DDr. Hanjo Hamann

Zettelkasten

Bonn: Live dabei und unbetroffen

(Kategorie Gesammeltes | 27.8.2010, 11:30)

Manchmal ist es beeindruckend, wie der Zufall spielt. Um die Mittagszeit war ich gestern in der Universitätsbibliothek und wollte danach mit dem Fahrrad ins Institut fahren, als das gräuliche Wetter erst feuchtgrau, dann nassgrau wurde. Ich war noch etwa zwei Kilometer vom Institut entfernt, da musste ich mich entscheiden, entweder völlig durchgeweicht anzukommen oder den Schirm aufzuspannen und mein Fahrrad den Rest der Strecke zu schieben. Völlig entgegen meiner Gewohnheit entschied ich mich für letzteres. Auf dem Weg durch das ehemalige Regierungsviertel bemerkte ich dann einen Pulk von Regenschirmen vor der Villa Hammerschmidt.

Die Villa Hammerschmidt ist der Bonner Dienstsitz des Bundespräsidenten und ich entsann mich, aus dem Radio gehört zu haben, dass Christian W. sich entschlossen hatte, der ehemaligen Bundeshauptstadt an jenem Tag eine Audienz zu gewähren. Die Regenschirme setzten sich in Bewegung. Keine große Gruppe, wenig beachtet. Nur einige Reporter lösten sich gelegentlich aus der Gruppe der Regenschirme und wuselten in journalistischer Geschäftigkeit um das Rudel herum. Einige wollten vielleicht weiter nach vorn kommen oder einen Schnappschuss ergattern, und überholten die Gruppe auf der Straße. Ich wunderte mich über diesen Wagemut, denn bei jener Straße handelte es sich um die vierspurige Adenauerallee - als Bundesstraße 9 die Hauptverkehrsachse Bonns in Nord-Süd-Richtung, zu Zeiten der Bonner Republik als "Diplomatenrennbahn" berüchtigt. (Interessant übrigens, was der Stadtführer in dem Zusammenhang erzählt hatte: Die einzigen beiden Länder, deren Diplomaten sich in Bonn nie eines Verkehrsverstoßes schuldig gemacht hatten, waren der Vatikan und die DDR.) Erst später erfuhr ich, warum die Journalisten gefahrlos auf der B9 spazieren konnten: Die gesamte Straße war einseitig gesperrt worden.

Als ich die Gruppe erreichte, hatte sie gerade angehalten. Man bezog neue Stellung im Halbkreis um eine berühmte Bronzeplastik: den zweieinhalb Meter hohen Kopf des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. In der Mitte des Halbkreises sah ich dann den Häuptling aller Deutschen. Als CDU-Mann tätschelte er natürlich die Bronzenase des CDU-Altvorderen und ließ sich dabei von den Reportern ablichten, die geschäftigt im Halbkreis wuselten. Auch ein halbes Dutzend Bonner hatte sich an den Ort des Geschehens verirrt, so wie ich. Als die Politiker weiterziehen wollten, kam ein Familienvater mit Kinderwagen auf eine besonders clevere Idee. Als der Bundespräsident in seine Nähe kam, streckte er einem der Reporter seine Kompaktkamera mit den Worten hin: "Könnten Sie bitte einmal ein Foto machen?"

Die Reporter waren elektrisiert. Binnen Sekunden hatte sich ein dichter Kordon von Kameras um den Familienvater und den Bundespräsidenten gebildet. Letzterem blieb nichts anderes übrig als gönnerisch zu lächeln und sich mit Vater und Kindern ablichten zu lassen. Kameras klickten - mächtige Objektive, viel besser als jene winzige Kompaktkamera, die der Vater hingegeben hatte. Außerhalb des Menschenhaufens raunte es: "Das ist ja schrecklich." - "Wie Geier!" - "Gut, dass das Baby schläft. Was es wohl sagen würde, wenn es jetzt aufwachte?" - "Und was wird er später sagen, wenn er einmal die Fotos sieht?!" Ich konnte mir schon vorstellen, was er später sagen würde ("Papa, wer ist das?") doch gönnte ich dem Vater die naive Freude, einmal "seinem Staatschef" die Hand geschüttelt zu haben. Ich trollte mich stattdessen - ich hatte schon genug Juristen die Hand geschüttelt. Als der Bundespräsident und seine Entourage die Straße überquert hatte, wurde die Adenauerallee wieder freigegeben, und ich konnte noch einige Minuten mit ansehen, wie sich der kilometerlange Rückstau langsam auflöste...

Näher ging mir eine Radiomeldung heute Morgen: Im Raum-Zeit-Kontinuum der Stadt Bonn war ich heute genau 498 Meter und 10 Minuten neben einem Raubüberfall aufgewacht.

Ich sollte vorausschicken, dass mein Stadtteil, Kessenich, zu den ruhigsten der Stadt Bonn gehört. Kein Villenviertel, aber eine sehr verschlafene Wohngegend, die sich rund um das Stammwerk der Firma Haribo entwickelt hat. So verschlafen, dass man vergeblich nach Billigdiscountern sucht. Die einzigen mir bekannten Supermärkte in diesem Teil der Stadt sind ein kleiner REWE City im historischen Kern Kessenichs und ein Kaiser's in der anderen Richtung - und der ist genaugenommen schon in Dottendorf.

Der "historische Kern" Kessenichs, drei Laufminuten von mir entfernt, ist ein kaum 100 Meter langes verkehrsberuhigtes Sträßchen - Drogerie, Apotheke, Post, Sparkasse, Friseur, Haushaltswarenladen... und eben der REWE City. Denn "REWE CITY ist da, wo Sie sind: mitten in der Stadt und gleich um die Ecke. So haben Sie es nie weit, wenn Sie gerne frisch und abwechslungsreich einkaufen." Oder gerne Supermarktkassierer mit einem Messer überfallen. Denn genau das passierte heute Morgen kurz nach Ladenöffnung in besagter Filiale. Seitdem wird das Lokalradio nicht mehr müde, über die zwei Schwerverletzten und die Großfahndung der Polizei zu berichten - inklusive der typischen Fragen des Moderators an den Korrespondenten: "Ist der REWE-Markt jetzt großräumig abgesperrt oder wie sieht das da aus? Wie muss man sich das vorstellen?" Nun komme ich ja nicht so oft in den Genuss, meine Nachbarschaft beschrieben zu bekommen, ohne dass ich einen Fuß vor die Tür setzen muss. (Nur dass die Polizei in der Markusstraße Geschwindigkeitskontrollen macht, lässt man mich gelegentlich wissen.) Trotzdem hätte ich lieber darauf verzichtet.

Ich gehe zwar normalerweise nicht in den REWE, doch gerade am Dienstag war ich dort - 83 Stunden später wäre ich wohl Augenzeuge geworden. Oder Opfer. Und wenn REWE City wirbt: "Schauen Sie ganz einfach bei uns vorbei! Wir freuen uns auf gute Nachbarschaft. [...] Natürlich sind wir auch in unseren REWE und REWE CENTER Märkten für Sie da. Entscheiden Sie selbst, wo Sie sich zu Hause fühlen." weiß ich nur eins: Ich fühle mich zu Hause wesentlich zuhauser als in jedem REWE-Markt.