffnet sie der Rechtswissenschaft? Diese Fragen standen im Zentrum einer Tagung, zu der Rechtslinguist Friedemann Vogel an das “Freiburg Institute for Advanced Studies” (Freiburger Institut für Höhere Studien, FRIAS) geladen hatte. Etwa fünfzig Teilnehmer folgten seiner Einladung, je zur Hälfte aus den rechts- und sprachwissenschaftlichen Fakultäten. Die Tagung suchte Anschluss an frühere, vor allem die Vorjahreskonferenzen „Die Mündlichkeit im Rechtsleben“ (Regensburg 2012) und “Pragmatist and Contextualist Approaches to Vagueness in Legal Theory and in Philosophy” (Freiburg 2012). An drei Tagen diskutierten Referenten und Gasthörer, welchen Nutzen die interdisziplinäre Forschung aus der zunehmenden Digitalisierung von Rechts- und Medientexten ziehen kann.
Die Veröffentlichung der Tagungsbeiträge ist in einem Sammelband beabsichtigt. Um eine vorläufige Bewertung aus Sicht der Rechtswissenschaft zu leisten, sei die Tagung schon jetzt kurz zusammengefasst. Ihr Programm folgte einer klaren Dreiteilung: Die ersten Vorträge entfalteten theoretische Überlegungen zum Verhältnis von Sprache und Recht und bereiteten das konzeptionelle Feld, auf dem in einem zweiten Teil konkrete interdisziplinäre Ansätze erprobt wurden. Der dritte Teil der Tagung widmete sich der Zusammenführung und mündete in einer prominent besetzten Podiumsdiskussion.

14 … Biometrie und Autonomie, KJ 46 (2013), S. 184–197, gemeinsam mit Yoan Hermstrüwer

Biometrie ist ein doppeltes Entscheidungsproblem. Während der Einzelne vor seiner Einwilligung eine Unmenge von biometriespezifischen Risiken zu bewerten hat, stehen auch die Rechtsetzung und die Rechtsauslegung vor einem Entscheidungsproblem. Wie sollen die Entscheidungsbeschränkungen, die den Einzelnen bei der Teilnahme an biometrischen Systemen beeinflussen, in der rechtspolitischen und rechtsdogmatischen Entscheidungsfindung berücksichtigt werden? Die Architektur des europäischen Datenschutzrechts und die Sensibilität der Rechtsauslegung für die psychologischen Kräfte, die bei jeder Einwilligung am Werk sind, werden das Schutzniveau des europäischen Datenschutzrechts maßgeblich prägen.

13 … Compliance und Unternehmenskultur als Verhaltenssteuerung. [Rezension zu] Jonas Pape, Corporate Compliance – Rechtspflichten zur Verhaltenssteuerung von Unternehmensangehörigen in Deutschland und den USA, Berlin 2011, 266 S., ISBN 978-3-8305-1870-9, CCZ 4 (2011), Nr. 5, S. V–VIII

Aus der Unternehmenspraxis entwickelt, erreicht Compliance zunehmend auch die Wissenschaft – man betrachte nur die zahlreichen Dissertationen, die sich aktuell mit Compliance allgemein und Corporate Compliance insbesondere befassen. Allein in den letzten beiden Jahren erschienen zwei Dutzend Arbeiten, die sich mit Compliance etwa in einzelnen Industriesektoren, in einzelnen Rechtsgebieten oder im Rechtsvergleich befassen. Ebenso entstanden aber auch Arbeiten mit einem umfassenderen dogmatischen Anspruch sowie solche aus der benachbarten Betriebswirtschaftslehre. Sogar eine erste Habilitationsschrift zum Thema liegt inzwischen vor.
Für neue Arbeiten bedeutet das rasche Wachstum des Forschungsfelds zweierlei. Einerseits müssen sie vergleichsweise innovativ bzw. originell sein, um noch als wissenschaftliche Leistung wahrgenommen zu werden. Andererseits dürfen sie in einem so jungen Themengebiet noch nicht einmal die Grundlagen als bekannt voraussetzen, so dass vielen Dissertationen die Einführung in die Compliance-Thematik zur Pflichtübung wird.
Die unlängst erschienene Dissertation von Jonas Pape gehört streng genommen nicht zur jüngsten Welle der Compliance-Dissertationen, sondern wurde schon 2008 abgeschlossen. Dennoch werde ich sie am o.g. Maßstab messen und nach einem kurzen Überblick über Struktur und Inhalt der Arbeit (1.) ihren originellen Kern besprechen (2.), bevor ich anhand dessen die Gesamtkonzeption Papes hinterfrage (3.). Abschließend kritisiere ich die Arbeit kurz in formaler Hinsicht (4.).

12 … Was kostet ein Manager? Preisfindungsmechanismen bei der Vorstandsvergütung, BRJ 3 (2010), S. 27–32

Die Wirtschaftskrise ist zugleich eine Legitimationskrise der neoklassischen Ökonomie. Selbst in orthodox liberalen Kreisen regen sich Zweifel an der regulatorischen Allmacht des freien Marktes. Schon ein Blick auf die Aufsatztitel juristischer Gazetten verdeutlicht das Ausmaß des Desasters: Bezeugte bis vor kurzem noch die „Aktienrechtsreform in Permanenz“ das Pulsieren einer starken, fordernden Wirtschaft, ist mittlerweile von einer „Finanzmarktstabilisierung in Permanenz“ die Rede. Namhafte Wirtschaftsrechtler fragen unverblümt: „Das Aktienrecht der Krise – das Aktienrecht in der Krise?“
Diese Zweifel tragen auch in ein ohnehin bereits umstrittenes Feld hinein: dasjenige der Organvergütung. Von der corporate-governance-Debatte der letzten Jahre inspiriert, haben Politiker die öffentliche Kontroverse darüber, wieviel Gehalt Manager verdienen und wieviel sie erhalten, als lohnendes Thema entdeckt – lässt sich doch mit den Todsünden Gier und Neid verlockend einfach polarisieren.
Doch auch handfeste Gründe sprechen dafür, die Preisfindungsmechanismen bei der Vorstandsvergütung zu überdenken. Die Wirtschaftskrise war nicht zuletzt Resultat zweifelhafter Verhaltensanreize durch unangemessene Vorstandsgehälter. Daher werde ich im Folgenden zunächst die bisherigen Entwicklungen der Angemessenheitssicherung darstellen (II.), bevor ich das Kernproblem konkretisieren (III.) und danach auf Lösungsmöglichkeiten eingehen (IV.) kann. Abschließend werde ich die Ergebnisse der Untersuchung kurz in Thesen zusammenfassen (V.).

11 … Die Straße zur Freiheit? – oder: Kritische Bemerkungen zur Neubekanntmachung von Gesetzen, DÖV 62 (2009), S. 1121–1130, gemeinsam mit Christoph Schwalb

Vor einigen Wochen erschien mit der Neufassung des Gefahrgutbeförderungsgesetzes ein Lehrstück über das Selbstverständnis, mit dem manche Ministerien Parlamentsgesetze behandeln. Die aberwitzigen Textfehler der Bekanntmachung bezeugen eine Sorglosigkeit, die wohl nur Spiegelbild der Eigenmächtigkeit ist, mit der die Behörde zugleich den Gesetzestext „korrigiert“ hat. Der Beitrag belegt anhand zahlreicher Beispiele, dass Neubekanntmachungen oft an substantiellen Fehlern leiden, die meist auf eine Missachtung der rechtsstaatlichen Förmlichkeit zurückzuführen sind. In sechs Thesen entwirft der Beitrag sodann ein dogmatisches Grundgerüst für die Bekanntmachungspraxis, das derartige Fehler ausschließen soll; abschließend regt er auch die Wiederbelebung des BGBl. III an.

10 … Verwirrende Vorschriften im Verbrauchssteuerrecht. [Zugleich eine Kritik am großzügigen Umgang mit Exekutivermächtigungen], BB 64 (2009), Nr. 48, S. M1, gemeinsam mit Georg A. Wittuhn

Mao Zedong prägte die berühmte Kampfparole „Chaos regiert die Welt – die Lage ist ausgezeichnet.“ Ob der deutsche Steuergesetzgeber ähnlich daoistisch denkt?

9 … „Unzulässig, aber gelegentlich nicht beanstandet“. Die Hilfsmittelverfügungen der Landesjustizprüfungsämter, myops 3 (2009), Nr. 2, S. 40–44

Jurastudenten von heute sind keine Glossatoren. Sie dürfen es auch nicht sein, denn handschriftliche Anmerkungen in den Hilfsmitteln zum Ersten Staatsexamen sind weitgehend verboten. Über Sinn und Unsinn dieser Praxis von einem, dessen Examenserinnerung noch frisch ist.

8 … Student Participation in Legal Education in Germany and Europe, GLJ 10 (2009), S. 1095–1112, gemeinsam mit Lisa Rieder

In Germany, the possibilities of students to participate in and contribute to legal education are generally quite limited. Compared to the legal education systems in the USA and Canada, the course of studies is rather theoretical and quite anonymous. Communication between students, faculty staff and deans is rare, and classes are fairly big. As to the abstractness of the curriculum, several changes have been made to improve the situation. For example, a reform in 2003 was supposed to increase foreign language competence and provide for more specialization and practical relevance. However, the system can still (or again) be considered to be “under construction”. Many important skills are not being taught, and the awareness of the international, social and cultural contexts is largely neglected or lacking reference to the subject matter. There is an ongoing debate about further changes to the legal educational systems especially about the adoption of the Bologna Process. While some consider it inapplicable to the German system, others have already started transferring it at their university. Several federal states have meanwhile started endorsing a basic reform. However the next rulings will not be until 2011. Presently scholars, policy-makers in the field of education and economists face the challenge of devising strategies for legal education that meet the needs and interests of all ”stakeholders” while being compatible with the traditional German system. Students are curious and concerned about the future of their curriculum. Their means of participation include a) passively evaluating teachings, b) actively engaging in a student parliament or self-governed student councils of a special field (so-called Fachschaften) and c) actively involving in student organizations.

7 … Juristische Kuriositäten. Ein Spaziergang durch den Paragrafendschungel, NJW 62 (2009), S. 727–732

Unter Juristen wird oft diskutiert, so manches mal gar „gestritten“; sogar darüber, ob es „streitig“, „strittig“ oder „umstritten“ heißen muss, streiten Juristen bekanntlich. Doch viel zu selten nimmt man sich die Zeit, einmal entspannt durch den Paragraphendschungel zu spazieren. Nur eine Stunde im grünen Wald, um sich an hübscher Flora zu erfreuen, kuriosen Wildwuchs zu bewundern und die Atmosphäre aufzunehmen – recht modrig hier, gar duftig dort. Eine Glosse.

6 … Kurioses im Paragrafendschungel. Interview, NJW 62 (2009), Nr. 9, S. XIV–XVI

Welches ist das einzige noch gültige Gesetz in Deutschland, das nur aus "weggefallen(en)" Regelungen besteht? Welche Ausnahme von der Ausnahme der Ausnahme der Ausnahme der Ausnahme einer Ausnahme steht einer Regel im deutschen Recht gleich?
Heft 11 der NJW, das am 5. März erscheinen wird, ist wieder ein Schwerpunktheft zu Themen aus Literatur, Kunst und Recht. In seinem Beitrag "Juristische Kuriositäten - ein Spaziergang durch den Paragrafendschunget" beantwortet dort Jura-Student Hanjo Hamann diese und andere Fragen, die wir selbst bisher nicht zu stellen wagten.

5 … Die Jahresfrist in § 135 I Nr. 2 InsO. Auf dem Prüfstand des MoMiG übersehen?, ZInsO 12 (2009), S. 264–270

Das Gesetz zur Modernisierung des GmbH-Rechts und zur Bekämpfung von Missbräuchen (MoMiG) ist am 1.11.2008 in Kraft getreten. Ein zentrales Anliegen des Gesetzes ist die Verbesserung des Gläubigerschutzes – gerade auch in der Insolvenz von Kapitalgesellschaften. Umso mehr verwundert es, dass eine der heftigst umstrittenen Fragen des insolvenzrechtlichen Gläubigerschutzes dem Gesetzgeber entgangen zu sein scheint. Ihre Behandlung soll hier nachgeholt werden.

4 … Aufsteigende Darlehen im Cash Pool im System des § 135 InsO. Replik auf Klinck/Gärtner, NZI 2008, 457, NZI 11 (2008), S. 667–669

Ein provokativ betitelter Aufsatz fragte kürzlich, ob das im Juni vom Bundestag beschlossene MoMiG der Konzernfinanzierung durch cash pooling den „Todesstoß“ versetze. Die Verfasser Fabian Klinck und Matthias Gärtner bejahen das und nähren damit Befürchtungen, die in der Praxis auch andernorts geäußert wurden. Ihre Argumentation ist jedoch in einem zentralen Punkt überdenkenswert.

3 … Der Bilanzmeineid nach § 331 Nr. 3a HGB. Zur Dogmatik eines neuen Wirtschaftsstraftatbestandes, Konzern 2008, S. 145–150

Der BGH sah sich einmal in einem Urteil zu der Feststellung veranlasst, dass wirtschaftliche Interessen oft „mit mehr oder minder harten Bandagen“ durchgesetzt werden – das sei „in der Praxis üblich“, so das oberste Gericht.
Wo aber die Grenzen wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes zulasten der Rechtsgemeinschaft überschritten und einzelne Rechtssubjekte in ihrem Vermögen beschädigt werden, da ist der Gesetzgeber gefordert, Abhilfe zu schaffen. Diese Forderung versteht der Gesetzgeber allzu gern als Ruf nach der strafenden, die Ordnung wieder herstellenden und das Vertrauen der Rechtsgemeinschaft rehabilitierenden Staatsmacht. So auch unlängst: Der „Forderung nach einer Verschärfung der Strafvorschriften im Kapitalmarktbereich als Reaktion auf [verschiedene] Finanzskandale“ folgte der Gesetzgeber prompt durch die überschießende Umsetzung einer europäischen Richtlinie im sog. Transparenzrichtlinie-Umsetzungsgesetz (TUG). Eine Norm des europäischen Regelwerks hatte vorgesehen, die Richtigkeit der Rechnungslegung durch eine persönliche Erklärung vom Verantwortlichen bestätigen zu lassen. Dies nahm der deutsche Gesetzgeber zum Anlass, in Art. 5 Nrn. 3-9 TUG eine Zusicherungspflicht vorzusehen, die bald als „Bilanzeid“ bezeichnet wurde, und deren Verletzung durch die Erweiterung von § 331 HGB mit Strafe belegt wurde.
Nachdem die Norm ein gutes Jahr in Kraft, erst kürzlich für die Praxis konkretisiert worden, und noch immer in der Diskussion ist, bietet es sich an, ihr einige dogmatische Überlegungen zu widmen.

2 … GmbH-Anteilserwerb vom Nichtberechtigten. Die Mischung verschiedener Gutglaubenstatbestände im MoMiG-Regierungsentwurf, NZG 10 (2007), S. 492–494

Lange wurde sie diskutiert, nun ist die GmbH-Reform im Bundesrat angekommen. Eine der markantesten Regelungen des Gesetzes zur Modernisierung des GmbH-Rechts und zur Bekämpfung von Missbräuchen (MoMiG) betrifft ein seit Inkrafttreten des GmbHG unangetastetes Problem: Den gutgläubigen Erwerb von GmbH-Geschäftsanteilen.
Nachdem bereits ein Vorentwurf fast ein Jahr lang zur Diskussion gestanden hatte, präsentierte der MoMiG-Regierungsentwurf vom 23.5.2007 in Art. 1 Nr. 15 einen umfassenden Regelungsvorschlag. Zwar wurden viele Anregungen aus der Literatur berücksichtigt, darüber ging allerdings das größere Bild verloren. So entstand eine eigenwillige Mischung verschiedener Ansätze – es fehlt allein an einer überzeugenden dogmatischen Grundwertung.
Welche Auslegungs- und Anwendungsprobleme Art. 1 Nr. 15 MoMiG-RegE aufwirft und wie sie dogmatisch konsequent zu lösen sind, will die folgende Ausarbeitung klären.

1 … In Concert or not in concert? Eine methodische Konkretisierung von § 30 Abs. 2 Satz 1 WpÜG, ZIP 29 (2007), S. 1088–1095

Was für Wettbewerbsrechtler der Monopolist, ist für Aktienrechtler der Hauptaktionär. Doch gibt es noch eine andere Art der wirksamen Neutralisierung von Konkurrenten. Im Wettbewerbsrecht heißt sie Kartell. Und im Aktienrecht?
Was passiert, wenn sich Minderheitsaktionäre zusammenschließen, um „ihr“ Unternehmen zu kontrollieren? Die Fälle Pixelpark, Beiersdorf und – medienwirksam – Deutsche Börse/TCI haben eine brisante Frage aufgeworfen. Die hat der Gesetzgeber zwar gesehen und in § 30 Abs. 2 Satz 1 WpÜG geregelt, doch blieben viele Aspekte dieser Norm lange unklar.
Mit der Entscheidung des BGH in Sachen WMF kam es Ende letzten Jahres zu einer ersten höchstgerichtlichen Entscheidung, die das Interesse der Rechtswissenschaft wiederbelebte. Erneut stellt sich die Frage: Wie entsteht ein „Aktionärskartell“ iSd § 30 II 1 Hs. 1 WpÜG? Eine rechtsmethodische Analyse soll helfen, diese Frage zu beantworten.